Spanischer König Juan Carlos

Die Abdankung des spanischen Königs Juan Carlos ohne Glanz und Gloria

Das ist eine Abdankung auf Raten, ohne  Glanz und Gloria. Weil sich das Land in einer tiefen Wirtschaftskrise befindet, hat das spanische Königshaus auf jeden Aufwand verzichtet. Da verabschiedet sich ein König, der sich fast dafür entschuldigt, dass es ihn vier Jahrzehnte gegeben hatte. Und ein Nachfolger übernimmt in diesen Tagen seinen Thron, der jetzt schon Angst um sein schweres Amt haben muss.

Schon die Ankündigung des Thronverzichts von Juan Carlos, wie sie vor kaum zwei Wochen erfolgte,  war nicht souverän. Die Ansprache des Monarchen, wonach er auf sein Amt  verzichtet, wirkte überhastet und wenig durchdacht.

Ihr fehlte das historische Pathos, das für eine Würdigung dieser fast vierzigjährigen, durchaus erfolgreichen Ära nötig war, vor allem der Appell an die Einheit aller Spanier, der heute so bitter nötig geworden ist.  Da saß kein  Monarch vor den Fernsehkameras, der sich im Rückblick auf eine große Lebensleistung stolz von seinem Volk verabschieden wollte; eher ein alter, kranker Mann, der  davon sprach, dass man den „ Weg für eine bessere Zukunft freimachen müsse „. Gemeint war die spanische Monarchie unter Felipe dem Sechsten, der endlich die Regentschaft  vom längst amtsmüde gewordenen Vater übernahm.

Vielleicht wäre es besser gewesen, Juan Carlos hätte diese Entscheidung fünf Jahre früher getroffen. Dann wäre ihm Vieles erspart geblieben. Angebliche Liebesaffären,  das dauernde Geraune über seine Ehe mit Königin Sophia,  die Verstrickungen des Schwiegersohns in Korruptionsskandale sowie missglückte öffentliche Auftritte des Monarchen haben seinem Ansehen geschadet. Bald schon wurde  er als „ Ritter von der traurigen Gestalt „ verspottet, der angeblich die Realität nicht mehr wahrnehmen und sich nur dem Luxusleben hingeben wollte. Für Elefantenjagd und  Liebesaffären hat sich der lebenslustige Juan öffentlich entschuldigen müssen. Das schickt sich nicht für einen König, dessen Untertanen auch zwiespältige Erfahrungen mit Monarchen hatten und Juans  Vater Alfons den Dreizehnten  1932 mit Schimpf und Schande aus dem Lande gejagt haben, weil auch er einen unsoliden Lebenswandel führte und mit den reaktionären Eliten des Landes paktierte.

So undankbar, gerecht und nachtragend kann  ein Volk sein, das seinem König noch vor Jahren  frenetisch zujubelte und jetzt dabei ist,  einen Teil seines historischen Gedächtnisses bewusst zu verlieren.

Der spanische Schriftsteller Antonio Munoz Molina sieht im vorzeitigen Abtreten des Königs  ein Symptom für die tiefe Enttäuschung der Spanier über ihren Staat und seine Institutionen. Tatsächlich zeigte das Ergebnis der jüngsten Europawahlen, bei denen königstreue Parteien nur noch knapp über fünfzig Prozent der Stimmen bekamen, dass dieser Tage jenseits der Pyrenäen fast alles in Frage gestellt wird, von der territorialen Einheit bis zum Fortbestand der Parteien, die dem Land seit den Parlamentswahlen im Jahr 1977 seinen soliden Bestand gegeben haben. Jahrelang schien das Ansehen des Königs auch über jeden Zweifel erhaben.  Aber das Rad hat sich mächtig gedreht.  Plötzlich erscheint es kaum noch verwunderlich, dass die klägliche Abdankung des Königs auch die Monarchie auf den Prüfstand katapultiert und die Untertanen gleichgültig danach fragen lässt, ob sie die Monarchie bis in alle Ewigkeit behalten wollen.   Als habe es unter König Juan Carlos niemals gute Zeiten  gegeben.

Ich habe niemals geglaubt, dass dieser Monarch  einmal so unspektakulär abtreten würde – für mich war er der politischste König, den Europa jemals hatte. Kaum fünfzig Prozent der Spanier plädieren heute  für die parlamentarische Monarchie. Unter der jüngeren Generation, besonders in Katalonien, in Galizien und im Baskenland, gibt es unzählige Gegner, die schon wenige Tage nach der Abdankung wie entfesselt gegen das Königshaus demonstrierten.  Der Tonfall schwankt zwischen Feindseligkeit, Gleichgültigkeit und Sarkasmus. „ Eine ungeduldige Sehnsucht macht sich breit, so schnell wie möglich eine Institution loszuwerden, die mit der ranzigsten Vergangenheit verbunden scheint und die nicht länger als Garant für den Fortbestand der Demokratie gesehen wird, sondern als Hindernis für ihre volle Entfaltung“, schreibt der Schriftsteller Munoz Molina. In einem Land, das von einer Wirtschaftskrise grausam getroffen worden sei, scheine die Fotografie eines Königs unverzeihlich, der mit einem Gewehr stolz neben einem in Afrika erlegten Elefanten posiere.

