Bitteres Ende! Die Redaktion der Kölnischen Rundschau wurde am Donnerstag kalt erwischt. Der Geschäftsführer und Sohn des Herausgebers Johannes Heinen, eröffnete den Mitarbeitern, dass es die Traditionszeitung Ende März in dieser Form nicht mehr geben werde. 31 bis 50 Beschäftigte in Köln würden freigestellt und das Blatt in die Hände des Dumont-Verlags gehen. Der WDR berichtete über die Fassungslosigkeit der Redakteure, über Bestürzung und Tränen. Die Deutsche Journalistenunion verurteilte die „Kaltblütigkeit“ der Herausgeber.
Nach 80 Jahren verabschiedet sich die Heinen-Familie, die die Zeitung in vier Generationen geführt hat, von ihrer verlegerischen Verantwortung. In den fünfziger und sechziger Jahren war die konservativ katholisch ausgerichtete Zeitung unter dem Herausgeber Reinhold Heinen das Leib- und Magenblatt von Kanzler Konrad Adenauer. Immer bereit, den Sozialismus, der natürlich schon bei der SPD begann, zu Lande, zu Wasser und in der Luft zu bekämpfen.
Unter der mächtigen Konkurrenz des Kölner Stadtanzeiger gingen die Marktanteile in den letzten Jahrzehnten rapide zurück. Seit 1998 gab es eine Zusammenarbeit der Verlage. Jetzt soll die Rundschau als weiter eigenständiger Titel in die Herausgeberschaft von Dumont übergehen. Wie die Eigenständigkeit aussehen wird, ob Redakteure übernommen werden, ist offen. In einer Stellungnahme des Verlags hieß es lediglich, es werde einen eigenen Chefredakteur für die Rundschau geben und Stellen in den Stadtanzeiger-Strukturen entstehen. Eine wenig konkrete, sehr unverbindliche Aussage.
Alarmiert von der Entscheidung der Heinen-Familie waren nicht nur die Mediengewerkschaften, sondern auch Kölns neuer Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD). Noch am Donnerstag, kurz nach Bekanntwerden der Entscheidung, hatte er die Redaktion besucht, um seine Solidarität zu bekunden. Im Netz erklärte er später: „Besonders beunruhigend ist die sehr kurzfristige Perspektive dieses angekündigten Ausstiegs. Eine so einschneidende Entscheidung wirft berechtigte Fragen nach der Zukunft der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie nach der Sicherung journalistischer Vielfalt in unserer Stadt auf.“
Wie wichtig diese journalistische Vielfalt ist, darüber hatte der langjährige Rundschau-Herausgeber Helmut Heinen in seiner Zeit als Vorsitzender des Bundes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) von 2000 bis 2016 oft und gern und mit Innbrunst geredet. Aber wie hat schon Adenauer, der Uralt-Fan der Rundschau klargestellt: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.“
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Beim Staatsakt für Rita Süssmuth in Berlin gab Heribert Prantl in dieser Woche Historikern eine Denksportaufgabe mit auf dem Weg. Der renommierte Journalist, den sich die ehemalige Bundestagspräsidentin bestimmt nicht nur zur Freude der Christdemokraten als Trauerredner gewünscht hatte, würdigte die mit 88 Jahren gestorbene Süssmuth als eine Politikerin, die im Kampf für Frauenrechte verdient habe, als „späte Mutter des Grundgesetzes“ geehrt zu werden. Ihr Einsatz sei vergleichbar mit dem jener vier Politikerinnen, die bei der Erarbeitung des Grundgesetzes 1948 gegen den Widerstand ihrer männlichen Kollegen im Parlamentarischen den Satz durchgesetzt hatten: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“
In ihrer Zeit als Ministerin und Bundestagspräsidentin von 1985 bis 1998 habe sie „mit souveränem Eigensinn ihrer Partei den Feminismus beizubringen versucht. Vielleicht, vielleicht hätte es ohne Rita Süssmuth eine Kanzlerin Angela Merkel nie gegeben.“
Eine These, die Merkel auf der Ehrentribüne mit einer erstaunt, ungläubigen, überraschten Mimik aufnahm. Sie verzog das Gesicht, als habe ihr jemand einen Schluck schwer genießbaren Lebertran verabreicht. Mal sehen, ob Historiker die Prantl-Diagnose irgendwann erhellen werden.
Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)













