Die Bürgerinnen und Bürger dürfen entscheiden. Der olympische Gedanke als Basisdemokratie. 17 Städte in NRW möchten mit ihren Sportstätten dabei sein, wenn sich die Region an Rhein und Ruhr um die Olympischen Spiele in Köln, Dortmund, Gelsenkirchen oder Düsseldorf bewirbt – in einer recht fernen Zukunft.
Das Fell des Bären ist schon verteilt. Der weltberühmte Kölner Dom soll das IOC als Wahrzeichen anlocken. Die Schalker Fußballarena soll zum Schwimmstadion ausgebaut werden, die Essener Zeche Zollverein als Weltkulturerbe Schauplatz von Bicycle-Motorcross-Radspektakeln sein und die Kölner Lanxess-Arena Austragungsort der Turnelite.
Wenn, ja wenn, die Menschen der betroffenen Städte bis zum 19. April die Briefe, die ihnen in diesen Tagen ins Haus flattern mit einem „Ja“ als Zustimmung für das olympische Spektakel beantworten.
Ob aus dem Vorhaben selbst bei Zustimmung etwas wird, ist ungewiss. Neben Rhein und Ruhr bewerben sich München, Berlin und Hamburg im nationalen Wettstreit um die Spiele.
Noch ungewisser ist, um welche Spiele sich der Deutsche Olympische Sportbund dann bewerben wird. Zur Diskussion steht eine deutsche Bewerbung für 2036, 2040 oder 2044. Lang hin. Aber gerade das erste Datum im nächsten Jahrzehnt ist geschichtlich belastet. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat aus gutem Grund abgeraten, dass sich Deutschland hundert Jahre nach der Nazi-Olympia 1936 bewirbt. „Historisch problematisch“, tat sein Büro die Idee für eine Bewerbung zu diesem Jahrestag ab.
Zu recht! Dass der DOSB dieses Datum selbst nicht ausgeschlossen hat, zeigt, wie geschichtsvergessen und abgehoben die olympische Bewegung unter dem sich allmächtig verstehenden IOC geworden ist.
Das Nazi-Spektakel der Spiele von 1936 sah so aus, dass Hitler nachmittags auf der Tribüne im Olympiastadion saß , den vermeintlich friedliebenden Gastgeber gab und den Sport der Welt feierte – vor allem dann, wenn arische Athleten auf dem Siegerpodest standen. Und abends zeigte sich dann das hässliche Gesicht der deutschen Diktatur, wenn zum Fackelschein SA-Horden auf den Straßen Berlins grölten: „Wenn die Olympiade vorbei, schlagen wir die Juden zu Brei“ (zitiert nach Ralf Georg Reuth in dessen Biographie „Goebbels“).
Dennoch kommt der Potsdamer Sporthistoriker Hans Joachim Teichler im Spiegel zu der bizarren und verstörenden Erkenntnis: „Die Spiele von 1936 sind für das IOC kein Betriebsunfall, sondern das Vorbild und das Muster der modernen Olympischen Spiele. Alle Gastgeber seither müssen sich an dem Gesamtkunstwerk Olympia 1936 messen lassen.“
Ein Gesamtkunstwerk? Leider ein verheerendes, bei dem die Nazi-Propaganda der Welt Sand in die Augen streute und von ihrer Aggressions- und Kriegspolitik für ein paar Sommerwochen ablenken konnte.
Für das IOC kein Problem. In seinem Online-Shop bietet der Verband ein T-Shirt an, auf dem unter den olympischen Ringen ein männlicher Sportler über der Quadriga des Brandenburger Tors zu sehen ist, verbunden mit dem Schriftzug „Germany Berlin 1936 Olympic Games“. Offenbar mit so großem Erfolg, dass das Leibchen der Nazi-Spiele Anfang des Jahres im IOC-Shop ausverkauft war.
Steinmeiers Mahnung im Kopf und die Erinnerung an das nationalsozialistische Gesamtkunstwerk 1936 vor Augen dürfte es vielen Menschen im Land schwer fallen, für Olympische Spiele zu stimmen, so lang die hundertjährige Wiederkehr der Nazi-Spiele als Austragungsdatum 2036 nicht ausgeschlossen ist.
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Er versteht sich als „Werte-Verfechter der bürgerlichen Kultur“. Was Wolfram Weimer, Kulturstaatsminister in der Regierung Merz, darunter versteht, hat er in den letzten Tagen zur Irritation vieler im deutschen Kulturbetrieb bewiesen. „Weimar ist übergriffig“ titelte die Süddeutsche Zeitung einen Kommentar. „Dank Wolfram Weimer sind Bücher wieder gefährlich“ hieß es im Kölner Stadtanzeiger.
Grund für die Kritik an dem konservativen Staatsminister und Journalisten: Er hatte drei Buchhandlungen von einer Liste streichen lassen, die zur Leipziger Buchmesse mit dem „Deutschen Buchhandlungspreis“ ausgezeichnet werden sollten. Unter den von einem Expertengremium vorgeschlagenen 118 unabhängigen Buchhandlungen waren dem Staatsminister drei suspekt, weil ihr Angebot eher links ausgerichtet ist und nach Weimers Aussage „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“ gegen sie vorliegen. Welche genau, das blieb offen.
Der Vorgang ist einmalig, seitdem der Preis vergeben und vom Kulturstaatsministerium finanziell gefördert wird. Selbst wenn es Weimer nicht passen mag, verboten ist es nicht, dass in Büchern in diesem Land marxistische Inhalte angeboten werden und die deutsche Regierungspolitik hart kritisiert wird. Und diese Inhalte Leser finden, die eben nicht auf der Linie des Staatsministers im Kanzleramt liegen.
Dass er da rigoros sein kann, hatte Weimer schon bewiesen, als er mit dem Gedanken spielte, Tricia Tuttle, die in Kulturkreisen hochangesehene Leiterin der Berlinale, zu entlassen, weil sie es nicht geschafft hatte, israelfeindliche Auftritte bei dem Filmfestival zu unterbinden.
Ronen Steinke, dem Kommentator der Süddeutschen Zeitung, schwant jedenfalls Böses bei der „Übergriffigkeit“ Weimers. Er schreibt: „… wenn der Kulturminister jetzt hintenherum dafür sorgt, dass es dennoch solche spürbaren Nachteile mit sich bringt, wenn man es wagt, sich intellektuell kritisch mit der Regierungspolitik zu befassen, dann ist bald nicht nur die Berlinale zu beerdigen, sondern der Deutsche Buchhandlungspreis gleich mit.“
Vielleicht ist es aber gerade das, was der „Werte-Verfechter“ Weimer will: Einen Neuaufschlag der einst von Kohl postulierten „geistig-moralischen Wende“.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)