Ausgerechnet er, der genau wusste, wie schwierig die Monarchie in einer Demokratie zu bewältigen ist, hat sein großes moralisches Ansehen am Ende verspielt, weil er die Regeln nicht beachtete , für alle seine Landsleute ein Vorbild zu sein. Er hat  nicht mehr auf seinen guten Ruf geachtet und handelte ohne politisches Verantwortungsgefühl, fast wie ein verwöhnter, auf sein Luxusleben fixierter Privatier. Das war sein größter Fehler. Aber darin liegt die tiefe Tragik dieses Mannes, der immer ein Einzelgänger war, oft die falschen Berater hatte und dennoch eine große historisch-politische Leistung vollbrachte.

Sein vielleicht größter Erfolg liegt im Beginn seiner Amtszeit, besonders in den Jahren zwischen 1975 bis 1985, als der politisch angeblich unerfahrene Zögling Francos den verknöcherten Franco-Staat lautlos demontierte, ihn demokratisch aufbaute und  in der Putschnacht 1981 erklärte, dass er niemals vor Feinden der Demokratie kapitulieren werde.

Ausgerechnet einen ranghohen Franco- Funktionär wie den Premier Adolf Suarez mit der Demontage des franquistischen Ständestaates zu betrauen, ihm dabei fast blind zu vertrauen und die Opposition von Sozialisten und Kommunisten derart zu besänftigen, dass sie am Ende Beifall klatschte und  für eine „ ruptura pactada“ , also den ausgehandelten Bruch von der Diktatur zur Demokratie,  gewonnen wurde – das war eine Meisterleistung, die bis dahin ohne Beispiel war.   Noch ist nicht alles ausgeleuchtet, was in der Putschnacht des 23.Februar 1981 tatsächlich geschah: Aber der kaum vierzigjährige Monarch und  Oberbefehlshaber der Streitkräfte hatte Führungsstärke und Haltung gezeigt, die vorbildlich waren, weil er die meuternden Militärs in die Kasernen zurückbefahl. Damit geht Juan Carlos für immer in die Geschichtsbücher ein.

Vielleicht hat Felipe der Sechste heute eine Aufgabe zu erfüllen, die der damaligen historischen Leistung des Vaters fast ebenbürtig ist. In Spanien geht es darum, die Einheit des Landes wiederherzustellen und die Monarchie vor einem weiteren Ansehensverlust zu bewahren. Was Spanien vor dem Hintergrund einer fortdauernden Wirtschaftskrise nicht brauchen kann, ist eine Debatte über seine Staatsform oder  ein Referendum über die Zukunft seiner Monarchie.

Spanien ist zwar verfassungsmäßig ein Zentralstaat, aber der Exekutive in Madrid fehlt eine föderative Gegengewalt in der Gestalt des deutschen Bundesrates, wo sich einzelne Regionen in ihrer vollen Autonomie und Stärke widerspiegeln. Aus Angst vor politischen Ultras und rechtsradikalen Militärs hat  man diese Verfassungsreform nach 1975 nicht gewagt. Jetzt wäre es höchste Zeit, diese Reformen anzupacken. Völlig zu Recht hat man Juan Carlos vorgeworfen, dass er zu wenig gegen den wachsenden Zerfall seines Reiches angekämpft habe. Das lässt sich vielleicht mit einem jungen, tatkräftigen und gut ausgebildeten Nachfolger korrigieren.  Bereits im November 2014 steht ein Referendum in Katalonien an, das sich ausdrücklich von Spanien abspalten will. Auch die Basken sind in der brisanten Frage unterwegs, von den Galiziern ganz zu schweigen. Aber das EU- Mitglied Spanien hat 1992 langfristige Beitrittsverträge mit Brüssel geschlossen, wo man einen spanischen Luxus-Separatismus wohl kaum dulden würde. Wie wird man dort in Zukunft reagieren?

Es geht jetzt darum,  neben dem Madrider Parlament eine zweite Legislative vielleicht in Gestalt des deutschen Bundesrats zu schaffen,  um den für die Einheit fast  tödlichen Separatismus von Katalanen, Basken und Galiziern in neue Bahnen zu lenken. Dafür muss sich der neue König engagieren;  hier geht es um die Existenz der Bourbonen-Monarchie.  Spanien braucht einen Integrator, der verlorenes Vertrauen zurückgewinnen kann. Dafür ist Felipe der Sechste vielleicht der richtige Mann.

 

Bildquelle: CASA DE SU MAJESTAD EL REY

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Volker Mauersberger

Dr. Volker Mauersberger begann seine journalistische Laufbahn beim WDR in Köln, war ARD-Korrespondent in Spanien und Chefredakteur von Radio Bremen. Er schrieb Sachbücher, politische Biografien und einen Doku-Krimi; er lebt halbjährlich in Bonn und Madrid.


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