Plädoyer für die Prüfung eines Gesprächskanals, den die Gegenseite anbietet, Europa aber reflexhaft zerredet — während Russland an der Hormus-Krise Milliarden verdient, Trump die Ukraine-Frage an sich zieht und die Toten in Donezk weiter zählbar sind.
Worum es wirklich geht
Wenn ein Krieg auf zwei Millionen Tote, Verwundete und Vermisste zusteuert, ist die wichtigste außenpolitische Frage nicht, wer Recht hat, sondern wer überhaupt noch miteinander spricht. Genau deshalb ist Putins Vorschlag vom 9. Mai 2026, den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder als europäischen Vermittler einzusetzen, kein Anlass für moralische Empörung, sondern für eine sehr nüchterne Frage: Welche Alternative haben die Verweigerer?
Das Center for Strategic & International Studies (CSIS)[1] schätzt die kumulierten Verluste auf bis zu zwei Millionen — rund 1,2 Millionen auf russischer, bis zu 600.000 auf ukrainischer Seite. Das schwedische Frühwarnsystem VIEWS[2] prognostiziert allein für 2026 mehr als 28.000 zusätzliche Kriegstote. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte[3] hat über 12.700 zivile Todesopfer dokumentiert. Diese Zahlen sind die Buchhaltung dessen, was passiert, wenn Europa weiter seine eigenen Reflexe wichtiger nimmt als Menschenleben.
Was Putin am 9. Mai tatsächlich vorgeschlagen hat
Nach der Moskauer Militärparade zum Tag des Sieges hat Wladimir Putin Gerhard Schröder ausdrücklich als bevorzugten europäischen Gesprächspartner[4] für Verhandlungen mit der EU benannt und gesagt, der Krieg in der Ukraine neige sich dem Ende zu. Zugleich stellte er ein Treffen mit Wolodymyr Selenskyj in Aussicht, allerdings unter der Bedingung eines vorab vereinbarten Friedensabkommens.
Die Bundesregierung reagierte abwehrend[5]: „Scheinangebot“, „hybride Strategie“, kein Glaubwürdigkeitstest erfüllt. Skepsis ist legitim — aber Skepsis ist kein Argument gegen Sondierungen, sondern höchstens ein Argument für klare Vorbedingungen. Wer Skepsis und Verweigerung gleichsetzt, hat den Unterschied zwischen Diplomatie und Stimmungspolitik verlernt.
Mediation ist Handwerk, nicht Moralwettbewerb
Die Vereinten Nationen haben in ihrer Guidance for Effective Mediation[6] acht Fundamente formuliert: Vorbereitung, Zustimmung der Parteien, Unparteilichkeit, Inklusivität, nationale Eigenverantwortung, Völkerrecht, Kohärenz, tragfähige Vereinbarungen. Die zentrale Bedingung steht an zweiter Stelle: consent. Ohne die Akzeptanz beider Seiten zu Person und Format gibt es keinen Prozess.
Genau das übersehen die Schröder-Gegner reflexhaft: Ein Vermittler wird nicht von der Seite gewählt, die ihn moralisch sympathisch findet, sondern von der, die ihm überhaupt zuhört. Russland signalisiert genau diese Akzeptanz. Schröder ist nicht trotz, sondern wegen seines Drahtes nach Moskau ein nutzbarer Kanal. Ein Gegner sucht für Friedensgespräche niemals seinen erbittertsten Feind aus — diese Erwartung wäre die Selbstabschaffung der Diplomatie.
Schröder vertritt deutsche Interessen — und das ist sein Wert
Schröder ist kein freischwebender Privatmann mit zweifelhaftem Bekanntenkreis. Er war von 1998 bis 2005 Bundeskanzler, kennt die Architektur europäischer Außenpolitik aus Regierungserfahrung und weiß, was deutsche Staatsinteressen sind: Verhinderung einer NATO-Russland-Eskalation, wirtschaftliche Stabilität, Energiesicherheit, Eindämmung der Migrationsfolgen, Schutz der europäischen Sicherheitsordnung und die Sicherung einer souveränen Ukraine.
