Die neue National Security Strategy (NSS) der Vereinigten Staaten liest sich in weiten Teilen wie ein Dokument strategischer Nüchternheit. Sie verzichtet weitgehend auf triumphale Rhetorik und spricht ungewöhnlich offen über Verwundbarkeiten, Abhängigkeiten und strukturelle Schwächen amerikanischer Macht. Zugleich formuliert sie eine klare Schlussfolgerung: Wer militärische Überlegenheit sichern will, muss zuerst die materiellen Grundlagen dieser Macht erneuern.
Damit verschiebt sich der Fokus nationaler Sicherheitsstrategie. Macht beginnt nicht mehr primär auf dem Gefechtsfeld, sondern in der Produktion, in der industriellen Leistungsfähigkeit, in Technologie, Energie, Rohstoffen und Lieferketten. Die NSS macht daraus kein Nebenmotiv, sondern den zentralen Angelpunkt strategischer Planung.
Diese Diagnose bleibt nicht abstrakt. Sie wird mit einer räumlichen Ordnung verknüpft, die für das Verständnis der Strategie entscheidend ist: der westlichen Hemisphäre als strategischem Innenraum und erweiterter Machtbasis. Aus dieser Kombination – Re-Industrialisierung und Raumordnung – ergibt sich eine Lesart, die die NSS als Vorbereitung auf einen langfristigen systemischen Konflikt begreifbar macht, insbesondere mit China.
Macht als Produktions- und Mobilisierungsfrage
Die NSS formuliert explizit, die amerikanische Ökonomie sei das „bedrock“ der globalen Position der USA und die „necessary foundation“ ihrer militärischen Stärke. Industrielle Leistungsfähigkeit wird zur „highest priority“ nationaler Politik erklärt. Besonders deutlich wird dies im Abschnitt zur Defense Industrial Base, der von „national mobilization“, von Skalierung der Produktion, von Munitions- und Systemverfügbarkeit sowie vom Reshoring kritischer Lieferketten spricht – ausdrücklich mit Blick auf einen Konflikt mit einem „sophisticated enemy“.
Hier liegt eine strategische Zäsur. Die NSS behandelt wirtschaftliche Stärke nicht mehr als Hintergrundbedingung militärischer Macht, sondern als deren eigentliche Voraussetzung. Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur, wie militärische Fähigkeiten eingesetzt werden, sondern ob sie im Ernstfall dauerhaft, in ausreichender Menge und technologischer Qualität bereitgestellt werden können.
Aus dieser Diagnose folgt der zweite zentrale Gedanke der NSS: Abschreckung wird nicht als situatives Krisenmanagement verstanden, sondern als dauerhafte ökonomisch-technologische Überlegenheit, auf der eine überlegene militärische Macht aufruht. Der Text formuliert dies ungewöhnlich offen, wenn er wirtschaftliche und technologische Überlegenheit als den sichersten Weg beschreibt, einen großen Krieg zu verhindern. Zugleich wird dieser Anspruch explizit mit dem Indo-Pazifik, mit Taiwan und mit der Notwendigkeit verbunden, die Konkurrenz „over the long term“ zu gewinnen.
Die NSS denkt den Konflikt mit China ausdrücklich nicht in der Logik eines baldigen Entscheidungskampfes, sondern als langfristige Machtkonkurrenz, in der militärische Überlegenheit das Ergebnis langfristiger ökonomisch-technologischer Vorbereitung ist.
Die Raumfrage: Warum die westliche Hemisphäre?
Wenn die Wiederherstellung materieller Stärke das strategische Ziel ist, stellt sich zwangsläufig die Raumfrage. Die NSS beantwortet sie eindeutig. Unter den „core, vital national interests“ steht an erster Stelle die westliche Hemisphäre. Historisch wird dies durch eine explizite Bezugnahme auf eine „Trump Corollary“ zur Monroe-Doktrin unterfüttert, die „asserted and enforced“ werden soll.
Das ist keine bloße Symbolik. Die NSS verbindet die Hemisphäre mit sehr konkreten Interessen: Stabilität und Governance, Migrationskontrolle, Bekämpfung transnationaler Kriminalität, Ausschluss „hostile foreign incursion“, Verhinderung des Besitzes strategischer Assets durch externe Akteure, Schutz kritischer Lieferketten und Zugriff auf strategische Geographien.
In dieser Lesart wird die westliche Hemisphäre als strategischer Innenraum und erweiterte Machtbasis neu definiert. Sie soll nicht nur abgesichert, sondern aktiv geordnet werden – als Raum politischer Kontrolle, wirtschaftlicher Konzentration und strategischer Verfügbarkeit. Ziel ist nicht Autarkie, sondern Beherrschbarkeit.
Geoökonomische Ordnung statt liberaler Offenheit
Auffällig ist, mit welchen Instrumenten die NSS diesen Innenraum strukturieren will. Der Text setzt primär auf geoökonomische Hebel: „commercial diplomacy“, Zölle und reziproke Handelsabkommen, Nearshoring von Industrie, gezielte Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten. Die Hemisphäre soll zugleich Produktionsraum, Lieferkettenbasis und Markt für US-Unternehmen sein.
Besonders aufschlussreich ist die angekündigte Investitions- und Ressourcenpolitik. Die NSS kündigt einen ressortübergreifenden Prozess an, um „strategic points and resources“ in der
Hemisphäre zu identifizieren, zu schützen und gemeinsam zu entwickeln. Staatliche Programme sollen Investitions- und Akquisitionschancen für US-Unternehmen gezielt erschließen, Finanzierungsinstrumente gebündelt, Energie-, Rohstoff- und Cyber-Infrastruktur gehärtet werden.
