Theater Konstanz

Misstraue der Idylle – „Am Wasser“ Das turbulente Anti-Waffen-Stück im Theater Konstanz.

Nein,  den Bodensee an sich müssen wir immer noch nicht als dubios empfinden. Seine ruhig machende Wirkung auf uns gestresste Zeitgenoss*innen ist ein wahres Geschenk des Himmels. Und dennoch: An seinen Ufern  geht es neben den schönen Spazierwegen und den großzügigen Naturschwimmbädern alles andere als friedfertig zu: jede Menge technisch hoch versierter Waffen werden in etlichen Ufer-Städten von cool kalkulierten Rüstungskonzernen hergestellt und in alle Herren Länder hochpreisig geliefert. Den Arbeitern in den Waffenschmieden geht es finanziell nicht schlecht, den Ingenieuren und Managern schon gar nicht, alle Hierarchie-Ebenen werden eher übertariflich entlohnt. Entsprechend bleibt auch nach 1945 das Tabu bestehen: über das todbringende Resultat solcher Produkte wird z.B. in den Familien rund um den See am liebsten geschwiegen; schließlich profitieren scheinbar alle davon: die Städte kassieren jede Menge Gewerbesteuern, die Bewohner können sich teure Autos leisten und ansehnliche Immobilien. Die ganze Branche – ein Geschäftsmodell mit infernalisch wirksamer Zukunft, und mit notorisch schlimmen Aussichten für jene Menschen, in deren Heimat der ganze innovative Rüstungs-Horror irrsinnige Verwüstungen anrichtet, und so viel Angst auslöst, Kaskaden von Bedrohungen!  Spricht man vorsichtig mit Leuten, die von Waffendeals profitieren, wird es im Gespräch umgehend ziemlich ungemütlich, man wird zur „Spaßbremse“, Sozialneid wird sogar unterstellt, und im Anschluss an die unwirsche Abwertung sämtlicher Argumente folgt dann der Satz: „Wenn wir es nicht machen, machen es doch die Anderen.“

Jetzt allerdings gibt es im Theater Konstanz in der Spiegelhalle ein tolles Stück einer Überlinger Autorin zu bewundern. Annalena Küspert hat aufgrund ihrer eigenen ambivalenten Erfahrung ein sehr kritisches Stück über das Tabuthema Waffenindustrie geschrieben. In der Inszenierung von Nicola Bremer geht es in den 75 Minuten hoch her, und man fühlt sich im Tempo und in der Spielfreude auf dieser Bühne fast nostalgisch an das gesellschaftskritisch munter aufklärende Grips-Theater im Berlin der Achtziger Jahre erinnert, nach dem Motto „Doof geborn ist Keiner, doof wird man gemacht…“:

Die kesse Influencerin Saliha – gerade mal 18 – flippt zunächst euphorisch rum, ist sie doch mit Jan, dem Sohn des wohlhabenden Rüstungsindustriellen superverliebt zusammen.

Die Idylle kippt – so viel sei verraten, und das wahrhaftig Gelungene an diesem Theaterabend ist die argumentative Eindringlichkeit, ein Lernprozess, den die junge Frau – und so auch wir Zuschauer – schön beharrlich erleben. Da kann es dann keinerlei Ausreden mehr geben, und hinter der hyper gut gelaunten Sorglosigkeit scheint unverkennbar das moralisch Abgründige des Profits durch todbringende Waffen hervor: Und auch wir, die die unbequemen Fragen nicht stellen, auch wir sind für die Fluchtursachen mit verantwortlich!

Was das fehlende Unrechts-Bewusstsein  der  konkret im Waffengeschäft mitmachenden Leute angeht – das ist schon ein Phänomen, denn wie diese sich weigern, über den Tellerrand zu blicken, wenn sie sich die schlimmsten technischen Feinheiten an brutaler Wirkung ihrer mörderischen Innovationen ausdenken – das sollte öffentlich viel deutlicher diskutiert werden. Es gibt genug humane Arbeitsplätze für wahrhaftig sinnvolle Produktionen.

Weiterführende links:

www.aufschrei-waffenhandel.de

www.theaterkonstanz.de

Bildquelle: Ilja Mess 

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Marianne Bäumler

Die Theater-, Film- und Literaturkritikerin schreibt für diverse Zeitungen und arbeitet für den öffentlich rechtlichen Rundfunk. Sie promovierte über Erich Kästner, lehrte an der Universität Marburg, arbeitete als Dramaturgin und machte Dokumentarfilme für den WDR und andere ARD-Sender.


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