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Home Politik

Optionen für eine Selbstbestimmung des Iran, trotz vielfältiger Interessenpolitik beim Chaos des akuten Krieges

Philipp Sonntag Von Philipp Sonntag
1. März 2026
Graffiti "Hope" mit Friedenszeichen

Am 28. Februar 2026, einen Tag früher als von Trump angekündigt, begann der Krieg von USA und Israel gegen den Iran. Irans oberster Führer Chamenei hat diesen ersten Tag nicht überlebt. Doch politisch wird er kaum zum Märtyrer werden.

Das zeigt die Erbitterung der protestierenden Bevölkerung. Trotz tiefer Trauer bei Begräbnissen von Opfern des Regimes wurde dort in den vergangenen Tagen gejubelt, gesungen, getanzt. Es kam aus der Freude über die Erschütterung des Regimes durch eigenen Mut, über selbst-geschaffene Hoffnung auf einen überfälligen Regimewechsel – im Grunde über das eigene, voll bewusst eindeutige Märtyrertum.

Dies wurde bereits gestern, am Abend des 28. Februar deutlich: Bei einer Online-Besprechung des „Menschenrechtsverein für Migranten e.V. / geleitet von Pari Rahmani, der „Leiterin Hilfsprojekte für Menschenrechte im Iran“ durfte ich teilnehmen. Einhellig war der Wunsch, sowohl das derzeitige Regime als auch das frühere des Schahs zu überwinden, und gemeinsam zu einer eigenen Form von Demokratie, zumindest von Selbstbestimmung zu kommen. Eine wahre Selbstbestimmung kann dann, im ureigenen Interesse des Iran, jegliche Unterstützung von Terroristen vermeiden.

Bewegend dabei waren beim online Treffen die vielen Erfahrungen von Betroffenen, die der Gewalt der autokratischen Regimes ausgesetzt waren. Für Berichte von Betroffenen (nicht aus dem Iran, sondern aus anderen Gebieten) habe ich eine Reihe von Büchern als Herausgeber betreut (eine harte Arbeit), und meine Eindrücke notiert:

Philipp Sonntag: „Erinnerungskultur – Die gesellschaftliche Rolle von Zeitzeugen“, Frank & Timme Verlag, Berlin (2023).

Von daher fühle ich mich sicher, dass die Berichte beim Onlinetreffen vom 28. 2. 2026 authentisch und glaubwürdig sind, bis hin zu Beobachtung des Verhaltens von Autokraten, durch die hoch sensibilisierten Opfer. Da wurden Leiden deutlich:

  • Viele Migranten berichteten von Leiden in der eigenen Familie, von Hinrichtungen, von Vermissten; vom Leiden sehr vieler junger Menschen, insbesondere Kinder und Jugendliche
  • Da gab es Aussagen von Zeitzeugen wie: „Ich bin 90 Jahre alt und leide immer noch unter den Verletzungen, die mir als jungem Menschen durch Folter zugefügt worden waren“.
  • Oft sind es gerade die Frauen, die Vermisste Familienangehörige, oft ihre Männer, oft Minderjährige verzweifelt suchen und mutig öffentliche Proteste organisieren.

Weiter kam es beim Online Treffen gestern Abend zu Aussagen wie:

  • Wir wollen keine Diktatur: Weder mit Sandalen und Turban, noch mit Stiefeln.
  • Wir brauchen Unterstützung vom Ausland – aber nicht von Israel und USA, denn die verfolgen Eigeninteressen
  • Reza Pahlavi ist stark umstritten. Er hat nie einen Plan für eine im Iran mögliche Form von Demokratie vorgelegt, etwa so wie bei Montesquieu. Er hat in den USA keine Gruppe, keine Partei gegründet, aus der heraus eigene Meinungen für den Umgang mit Macht nach einem Umsturz zu hören wären.
  • Die Medien, zumeist ohne Durchblick worum es geht, interessierten sich für Reza Pahlavi als Abwechslung und Angeber in Talkshows.
  • Hingegen die Forderung nach Rechten für Frauen, davon schien bei Reza Pahlavi nichts Erwähnenswertes angekommen zu sein. Als Reza Pahlavi von der britisch/iranischen Journalistin Amanpour (die ich aus CNN als objektiv überzeugend kenne) interviewt wurde, da wurde er ausfällig und beleidigend – typisch für Autokraten. Im Iran gab es Ladenbesitzer, die sich geweigert hatten, Werbung wie „ein Land, eine Flagge, ein Führer“ anzubringen. Da war er in Verlegenheit, ob er dazu stehen solle, oder es besser als fake von seinen Gegnern anklagen würde. Und im Fernsehen gab es Bilder, wie bei Protesten im Ausland angeblich Reza Pahlavi die Protestierenden anführte. Typische fake „Jubelperser*innen wurden gezeigt, passend etwa zum früherem Anhimmeln von Soraya in der Regenbogen-Presse. Kritisch gesehen wurde auch sein Aufruf, trotz hohem Risiko im Iran zu protestieren, mit dem Hinweis: „Hilfe sei unterwegs.“ Ebenso seine Forderung, „in den ersten hundert Tagen müssen alle Fäden in seiner Hand sein“ und er würde „Demokratie“ vorbereiten.
  • Historiker berichteten über jahrhundertelange Verfolgung von Pionieren einer Selbstbestimmung des Iran, so zum Beispiel im Kontext der französischen Revolution 1789.

