Fortschritt als Zerstörungspotenzial
Im 21. Jahrhundert liegt der Fortschritt der Welt vor allem in der Verfeinerung ihrer Zerstörungskapazitäten. Die zentrale Frage ist daher nicht mehr, ob unsere Sicherheit wächst, sondern ob wir die Voraussetzungen für unseren eigenen Untergang schaffen.
Militarisierung und Klimakrise: Eine gefährliche Verbindung
Während die Klimakrise eskaliert, wird parallel massiv aufgerüstet – und beides hängt direkt zusammen. Zusätzliche Rüstungsinvestitionen der NATO (ohne USA) könnten jährlich rund 200 Millionen Tonnen CO₂ verursachen, etwa ein Drittel der deutschen Emissionen. Insgesamt steht das Militär für etwa 5,5 Prozent der globalen Emissionen – Tendenz steigend.[1] Wäre es ein Staat, wäre es der viertgrößte Klimasünder der Welt.
Rüstungsboom als Wirtschaftsfaktor
Die Ursachen sind bekannt: energieintensive Waffenproduktion, fossile Militärtechnik, gigantische Infrastruktur. Mittlerweile sind einige Politikerinnen, Politiker, Managerinnen und Manager in Deutschland stolz darauf, dass der Rüstungsboom das Wirtschaftswachstum antreibt. Die Rüstungsindustrie wird als Konjunkturmotor gesehen. Dazu schreibt der Verlag Moderne Industrie (www.produktion.de) u. a.: »Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung EY-Parthenon gemeinsam mit der Dekabank zeigt, dass steigende Rüstungsausgaben in Deutschland ein erheblicher Jobmotor werden können. Demnach könnten bis 2029 allein durch direkte Verteidigungsausgaben der NATO-Staaten, sofern diese das Ziel von 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen, rund 144.000 neue Arbeitsplätze in Deutschland entstehen. […] Die Studie berücksichtigt sowohl die Schaffung neuer Arbeitsplätze als auch den Erhalt bestehender Jobs in der Industrie, die durch die verstärkten Rüstungsaufträge abgesichert werden. Insgesamt rechnen die Studienautoren mit einem gesamtwirtschaftlichen Effekt von etwa 360.000 gesicherten und neu geschaffenen Arbeitsplätzen.«[2]
Fehlgeleitete Prioritäten staatlicher Ausgaben
Die staatlichen Investitionen für die Rüstungsindustrie fehlen für den Klima- und Biodiversitätsschutz sowie für den Erhalt des Sozialstaats. Das EU-Papier »Readiness 2030«[3] mit geplanten 800 Milliarden Euro für Verteidigung steht exemplarisch für diese Fehlentwicklung. US-Präsident Donald Trump hat den Kongress gebeten, für das Haushaltsjahr 2027 einen Verteidigungsetat in Höhe von 1,5 Billionen Dollar zu bewilligen.[4] Schon für das Jahr 2026 betragen die US-Verteidigungsausgaben rund 1 Billion Dollar.
Aufrüstung zulasten von Sozialstaat und Zukunftsinvestitionen
Aufrüstung verdrängt Investitionen in Bildung, Gesundheit und Infrastruktur. Für Deutschland bedeutet die geplante massive Verschuldung zugunsten des Militärs einen politischen Irrweg mit Ansage.
Historische Warnungen vor nuklearer Eskalation
Die Geschichte zeigt, wohin das führt: Hiroshima und Nagasaki stehen bis heute für die ultimative Eskalation. Robert Jungk warnte in »Strahlen aus der Asche«[5] eindringlich vor den Folgen atomarer Kriegsführung – eine Warnung, die ignoriert wird. Der Kalte Krieg und die Kubakrise führten die Welt bereits an den Rand der Auslöschung.
Rückkehr der atomaren Bedrohung
Heute ist diese Gefahr zurück. Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat eine neue Phase nuklearer Drohpolitik eröffnet. Atomwaffen wirken bereits durch ihre bloße Androhung – als Instrument der Einschüchterung und Eskalation.