Diese Politik ist ausdrücklich nicht neutral. Lieferketten sollen nicht nur resilienter, sondern politisch kontrollierbarer werden. Verträge sollen im Zweifel als „sole-source contracts“ an US-Firmen vergeben werden. Ausländische Unternehmen, die Infrastruktur bauen, sollen aktiv verdrängt werden.
Geoökonomie erscheint hier nicht als Ergänzung, sondern als zentrales Machtinstrument.
China – und Russland als mitgedachte Adressaten
Die NSS spricht im Hemisphärenkapitel meist abstrakt von „non-Hemispheric competitors“. Gemeint ist in erster Linie China: seine Infrastrukturprojekte, seine Kreditmacht, seine Rolle in Lieferketten, seine Fähigkeit, wirtschaftlichen Einfluss in politische Hebel zu übersetzen.
Doch diese Kategorie ist bewusst offen gehalten. Sie schließt – nachrangig, aber mitgedacht – auch Russland ein. Historische russische Anknüpfungspunkte in Kuba, Nicaragua oder Venezuela liegen genau in dem Raum, den die NSS als strategischen Innenraum neu ordnen will. Es geht nicht um Gleichrangigkeit, sondern um Ausschluss: Keine externe Großmacht soll in der Hemisphäre militärische oder strukturelle Machtpositionen aufbauen können.
Keine neuen „forever wars“ – aber Zwangsfähigkeit
Gleichzeitig markiert die NSS eine deutliche Distanz zu klassischen Interventionskriegen. In konservativen, nicht-neokonservativen Kreisen der USA gelten militärische Dauerengagements als strategische Selbstschwächung. Diese Skepsis ist im Text klar erkennbar.
An ihre Stelle tritt eine andere Logik: Droh- und Zugriffsfähigkeit. Die NSS kündigt eine Repriorisierung militärischer Präsenz zugunsten hemisphärischer Aufgaben an, eine verstärkte Marine- und Coast-Guard-Präsenz zur Kontrolle von Seewegen sowie gezielte Einsätze gegen Kartelle – ausdrücklich auch mit „lethal force“.
Militärische Gewalt erscheint damit nicht als permanentes Interventionsinstrument, wohl aber als Drohkulisse und selektive Zugriffsmöglichkeit zur Durchsetzung von Ordnung. Gerade diese Logik begrenzter Zwangsausübung birgt Eskalationsrisiken, die der Text selbst
kaum reflektiert. Venezuela ist aktuell der sichtbarste Fall, in dem wirtschaftlicher Druck, politische Konditionalität und militärische Signale ineinandergreifen, ohne dass klar wäre, wo die Schwelle zu einem größeren Konflikt verläuft.
Europa: Außenraum eines neuen Machtarrangements
Die vielleicht folgenreichste Leerstelle der NSS betrifft Europa. Der Kontinent erscheint nicht mehr als gleichrangiger strategischer Kernraum. Die EU wird vielmehr als Problemzone beschrieben: überreguliert, politisch erschöpft, strategisch handlungsunfähig. Transnationale Institutionen werden als Bedrohung politischer Souveränität gerahmt.
Implizit konzipiert die NSS Europa als Raum historischen Bedeutungsverlusts. Die kulturelle Diagnose eines zivilisatorischen Niedergangs dient als Begründung dafür, Europa nicht mehr als gestaltenden Akteur, sondern als funktionalen Außenraum zu behandeln. Europa soll beitragen, entlasten, folgen – aber nicht prägen.
In dieser Ordnung ist ein fragmentiertes, nationalisiertes Europa kein strategisches Problem, sondern ein akzeptabler – möglicherweise sogar erwünschter – Zustand. Euroskeptische Kräfte und politische Spaltungen unterminieren regulatorische Gegenmacht und erleichtern bilaterale Einflussnahme zugunsten US-amerikanischer Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen. Ein politisch und institutionell geschwächtes Europa steht der Konzentration amerikanischer Macht in der strategischen Innenzone und erweiterten Machtbasis der westlichen Hemisphäre nicht entgegen, sondern fügt sich funktional in diese Ordnung ein.
Der lange Anlauf
Die National Security Strategy der USA lässt sich so als zweigeteiltes Projekt lesen. Im Zentrum steht die Rekonstruktion der westlichen Hemisphäre als strategischer Innenraum und erweiterte Machtbasis – geoökonomisch organisiert, geopolitisch abgesichert, gegen externe Mächte abgeschirmt. Dieser Raum soll die materiellen Voraussetzungen militärischer Überlegenheit erneuern.
Europa dagegen bleibt Außenraum: funktional wichtig, politisch nachgeordnet, institutionell geschwächt. Nicht weil Europa schwach ist, sondern weil seine Stärke in dieser Ordnung nicht benötigt – möglicherweise sogar als hinderlich empfunden – wird.
Die unbequeme Pointe dieser Lesart lautet: Die USA investieren strategisch nicht in eine erneuerte transatlantische Ordnung, sondern in einen hegemonial abgesicherten Großraum. Die westliche Hemisphäre ist der lange Anlauf zur Wiederherstellung militärischer Überlegenheit im systemischen Langkonflikt. Europa bleibt Randgröße eines neuen Machtarrangements.
Zum Autor: Arno Gottschalk (geboren 1956), Studium der Wirtschaftswissenschaften in Marburg und Bremen. Diplom-Volkswirt. Ab 1975 Aufbau und Leitung des Bereichs Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Bremen. Seit 2011 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft (Stadt und Land). Seit 2019 Sprecher der SPD-Fraktion für Haushalt und Finanzen. Mitglied des Fraktions- und Landesvorstands der SPD. Beschäftigt sich seit langem auch mit Fragen von Militär und Rüstung.













