Der Prozess ist ebenso bedrohlich wie schleichend. „Eine Demokratie verliert ihren Verstand nicht an einem Tag. Sie verliert ihn, wenn zu viele sich daran gewöhnen, dass Wahrheit keine Rolle mehr spielt.“ Um das zu verhindern hat der 80jährige Jurist, langjährige CDU-Bundestagsabgeordnete und für wenige Monate im Jahr 2000 CDU-Generalsekretär Ruprecht Polenz ein aufrüttelndes Buch geschrieben mit dem Titel: „Wie ein Volk den Verstand verliert – und was wir dagegen tun können.“
Polenz beschreibt, dass der Verstand auf der Strecke bleibt, weil die Errungenschaften der Aufklärung von autokratischen Regimen und antidemokratischen Parteien unterminiert werden. Wahrheiten werden angezweifelt, wissenschaftliche Expertise wird von Egomanen wie Trump verhöhnt. Der wolle gar nicht, dass man ihm seine vielen Lügen glaubt. Er wolle, „dass die Amerikanerinnen und Amerikaner denken, es komme nicht darauf an, ob ihr Präsident die Wahrheit sage oder nicht. Die Wahrheit ist unwichtig.“ Es geht um Meinungen, nicht mehr um Fakten. „Ja, natürlich gibt es Meinungsfreiheit“, schreibt Polenz. „Aber es gibt eben auch Tatsachen. Und wenn wir anfangen, das zu leugnen, sind wir auf dem besten Weg, unseren Verstand zu verlieren.“
Der Autor beschreibt an vielen Beispielen, dass „die Angriffe auf Presse, Wissenschaft, Kunst und Erinnerung keine Zufälle und Überreaktionen“ sind. Sondern: „Das Ziel ist nicht Überzeugung, sondern Desorientierung.“
Treibriemen für diesen Sog in die Orientierungslosigkeit sind für Polenz die Social-Media-Plattformen. „Die Königstugend der Demokratie“, so Polenz, „ist das Finden fairer Kompromisse. Dem wirken Social Media diametral entgegen, weil sie den Populismus verstärken, der von Konfrontation lebt und nicht an Übereinkünften interessiert ist.“ Denn: „Den Plattformbetreibern geht es nicht um Wahrheit, sondern um Geld.“
Da es nicht um Wahrheit geht, sind diese Medien Verstärker der Empörung, die von der AFD brutal genutzt wird, um das liberale System zu deligitimieren. Polenz ist überzeugt, dass die AFD-Anhänger den Politikern der demokratischen Parteien kein Wort glauben, solange sie in einer anderen Wirklichkeit – eben der der empörten Internet-Blasen – leben. Deswegen geht er davon aus, dass die Partei so schnell nicht verschwinden wird. „Der Umgang mit der AFD zeigt exemplarisch, wohin es führt, wenn das liberale System der Wahrheitsfindung erodiert: Politische Auseinandersetzungen verlieren ihren gemeinsamen Bezugspunkt – und damit ihre Fähigkeit, überhaupt noch zu überzeugen.“ Einziges Gegenmittel: Die mühsame Arbeit an der stärkeren Verwurzelung des liberalen Systems der Wahrheitsfindung in der Bevölkerung.
Dass das kein Spaziergang ist, dass das Ziel nicht mit dem Drehen an der einen oder anderen Stellschraube zu erreichen ist, beschreibt der Autor. Viele kleine Schritte sind notwendig, um die Wahrheit wieder in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zu rücken. Weitere Stärkung der Wissenschaftsfreiheit. Unverzichtbarkeit unabhängiger Qualitätsmedien. Die Sicherstellung der Politik, dass sich Menschen seriös informieren können. Der verschärfte Blick darauf, die Medienkompetenz schon von klein auf zu fördern. Ein breites Bündel von Aufgaben bietet Polenz stichwortartig an.
Das Wichtigste dabei: Aufklärung. „Aufklärung ist kein Zustand, den man einmal erreicht. Sie ist eine Praxis, die eingeübt werden muss – individuell und gesellschaftlich. Wer sie aufgibt, überlässt anderen die Deutung der Wirklichkeit.“
Ruprecht Polenz hat zu dieser Aufklärung mit seinem schmalen Buch einen großen Beitrag geleistet. Es ist zu wichtig, als das es nur ein beliebiger Beitrag in der politisch-medialen Fachdebatte bleiben dürfte. Es sollte Pflichtlektüre werden für alle, die als Lehrer, Pädagogen, Kommunikatoren ihren Beitrag leisten wollen und müssen, dass das Volk bei Verstand bleibt. Denn: „Eine Demokratie verliert ihren Verstand nicht an einem Tag. Sie verliert ihn, wenn sich zu viele daran gewöhnen. Dass Wahrheit keine Rolle mehr spielt. Sie gewinnt ihn zurück, wenn genügend Menschen darauf bestehen, dass sie es doch tut.“
Ruprecht Polenz: Wie ein Volk den Verstand verliert, Verlag C.H.Beck, 174 Seiten, 18 Euro













