Der Bundespräsident als Hardliner: Für die Linken kein Pardon. Versöhnung auch 25 Jahre nach dem Mauerfall kein Thema.

Gauck und Biermann

Wer sich als gelernter Pastor ins Kirchenschiff vors flackernde Kerzenlicht setzt, um dann als oberster Repräsentant Deutschlands einen tagespolitischen Grundsatzbefehl vom Stapel zu lassen, hat seine Mission verfehlt. Da wird einerseits die Kirche, zumal eine solche mit derartiger geschichtlicher Relevanz wie Gethsemane in Berlin, als politische Bühne missbraucht und andererseits der politischen Einäugigkeit ein geradezu überirdischer Weitblick attestiert, der trotz der Gauckschen Rhetorik doch nur zum nächsten Kleingartenzaun reicht. Mit seiner harschen Kritik an den rot-rot-grünen Koalitionsabsichten in Thüringen lässt er in seiner Einseitigkeit zumindest auch die christliche Barmherzigkeit vermissen, deren geistige Schwester bekanntlich das Verzeihen ist.

Vielleicht verleitet das Fernsehen ja auch zu einer besonderen Form der Eitelkeit, der Verkürzung auf Schlagworte, die gerade in politischen Sendungen anzutreffen ist. Doch Vorsicht, auch hier gilt: Der Flachbildschirm ist die Anpassung ans Programm und Joachim Gauck hat das Seinige dazu getan. Gauck hätte besser geschwiegen oder seine Worte mit Bedacht wählen müssen, erinnern können, an Wendehälse beispielsweise..

Sicher bedeutet eine rot-rot-grüne Koalition in Thüringen unter Führung der Linken eine Zäsur in der noch jungen Geschichte des vereinten Deutschlands. Sicher müssen Mann oder Frau die Linken nicht mögen und sicher muss die Frage erlaubt sein, ob es klug ist für die SPD nach Baden-Württemberg abermals mit einem bundespolitischen Junior ins Bett zu steigen, doch demokratisch gewählt sind alle drei Parteien.

Der Bundespräsident hat das hohe Gut der freien Wahlen zu achten und nicht zu tadeln. Dies tut er als versteckte Wählerschelte, denn keine der drei getadelten Parteien hat die politischen Auguren über ihre Absichten im Unklaren gelassen. Wer die Wähler als mündige Bürger bezeichnet, sollte selbst nicht den Mund zu voll nehmen, wenn ihm gerade als Bundespräsident ein Wahlergebnis nicht passt.

Allerdings: Die SPD wird sich dabei selbst fragen müssen, ob sie nicht nach den Grünen im Schwabenland nun die Linken in Thüringen politisch aufwertet und ihre stolze Tradition dabei in den Orkus wirft, ihre Würde verliert, es sich als zweiter Sieger einrichtet. Aber Sigmar Gabriel scheint diese Testläufe für Berlin nach der nächsten Bundestagswahl zu brauchen.

Sicher ist Gaucks konservative Grundhaltung aus seinem Kampf gegen das DDR-Unrechtssystem zu verstehen, auch wenn dabei sein nahtloses Eingehen auf Horst Köhlers Haltung zu Militäreinsätzen im Ausland für deutsche Wirtschaftsinteressen aufhorchen lassen konnte. Auch dabei wäre es ratsam gewesen, einmal mit einem Militärpfarrer zu reden. Denn: In der Regel sterben die Befehlsempfänger den Heldentod und nicht die Söhne und Töchter der Büchsenspanner, die den Marschbefehl aus den sicheren Büros der Heimat geben. Gauck sollte sich die Empfehlung eines seiner Vorgänger zu Herzen nehmen. Ratschläge, so Johannes Rau, können auch Schläge sein.

Wer sich erinnert, dies sollte gerade Gauck im Rückblick auf das Ende der DDR tun, der weiß, abertausende Wendehälse der Ostparteien und deren Millionenvermögen fanden bei Ihren Pendants im Westen problemlos Unterschlupf. Die SPD verweigerte ähnliches den SED-Kadern und hat daran in der jüngeren Geschichte schwer zu tragen gehabt. Verkürzte Gedächtnisse reichen für Schlagzeilen aber nicht zur Wahrheitsfindung.

Klar ist auch: Die Linke hat mittlerweile ihre Demokratiefähigkeit in zahllosen Koalition in Ländern und Kommunen bewiesen. Stigmatisierungen, das lehrt die deutsche Geschichte, bringen nur Unheil , sie sind auch kurzsichtig für Problemlösungen. Viel notwendiger wäre eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der linken Politik und vor allem mit der Frage: Was sind die Gründe der Wähler, worin fußt ihr Protest, warum herrscht so große Wahlmüdigkeit? Trifft Biermanns Vorwurf zu, die Linken seien reaktionär?

Von der Gauckschen Haltung lässt sich eine direkte Verbindung zu einem politischen Großereignis dieser Tage ziehen:

Der Auftritt von Wolf Biermann im Reichstag anlässlich der 25 Jahr Feier zum Mauerfall. Auch hier wurde unter viel hämischem Beifall ein politisches Schlachtfest zelebriert. Wer die Linken als den kläglichen Rest der Drachenbrut bezeichnet und sich selbst dabei als Drachentöter erhebt, der macht sich als Bänkelsänger Biermann zum Biedermann und Brandstifter. Der Klamauk und das Schenkelklopfen waren groß, Biermanns Märtyrerrolle für ihn selbst offenbar ein großer Genuss, doch nach der Festtagsstimmung herrscht nun wieder politischer Alltag.

Auch jetzt ist es ratsam, den Gründen für das Wahlverhalten der Menschen ernsthaft nachzugehen und diese nicht links liegen zu lassen. Das ist mühevoll, bedeutet tägliche Kärrnerarbeit vor allem vor Ort in den Kommunen, in Kitas oder Seniorenheimen, bei Verschuldungen oder Arbeitsplatzsuchen, getätigt meist von ehrenamtlichen Bürgern, die sich nicht um Parteigrenzen scheren, sondern um Lösungen. Dies wird in den seltensten Fällen von Schlagzeilen oder Bundespräsidentenreden begleitet.

Bildquelle: Wikipedia, MSC 2014 Gauck Kleinschmidt MSC2014 CC-BY-3.0-de

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Martin Schmuck

Als Journalist arbeitete Schmuck für die DPA und den WDR und leitete das ZDF-Landesstudio NRW in Düsseldorf bevor er Sprecher des Bundesfinanzministers unter Peer Steinbrück wurde. Heute ist der Autor Kommunikationsberater.


'Gauck und Biermann' hat einen Kommentar

  1. 13. November 2014 @ 08:45 Eva Mann

    „Sicher ist Gaucks konservative Grundhaltung aus seinem Kampf gegen das DDR-Unrechtssystem zu verstehen“.
    Das ist mir neu!! Nach meiner Info hatte sich Herr Gauck in der DDR erhebliche Privilegien gesichert und sich mit dem“Unrechtssystem“ bestens arrangiert!!!Ein übler Wendehals!!

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