Dass er bereits 2022 — kurz nach Kriegsbeginn — auf ausdrückliche Bitte ukrainischer Verhandler[7] nach Moskau reiste, ist im aktuellen Empörungsmodus gerne vergessen. Damals erklärte sogar Michael Roth, heute einer der schärfsten Schröder-Gegner: „Jede Chance sollte ergriffen werden, um die Waffen zum Schweigen zu bringen.“ SPD-Chef Lars Klingbeil sagte 2022: „Alles was hilft gerade, um diesen furchtbaren Krieg zu beenden, ist ja willkommen.“ Die Frage an diese Akteure 2026 lautet schlicht: Was hat sich geändert — außer dass weitere Hunderttausende gestorben sind?
Der innerdeutsche Widerstand und seine inneren Widersprüche
Hören wir uns die Gegner einmal genau an, bevor wir ihre Argumente überschätzen.
- Die Bundesregierung spricht von „Scheinangeboten“ und einer hybriden Strategie[8]. Sie nennt als Glaubwürdigkeitstest eine Verlängerung der Waffenruhe. Das ist eine Bedingung — nicht das Ende der Diskussion.
- Michael Roth (SPD) nennt den Vorstoß einen „Affront“ gegenüber den USA und ein „durchsichtiges Manöver“. Übersetzt: Roths Hauptproblem ist nicht der Krieg, sondern Washingtons Empfindlichkeit. Eine seltsame Hierarchie für deutsche Außenpolitik.
- Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) bezweifelt Schröders Neutralität. Korrekt — aber Mediation verlangt nicht Neutralität, sondern Akzeptanz. Verwechslung gefährlicher Kategorien.
- Britta Haßelmann (Grüne) erklärt Schröder zur „Persona non grata in Europa“. Nur weiß die Gegenseite das nicht — und das ist der Punkt.
Diese Einwände kommen aus bekannter politischer Biografie, treffen einzelne Punkte und verdienen ernst genommen zu werden. Aber sie kommen auch aus einer offenkundigen Voreingenommenheit gegenüber jeder Verhandlungsoption mit Russland — und sie müssen genau dort hinterfragt werden, wo die Empörung das Argument ersetzt. Keiner dieser Einwände widerlegt die Grundfrage: Kann Schröder einen Gesprächskanal eröffnen? Sie zeigen nur, dass Schröder kein Alleinvermittler sein darf und nicht ohne ukrainische Zustimmung handeln kann. Beides ist auch in der Pro-Position unstrittig.
Selbst innerhalb der SPD gibt es Stimmen wie Adis Ahmetović[9], die sagen: „Wir können nicht akzeptieren, dass allein die USA und Russland über die Zukunft der Ukraine und der europäischen Sicherheit entscheiden.“ Ralf Stegner ergänzt: Wenn Gespräche über jemanden wie Schröder gelingen könnten, wäre es fahrlässig, das auszuschlagen — sofern kein Ergebnis ohne Zustimmung der Ukraine zustande kommt.
Die Trump-Falle: Warum Berlin sich selbst entmachtet
Hier wird es politisch bemerkenswert. Während die Bundesregierung Schröder als angeblich nicht-glaubwürdigen Kanal ablehnt, verhandeln zur selben Zeit[10] Steve Witkoff (Immobilienmakler) und Jared Kushner (Trumps Schwiegersohn) in Miami, Abu Dhabi und Moskau direkt mit der russischen Seite — über die Köpfe Europas hinweg. Die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik[11] urteilt vernichtend: Witkoff und Kushner seien „intellektuell und diplomatisch nicht darauf vorbereitet, mit der russischen Seite zu verhandeln“.
Das Peace Research Institute Frankfurt[12] hat im Spotlight 5/2026 — Titel: Verhandlungen im Ukrainekrieg. Europa auf der Speisekarte — Klartext geschrieben: „Wer aber nicht mit am Tisch sitzt, steht auf der Speisekarte.“ Europa habe versäumt, „einen kohärenten diplomatischen Ansatz zu entwickeln und wirtschaftliche sowie strategische Verhandlungsmasse zu generieren“.
Hier liegt der eigentliche Skandal der Schröder-Ablehnung: Die gleiche Bundesregierung, die einen deutschen Ex-Kanzler mit direktem Putin-Draht als untauglich abtut, lässt sich gleichzeitig von einem amerikanischen Präsidenten in eine Friedenslösung hineinverhandeln, in der weder die Ukraine noch Europa souverän mitentscheiden. Das ist keine Außenpolitik — das ist Selbstaufgabe.
