Die EZB weiß, dass sie mit höheren Zinsen weder Öl noch Gas billiger machen kann. Sie weiß, dass der neue Inflationsschub vor allem von den Energiepreisen ausgeht. Und sie sieht bislang keine ausgeprägte Lohn-Preis-Spirale.
Warum erhöht sie trotzdem?
Vielleicht muss man weniger auf die Inflation als auf die institutionellen Risiken der EZB schauen.
Erhöht sie nicht und verfestigt sich die Inflation wider Erwarten doch, ist der Schuldige schnell gefunden: Die EZB hat erneut zu spät gehandelt. Der Vorwurf von 2021/22 wäre sofort wieder da.
Erhöht sie dagegen unnötig die Zinsen und schwächt dadurch Investitionen, Wohnungsbau und Wachstum, ist die Verantwortung viel schwerer zuzuordnen. Niemand kann beobachten, wie hoch das Wachstum ohne Zinserhöhung gewesen wäre. Und für eine schwache Konjunktur stehen genügend andere Erklärungen bereit.
Auch die öffentliche Reaktion ist asymmetrisch. Für die Zinserhöhung bekommt die EZB Kritik. Gleichzeitig kann sie sich des Beifalls der Stabilitätsfalken in Banken und Finanzwirtschaft sicher sein: entschlossen gehandelt, Inflationserwartungen geschützt, Glaubwürdigkeit bewahrt.
Die EZB versichert sich damit gegen den Fehler, der ihr eindeutig zugerechnet würde. Dafür nimmt sie das Risiko eines Fehlers in Kauf, dessen Kosten Unternehmen, Häuslebauer, öffentliche Haushalte und Beschäftigte tragen – und dessen Urheber später kaum eindeutig festzustellen wäre.
Dahinter steckt allerdings mehr als das Verhalten einzelner Zentralbanker. Die Asymmetrie ist im europäischen Zentralbanksystem angelegt. Die EZB ist vorrangig auf Preisstabilität verpflichtet. Wachstum und Beschäftigung sind nachgeordnet.
Andere Zentralbanken sind anders konstruiert. Die amerikanische Federal Reserve hat ausdrücklich ein Doppelmandat: stabile Preise und maximale Beschäftigung. Sie muss deshalb beide Seiten einer geldpolitischen Entscheidung gegeneinander abwägen.
Genau diese Gleichrangigkeit fehlt der EZB. Bei einem von außen kommenden Energiepreisschock wird das besonders problematisch: Das Risiko einer möglicherweise künftig verfestigten Inflation erhält institutionell mehr Gewicht als der bereits heute absehbare Schaden höherer Zinsen für Investitionen, Wohnungsbau und Konjunktur.
Die für die EZB sicherste Entscheidung folgt damit zugleich der Logik ihres Mandats. Die Frage ist, ob Europa sich eine Geldpolitik leisten sollte, bei der Preisstabilität institutionell Vorrang hat, während die realwirtschaftlichen Kosten ihrer Durchsetzung nur nachrangig berücksichtigt werden.
Bildquelle: Gerda Arendt, CC0, via Wikimedia Commons













