Vorbemerkung
Vor 250 Jahren haben die USA ihre Unabhängigkeit erklärt, was in diesem Jahr groß gefeiert wird. 13 Kolonien wollten sich vom Mutterland Großbritannien lösen. Bei aller Wertschätzung des Inhalts war die Unabhängigkeitserklärung allerdings auch eine Kriegserklärung. Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg und sein am Ende für die Vereinigten Staaten erfolgreicher Ausgang bzw. der Mythos dieses Krieges und vor allem der Unabhängigkeitserklärung ist denn auch eine der Wurzeln des Stolzes der Amerikaner auf ihre Geschichte.
Ein weiterer Mythos ist die Art und Weise der Eroberung und Besiedlung des Kontinents, die erst Ende des 19. Jahrhunderts abgeschlossen war. Das Land war jedoch vorher nicht „leer“. Die Bekämpfung und Vertreibung der Ureinwohner sind eine eigene Geschichte, die heute im öffentlichen Bewusstsein nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Und der amtierende Präsident Donald Trump, dessen Großvater ein Einwanderer aus der Pfalz war, tut im Übrigen alles, um diesen Aspekt der Geschichte so klein wie möglich zu halten.
Beide Mythen überdecken die negativen Seiten der Geschichte der Entstehung der USA. Weder der blutige Krieg mit seinen vielen Opfern auf beiden Seiten noch die Ausrottung ganzer Völker bzw. Stämme werden bei den Feierlichkeiten intensiver thematisiert; sie kommen im amerikanischen Geschichtsbewusstsein und insbesondere bei den Jubiläumsfeierlichkeiten allenfalls am Rande vor.
Soldatenhandel
In den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, der 1775 begann und erst 1783 formell endete, schickte das Vereinigte Königreich eigene und angeheuerte Truppen, unter ihnen auch viele Soldaten aus deutschen Landen, insbesondere aus Hessen. Deren Ruf ist bis heute in den USA negativ, denn sie kämpften auf der gegnerischen Seite. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass nicht wenige der hessischen Soldaten in Gefangenschaft gerieten oder desertierten und nach dem Krieg in Amerika blieben, wo sie am Aufbau des Landes mitwirkten. Sie wurden Bürger der USA und ihre Nachfahren sind heute oft stolz auf ihre deutschen Wurzeln.
Einer von Ihnen war Henrich Braukmeyer, geboren ca. 1753. Im Hessischen Staatsarchiv Marburg taucht sein Name in einer der Listen der hessischen Truppen im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg auf. Er stammte aus Ostendorf in der Grafschaft Schaumburg, die zu Hessen-Kassel gehörte. Ob er zwangsrekrutiert wurde oder sich freiwillig gemeldet hat, ist eine offene Frage. Er war auf jeden Fall einer der circa 18 bis 20 Tausend Soldaten, die von ihrem deutschen Landesfürsten gegen gutes Geld an den König von England vermietet wurden. Über Portsmouth wurden die Söldner nach New York verschifft, von wo sie auf den unterschiedlichen Kriegsschauplätzen kämpften.

Henrich Brauckmeyer war ein einfacher Soldat, ein Gemeiner, in einem der ersten Infanterie-Regimenter, die zu Beginn des Krieges nach Amerika geschickt wurden. Vielleicht war es sein Glück, dass er schon Anfang 1777 in Gefangenschaft geriet, und zwar in der Nähe von Trenton in New Jersey. Kurz vorher hatte dort General Washington den Fluss Delaware überquert – festgehalten in einem ikonischen Gemälde des deutsch-amerikanischen Malers Emanuel Leutze aus dem Jahr 1851, das sich in das historische Bewusstsein der Amerikaner eingebrannt hat.

Ein Großteil der hessischen Gefangenen – allein Ende Dezember 1776 bei Trenton sollen es über 1000 gewesen sein – wurde Anfang 1777 in ein Lager im Lancaster County in Pennsylvania gebracht. Dort gab es deutsche Siedlungen, vor allem von protestantischen Auswanderern aus der Pfalz, aber auch aus Württemberg, Baden und der Schweiz. Die deutschen Gefangenen konnten mit ihnen Kontakt haben und auch für sie arbeiten. Deshalb dürfte sich Henrich Brauckmeyer nach dem Ende des Krieges in dieser Region niedergelassen haben. Er war damit einer von etwa dreitausend ehemaligen deutschen Soldaten, die in den Vereinigten Staaten blieben. Er taucht in den Kirchenbüchern der Gemeinden in dieser Gegend erstmals bereits 1782 auf und später in der ersten Volkszählung aus dem Jahr 1790.
Spurensuche
Pennsylvania hatte zu dieser Zeit etwa 435.000 Einwohner, wovon schätzungsweise 30-40 % deutschstämmig waren. In den Kirchenbüchern der Lutherischen bzw. Reformierten Gemeinden in East Cocalico und im benachbarten New Holland, beide im Lancaster County, Pennsylvania, finden sich bis 1790 Taufeinträge von fünf Töchtern eines Henry Brauckmeyer und seiner Frau Christina. Dabei ist zu beachten, dass die Schreiber der Einträge nach Gehör arbeiteten und deshalb unterschiedliche Namensvarianten vorkamen, so etwa auch Brauchmeyer oder Brautmeier. Die Vermutung, dass letzterer Name auf einen Ursprung aus dem Delbrücker Land in Westfalen hinweist, hat sich allerdings nicht bestätigen lassen. Aus den ebenfalls handschriftlichen Aufzeichnungen über die erste Volkszählung der Vereinigten Staaten im Jahr 1790 geht außerdem hervor, dass in Cocalico, Lancaster County, Pennsylvania, ein männliches Familienoberhaupt mit Namen Henry Brauckmyer und fünf weibliche Familienmitglieder lebten. Zu dieser Zeit war die Tochter Johanna Susanna noch nicht geboren. Drei und fünf Jahre später wurden noch ein Sohn und eine weitere Tochter geboren.

Fazit
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben 250 Jahre nach der Erklärung ihrer Unabhängigkeit allen Grund zu feiern. Das Schicksal eines einfachen hessischen Soldaten, der am Anfang dabei war, zeigt allerdings, wie vielschichtig die amerikanische Geschichte ist. Ein kritischerer Blick darauf wäre angebracht, denn sie begann mit Eroberung und Krieg. Innerhalb der Vereinigten Staaten hatten und haben viele Einwanderer einen großen Anteil am politischen und wirtschaftlichen Aufbau des Landes, selbst wenn sie ursprünglich einmal als Soldat gekommen waren, um die Unabhängigkeitsbestrebungen zu bekämpfen.
Happy birthday America!