Bezeichnend: Außenminister Johann Wadephul (CDU) hat ausgerechnet am 8. Mai 2026, einen Tag vor Putins Schröder-Vorschlag, eine eigene europäische Verhandlungsinitiative[13] im E3-Format mit Frankreich und Großbritannien angekündigt. Begründung: „Hintergrund ist, dass die USA derzeit vor allem den Iran-Krieg im Fokus haben.“
Genau hier wird der Widerspruch zur Farce: Wadephul will eine eigene europäische Stimme — und gleichzeitig lehnt die Regierung den einzigen aktuell verfügbaren europäischen Kanal nach Moskau pauschal ab. Wer eine europäische Verhandlungsinitiative ankündigt, aber das einzige real existierende Türschlüssel-Set ins Schließfach legt, betreibt keine Diplomatie — er betreibt Inszenierung. Auch EU-Ratspräsident António Costa sieht laut Financial Times „Potenzial“ für Verhandlungen mit Putin. Selbst der Kreml signalisiert über Sprecher Peskow Bereitschaft zu Gesprächen mit den Europäern. Es gibt also eine reale Verhandlungsöffnung — und Berlin verschließt eine ihrer wichtigsten Türen aus innenpolitischer Bequemlichkeit.
Souveränität ist die Fähigkeit, eigene Wege zu öffnen
Hier liegt die geopolitische Chance, die zu groß ist, um sie wegen Schröders Personalprofil zu opfern: Eine europäische Verhandlungsspur — getrennt vom Trump-Kushner-Witkoff-Komplex — wäre der erste echte Souveränitätsakt europäischer Außenpolitik seit 2022. Bisher hat Europa zwei Modi: einerseits Trumps Verhandlungstisch beklatschen oder beklagen, andererseits Sanktionen verlängern und Waffen liefern. Beides ist nicht souverän — beides ist Reaktion. Souveränität bedeutet: einen eigenen Kommunikationskanal eröffnen, eigene Bedingungen formulieren, eigene Interessen einspeisen. Schröder im E3-Mandat wäre genau das. Er würde nicht für Putin arbeiten, sondern als europäischer Backchannel innerhalb eines klar definierten Mandats.
Die historische Logik ist eindeutig: Mediatoren in schweren Konflikten — von Henry Kissinger über Martti Ahtisaari bis Lakhdar Brahimi — wurden nie wegen ihrer moralischen Reinheit ausgewählt, sondern wegen ihres Zugangs. Wer Schröder ablehnt, weil er „zu nah an Putin“ steht, lehnt zugleich die Logik jeder ernsthaften Friedensvermittlung ab.
Die Hormus-Falle: Wie der Kreml am Stillstand verdient
Wer behauptet, Russland werde mit der Zeit weichgekocht, sollte einen Blick auf die globale Energiekarte werfen — denn dort hat sich das Kräfteverhältnis seit Februar 2026 dramatisch zu Putins Gunsten verschoben. Während Berlin debattiert, ob man mit Schröder reden darf, verdient Moskau an genau jedem Tag, an dem nicht geredet wird, Milliarden zusätzlich. Diese ökonomische Realität hängt direkt mit der Verhandlungsfrage zusammen, denn sie verschiebt die Kostenrechnung des Krieges fundamental: Russland kann sich diesen Krieg jetzt länger leisten als jemals zuvor — und Europa kann ihn sich immer weniger leisten.
Seit dem 28. Februar 2026[14] ist die Straße von Hormus durch den Iran nach den US-israelischen Luftangriffen praktisch gesperrt. Der Schiffsverkehr ist von etwa 130 Transits pro Tag im Februar auf etwa 6 im März eingebrochen[15] — ein Rückgang von 95 Prozent. Die Internationale Energieagentur spricht von der „größten Versorgungsstörung in der Geschichte des globalen Ölmarkts“. Die Folgen für Europa: Gaspreise +70 %, Ölpreise +50 %[16], zusätzliche EU-Importrechnung von rund 13 Milliarden Euro. Die EU-Kommission warnt vor einer neuen Schuldenkrise[17] durch milliardenschwere Energiepreisbremsen. In Deutschland: Wachstumsprognose halbiert auf 0,5 %, Energiepreise im März +7,2 %, Inflation Richtung 3,1 %[18] — höchster Stand seit Anfang 2024.