Positiv wurde beim Online Treffen meine Empfehlung aufgenommen, die Optionen des Reza Pahlavi im Kontext dessen zu sehen, was „Trump ihm erlaubt“, womit „Trump ihn beauftragt“, ganz im Interesse von „Deals“, welche eine Verarmung der Bevölkerung im Iran weiter zementieren.

Trump setzt geschickt Akzente der Art: „Solange der Iran in Nahost Terroristen unterstützt, würde er alles tun, um jegliche Atomrüstung des Iran zu verhindern.“ Tatsächlich beruhen Versuche von Autokraten im Iran auf der Wahnvorstellung, zivile Kernkraft sei rentabel und nützlich, militärische Atomrüstung mache den Iran unangreifbar. Nun kann man zwar Technologie aller Art teuer kaufen, jedoch nur ohne damit systematische modernste Kommandostrukturen effektiv aufbauen zu können. So wird man selbst verstärkt zum Ziel, ähnlich wie akut im konventionellen Bereich.

Zu den turbulenten Ambivalenzen nach dem Angriff gestern zählen Meldungen wie auf https://www.zdfheute.de/politik/ausland/iran-israel-usa-angriff-liveblog-100.html: „Russlands Präsident Wladimir Putin kritisiert die Tötung des iranischen Religionsführers Ali Chamenei als einen ‚*zynischem Verstoß‘  gegen alle Normen der menschlichen Moral und des Völkerrechts“.

Die historische Entwicklung ist über Jahrtausende hinweg detailliert bekannt und breit erforscht und sollte in die Betrachtung mit einbezogen werden. Was Charaktere von Machthabern betrifft, war das Spektrum jederzeit ähnlich breit wie in Europa. Wie bereits bei Thukydides: „Der Peloponnesische Krieg“ (Reclam, immer wieder neu aufgelegt) deutlich wird, war Persien vor 2.500 Jahren eine Supermacht, mit all den positiven und negativen Eigenschaften einer solchen Macht – und gebührendem Erstaunen über die ersten Ansätze von Demokratie in Athen.

Auch für den Iran gilt: Die krasseste Gefährdung des eigenen Staates mit seiner Bevölkerung geschieht gerade durch modernste, eskalationsträchtige Waffen. Es ist ethisch eine Sackgasse. Das ethisch neue Dilemma brachte Kenneth Boulding, der die Dynamik von „atomaren Kriegsspielen“ auf einem Computer untersuchte, (im Auftrag von Washington, ähnlich wie ich 1964-1972 in Hamburg für die BRD) so „auf den Punkt: „Es war nicht die Ethik von Achilles und Hektor, auf einen Knopf zu drücken und tausende Kinder bei lebendigem Leibe zu verbrennen“.

FAZIT

Entscheidend ist schon seit Jahrzehnten – und wird laufend wichtiger – der Umgang des Iran mit der Atomrüstung. Dies bedarf einer genaueren Untersuchung der politischen Optionen, denn durch nichts sonst gefährdet der Iran so stark sein Umfeld – und sich selbst. Eine lebensfähige Zukunft für die Bevölkerung des Iran gibt es

  • Weder durch die – heute gerade noch (?) –  bestehende Theokratie
  • Noch durch eine Wiedereinrichtung von Kleptokratie und Nähe zu den USA, durch einen Autokraten wie Reza Pahlevi
  • Sondern intern nur durch eine neue Regierungsstruktur, in Richtung Demokratie, etwa mit einer Gewaltenteilung gemäß Montesquieu. Und extern nur durch kontrollierten Verzicht auf waffenfähige Atomtechnik. Sowieso am besten mit Verzicht auf sämtliche Atomtechnik, weil diese enorme Risiken birgt.

Das ist eine aktuelle globale Herausforderung, auch relevant für das Verhalten von Europa. Nur mit einer Durchsetzung von Selbstbestimmung des Iran für sich selbst  kann dort eine grundlegende Befreiung für Staat und Bevölkerung gelingen.

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