„Schreiben, was ist!“ Das war das Motto des legendären Rudolf Augstein, mit dem er dem Spiegel über Jahrzehnte seinen Stempel aufdrückte und Generationen von Journalisten beeinflusste. Das gilt heute nicht mehr – dafür lieferte die journalistische Berliner Blase in dieser Woche Anschauungsmaterial. „Schreiben, was sich für eine Schlagzeile eignet!“ Selbst wenn sie schwachsinnig ist. Angeführt von Bild, orchestriert vom Spiegel und großen Teilen der Hauptstadtpresse, wurde Altkanzlerin Angela Merkel als mögliche Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten ins Gespräch gebracht.
Das knappe, aber eindeutige Dementi ihres Büros – „abwegig“ – half nicht, die Argumente einiger Kommentatoren zu einem Für oder Wider Merkels als Nachfolgerin von Frank-Walter Steinmeier 2027 zu stoppen. Stattdessen kam es so über, als habe sich die 71jährige nach reiflicher Überlegung zu einer „Absage“ entschlossen, um der absurden Spekulation wenigstens ein Pseudo-Gewicht zu geben.
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Merkel-Exegese hat zurzeit ohnehin Hochkonjunktur. Seit Wochen rätseln die Medien, was die ehemalige CDU-Vorsitzende bewogen hat, nach Jahren der Abwesenheit in der kommenden Woche beim CDU-Parteitag in Stuttgart aufzutreten. Ob sie ihren Dauerrivalen Friedrich Merz ärgern will? Ob sie demonstrieren möchte, dass die alte Merkel-CDU noch lebt? Ob sie das Forum zur Kritik an der Regierungspolitik nutzen werde?
Einige vermuten gar, dass es ihr gefallen könnte, gemeinsam mit Annegret Kramp-Karrenbauer und Armin Laschet, wie sie Vorgänger von Merz im Parteivorsitz, gegen das aktuelle Parteiestablishment zu demonstrieren. Mehr als journalistische Kaffeesatzleserei? Wenn sie früher den Einladungen zum Parteitag nicht folgte, war es ein Affront gegen Merz, jetzt wird ihr Kommen als solcher interpretiert. Man mag zu ihr stehen, wie man will, aber davon auszugehen, dass ihr Leben in der „gewonnenen Freiheit“ von Rivalität zu Friedrich Merz dominiert wird, ist ein etwas kleinkariertes psychologisches Strickmuster.
Vielleicht gefällt es ihr einfach, ins Ländle zu fahren, wo sie „als sparsame schwäbische Hausfrau“ gefeiert wurde. Und im Übrigen werden die baden-württembergischen Christdemokraten froh sein, mit ihrer Anwesenheit im Wahlkampf punkten zu können. Denn für den jungen CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel zählt jede Stimme im Kampf gegen den populären Grünen Cem Özdemir.
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Olaf Scholz, Nachfolger von Merkel im Kanzleramt, hat sich gefreut, als die ihm 2024 ein Exemplar ihrer Memoiren mit „sehr freundlichen Grüßen“ zukommen ließ. Und wie es aussieht ist er von ihrem auflagestarken Bucherfolg zum Schreiben animiert worden. Ob es Memoiren werden – wie bei Merkel gar mit 740 Seiten Umfang – lässt er offen, aber „auf alle Fälle habe ich vor zu schreiben“. Das erklärte er kürzlich in Heidelberg, wo er im Wahlkampf für die SPD unterwegs war. Bleibt zu hoffen, dass er nicht ganz so „dröge“ schreibt, wie er mitunter geredet hat.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