Und nun der entscheidende Punkt: Wer profitiert? Die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer[19] hat berechnet: Russland verdient durch die Hormus-Krise monatlich mehr als zehn Milliarden Euro zusätzlich an Öl-, Gas- und Düngerexporten. Bei einem Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel sind das 71,8 Milliarden Dollar Mehreinnahmen pro Jahr; bei 200 Dollar wären es 350 Milliarden. „Russland ist damit der große Gewinner des neuen Krieges im Nahen Osten“ — das sagt nicht das Kreml-Außenministerium, sondern Matthias Schepp, der Vorstandsvorsitzende der deutschen Wirtschaftskammer in Moskau.
Übersetzt: Jeder Monat, in dem die Hormus-Straße geschlossen bleibt — und das wird sie nach allen Prognosen bis Jahresende[20] — schickt zehn Milliarden Euro zusätzlich in Putins Kriegskasse, während er gleichzeitig in der Ukraine seine Maximalforderungen aufrechterhalten kann. Genau jetzt — wenn die Asymmetrie der Kosten am stärksten zugunsten Moskaus verschoben ist — Verhandlungskanäle pauschal abzulehnen, ist nicht Härte, sondern strategische Idiotie.
Die innenpolitische Rückkopplung: Wie der Krieg die deutsche Mitte aushöhlt
Was außenpolitisch wirkt, kommt innenpolitisch zurück — und genau das macht die Schröder-Verweigerung doppelt riskant. Denn die Verlängerung des Krieges ist nicht nur eine Frage des moralischen Buchhalters, sie hat eine sehr konkrete Adresse: die Heizkostenabrechnung, den Wocheneinkauf, den Tankquittungsstapel, den Industriestandort. Wer den Krieg verlängert, verlängert die Hormus-Krise; wer die Hormus-Krise verlängert, verlängert die Inflation; wer die Inflation verlängert, sprengt die Mitte der Republik. Diese Mechanik gilt unabhängig davon, ob man sie wahrhaben will.
Die Bundesregierung Merz/Klingbeil ist innenpolitisch bereits jetzt brüchig[21]. Ein Jahr nach Amtsantritt rechnet eine Mehrheit der Deutschen mit einem vorzeitigen Ende. Die Entlastungsprämie ist im Bundesrat gescheitert[22], die Industrie warnt laut AHK vor einem Kostenschock, der „die erhoffte wirtschaftliche Erholung 2026 zunichtemacht“. In dieser Konstellation hat jede weitere Eskalation der Energiepreise eine direkte innenpolitische Konsequenz: Sie verschärft Verteilungskonflikte, treibt Ränder, schwächt staatliche Handlungsfähigkeit und macht eine kohärente Außenpolitik unmöglich. Die Akteure, die heute Schröder ablehnen, werden in einem Jahr erklären müssen, warum sie eine Verhandlungsoption verworfen haben, während Heizkosten, Mieten und Lebensmittelpreise die soziale Statik des Landes ins Wanken gebracht haben.
Die Logik der Lautstarken: Wer den Krieg gewinnen will, redet nicht
Es lohnt sich, ehrlich zu sein über die wirkliche Front. Es gibt eine einflussreiche Schicht in westeuropäischen Leitmedien und Parlamenten, die nicht trotz, sondern wegen der Verluste am Krieg festhält. Die Logik dieser Position: Russland muss militärisch und ökonomisch so geschwächt werden, dass es als geopolitischer Akteur dauerhaft erledigt ist. Diese Position ist intellektuell konsistent — sie ist nur keine Friedensposition. Sie ist eine Kriegsposition. Wer sie vertritt, soll das offen sagen, statt sie als „realistische Verhandlungsskepsis“ zu kostümieren.
Dass dieselben Stimmen behaupten, die Atommacht Russland werde demnächst die NATO angreifen, und gleichzeitig fordern, man müsse Russland in die Knie zwingen, ist die schwerere Variante kognitiver Dissonanz: Eine angeblich angriffsbereite Atommacht zu provozieren, ist keine Sicherheitspolitik, sondern Selbstverletzung im Maßstab eines Kontinents.
Im Frühjahr 2022 gab es in Istanbul ernsthafte Verhandlungen[23] zwischen Russland und der Ukraine — die Ukraine legte einen 10-Punkte-Plan vor, Naftali Bennett vermittelte parallel. Was danach geschah, ist bekannt: Boris Johnson reiste nach Kiew, und ein Verhandlungsweg, der Hunderttausende Leben hätte retten können, wurde politisch zerstört. Diese Geschichte sollte sich nicht wiederholen.
Wie ein verantwortlicher Einsatz aussehen müsste
Ein gewissenhafter Einsatz Schröders wäre weder Heiligsprechung noch Blankoscheck. Er müsste folgenden Bedingungen folgen:
- Backchannel statt Alleinvermittler: Schröder agiert als deutscher Sondierungskanal innerhalb des bereits existierenden E3-Mandats — exakt das Format, das Wadephul angekündigt hat.
- Kein Ergebnis ohne Ukraine: Stegner und Ahmetović haben das klar formuliert. Schröder kann sondieren, aber nicht entscheiden. Inhalte werden mit Kiew abgestimmt.
- Sofortige Glaubwürdigkeitstests: Verlängerung der Waffenruhe, humanitäre Korridore, Gefangenenaustausch, Zugang zu Energieinfrastruktur. Bedingungen sind Werkzeug, nicht Ausrede.
- UN-Mediationsprinzipien: Vorbereitung, Zustimmung, Inklusivität, Völkerrecht — die Guidance for Effective Mediation[24] ist der Maßstab, nicht die Talkshow-Stimmung.
- Volle Transparenz: keine Alleinreisen wie 2022, sondern offizielle Berichtspflicht gegenüber Bundesregierung und Bundestag.
So wird Schröders Nähe zu Putin zum Werkzeug, nicht zum Risiko.
Schluss: Die Beweislast hat sich umgekehrt
Friedensverhandlungen entstehen nicht zwischen Sympathischen, sondern zwischen Feinden. Wer einen Gesprächskanal nur deshalb verwirft, weil ihn die Gegenseite vorgeschlagen hat, hat Diplomatie mit Stimmungspolitik verwechselt.
Die Frage ist nicht, ob Schröder ein idealer Vermittler ist. Idealvermittler existieren nicht. Die Frage ist, ob er ein nutzbarer ist. Die Antwort liegt offen vor uns: Russland akzeptiert ihn. Die Ukraine hat ihn 2022 selbst angefragt. Er kennt deutsche Interessen aus seiner Kanzlerschaft. UN-Mediationsprinzipien stützen den pragmatischen Zugang. Trump verhandelt ohnehin schon — die Frage ist nur, ob Europa dabei am Tisch sitzt oder auf der Speisekarte steht.
Hier liegt der entscheidende Punkt, an dem die Verweigerer beim Wort genommen werden müssen: Was ist eigentlich ihr Vorschlag? Seit Beginn dieses Krieges hat keiner der lautstarken Schröder-Gegner — weder in der Bundesregierung noch in den Parteien, die ihn jetzt zur Persona non grata erklären — auch nur einen einzigen konstruktiven Friedensvorschlag formuliert. Kein Format. Kein Mandat. Kein Mediator. Kein Eskalationspfad. Keine Vision einer europäischen Sicherheitsarchitektur, die diesen Krieg beendet, ohne ihn auf einen anderen Kontinent zu verschieben. Das gesamte Repertoire dieser Akteure besteht aus zwei Bewegungen: noch mehr Waffen, noch mehr Sanktionen. Beides hat seine Berechtigung als Druckmittel — aber Druck ohne Gesprächskanal ist keine Politik, sondern eine Drohung im Leerlauf. Und sie wird bezahlt mit ukrainischen Soldaten, mit deutschen Heizrechnungen, mit europäischen Wachstumspunkten und mit der politischen Stabilität der eigenen Demokratien.
Wer keinen besseren Plan hat als den nächsten Munitionsabschnitt, sollte die schweigsame Bescheidenheit derer üben, die wissen, dass sie nichts wissen. Stattdessen reden sie am lautesten — über alles, was nicht gehen soll, und über nichts, was gehen könnte.
Die Beweislast hat sich längst umgekehrt: Nicht die Befürworter von Sondierungen müssen rechtfertigen, dass sie reden wollen. Die Gegner müssen erklären, warum ein real existierender Gesprächskanal nicht genutzt werden soll — während pro Monat zehn Milliarden Euro zusätzlich in Russlands Kriegskasse fließen, allein 2026 über 28.000 weitere Menschen sterben werden, Trump die Ukraine-Frage über die Köpfe der Europäer hinweg verhandelt und die Hormus-Krise die deutsche Industrie würgt.
Wer in dieser Lage „Nein“ sagt, ohne eine bessere Alternative zu nennen, hat keinen Plan, sondern ein Feindbild. Wer aber zwischen Kriegslogik und Verhandlungslogik wieder umschalten will, muss bei den verfügbaren Türen anfangen — auch bei den unbequemen.
[1]CSIS-Bericht zu Kriegsverlusten, zit. bei Ukraine Aktuell: ukraineaktuell.com
[2]VIEWS-Prognose, Evangelische Zeitung: evangelische-zeitung.de
[3]UN-OHCHR / Statista: de.statista.com
[4]ZDFheute, 10.05.2026: zdfheute.de
[5]t-online / Reuters, 10.05.2026: t-online.de
[6]UN Peacemaker, Guidance for Effective Mediation: peacemaker.un.org
[7]Spiegel, Schröder-Reise nach Moskau 2022: spiegel.de
[8]DIE ZEIT, 10.05.2026: zeit.de
[9]ZDFheute Ukraine-Liveticker (Ahmetović): zdfheute.de
[10]Handelsblatt-Liveblog (Trump-Verhandlungen, Costa, Peskow): handelsblatt.com
[11]DGAP, Verhandlungen Russland-Ukraine-USA: Theater für Trump?: dgap.org
[12]PRIF Spotlight 5/2026, Verhandlungen im Ukrainekrieg. Europa auf der Speisekarte: blog.prif.org
[13]Tagesspiegel-Liveblog, Wadephul-Verhandlungsinitiative: tagesspiegel.de
[14]Wikipedia, 2026 Strait of Hormuz crisis: en.wikipedia.org
[15]UNCTAD, Hormuz disruption deepens global economic strain: unctad.org
[16]Euronews, Strait of Hormuz shutdown — Implications for Europe: euronews.com
[17]Finanzpraxis (EU-Kommission-Warnung): finanzpraxis.com
[18]Pravda Deutschland (Bloomberg-Bezug, Wachstumsprognose halbiert): germany.news-pravda.com
[19]Deutsch-Russische Auslandshandelskammer / Euronews: de.euronews.com
[20]LSE Business Review, Hormuz disruption — global inflation, shipping and growth story: blogs.lse.ac.uk
[21]kettner-edelmetalle.de, Bilanz Merz-Regierung: kettner-edelmetalle.de
[22]ZDFheute, gescheiterte Entlastungsprämie: zdfheute.de
[23]ZEIT/dpa, Schröder zu Istanbul-Verhandlungen 2022: zeit.de
[24]UN DPPA, Guidance for Effective Mediation: dppa.un.org
Zum Autor: Axel Fersen ist Politikwissenschaftler und Experte für digitale Transformation und künstliche Intelligenz. Nach dem Studium an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz führte ihn sein Weg in die Technologiebranche. Heute lebt und arbeitet er in Barcelona. Politisch ist er seit 1984 in der SPD engagiert und Mitglied der katalanischen Schwesterpartei PSC. Er koordiniert den Erhard-Eppler-Kreis, gehört dessen Leitungskreis an, ist Vorstandsmitglied des Europa-Instituts für Sozial- und Gesundheitsforschung an der Alice Salomon Hochschule Berlin und wirkt in der Studiengruppe Technikfolgenabschätzung der Digitalisierung der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) mit.













Der Artikel hat mich wirklich überzeugt, Schröder doch als Vermittler- wie von Putin vorgeschlagen- zu akzeptieren.
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Vielen Dank!!