Globale Konfliktlage und zunehmende Kriege
Weltweit wurden mit dem Stand Dezember 2025 »89 Kriege in 31 Ländern gezählt. Bis Ende September 2025 wurden weltweit insgesamt 89 Konflikte mit Kriegs- oder kriegsähnlicher Intensität erfasst, darunter 35 Kriege und 54 begrenzte Kriege. Insgesamt wurden von Januar bis September 2025 1.450 andauernde politische Konflikte unterschiedlicher Intensität erfasst«, berichtet der Geodatenanbieter Michael Bauer International über seine Studie »Sicherheitsbilanz 2025«.[6]
Explosion der weltweiten Verteidigungsausgaben
Gleichzeitig explodieren die Verteidigungsausgaben weltweit. Der NATO-Beschluss von 2025 zielt auf 5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) der NATO-Mitgliedsländer für militärische Zwecke – reine Verteidigungsausgaben sollen 3,5 Prozent des BIP plus 1,5 Prozent des BIP für weitere verteidigungsrelevante Ausgaben betragen. Bis zum Jahr 2035 sollen diese Verteidigungsausgaben realisiert sein.[7] Für Deutschland wären das rund 215 Milliarden Euro jährlich – global gesehen eine Spitzenposition. Mit den tendenziell steigenden Verteidigungsausgaben wird Deutschland immer weniger finanzielle Spielräume besitzen, die Sozialsysteme, insbesondere das Renten- und Bildungssystem sowie das Gesundheitswesen, zu finanzieren. Ebenfalls drohen Kürzungen bei der sogenannten Grundsicherung und in vielen anderen Bereichen, die staatlich unterstützt werden, bis hin zur Kultur.
Militärische Überlegenheit, fragwürdige Bedrohungsszenarien und die Rolle der NATO
Trotz klarer Faktenlage: Studien von Greenpeace[8] und der »Initiative Sicherheit neu denken«[9] zeigen, dass die NATO Russland militärisch überlegen ist. Mehr Aufrüstung schafft keine zusätzliche Sicherheit, sondern neue Spannungen. Die Drohungen der US-Administration, die NATO zu verlassen, sind rhetorisch gefährlich. Erstens brauchen die USA ihre Partner für Militärbasen und strategische Positionen. Zweitens können die USA nur mit sehr hohen Hürden aus der NATO austreten. Schließlich legt das am 22. Dezember 2023 verabschiedete Gesetz zur Genehmigung der Verteidigungsausgaben für das Haushaltsjahr 2024 fest, dass der Präsident nicht einseitig aus der NATO austreten darf, ohne dass eine Zweidrittelmehrheit im Senat erreicht wird oder ein entsprechender Kongressbeschluss vorliegt.[10] Zudem wären Europa und Kanada militärischen Aggressionen Russlands gegenüber gewachsen – auch wegen der Atomwaffen Frankreichs und Großbritanniens. Dennoch bleibt Artikel 5 das Kernelement der NATO.
Der militärisch-industrielle Komplex als Treiber
Dennoch treibt der militärisch-industrielle Komplex den Rüstungswettlauf weiter voran – unterstützt durch politische Narrative von der notwendigen Kriegstüchtigkeit. Er wird verstärkt durch den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Aber auch die neuen Kriege im Nahen Osten, insbesondere durch den Krieg der USA und Israels gegen den Iran und die Kriege Israels gegen den Libanon (hauptsächlich gegen die Hisbollah-Miliz) und im Gazastreifen gegen die Terrororganisation Hamas, sind dazu geeignet, dass in naher Zukunft die weltweite Rüstungsproduktion expandiert.
Waffenexporte und ihre globalen Folgen
Seit Jahrzehnten beliefern führende Exportländer autoritäre Regime mit Waffen – darunter auch Kleinwaffen und sogenannte leichte Waffen.
Die Illusion der Abschreckung
Es sollte eine Binsenweisheit sein, dass Milliardeninvestitionen in Waffen keinen Frieden geschaffen haben – und es auch nicht tun werden. Gegner dieser These werden argumentieren, dass die atomare Abschreckung zwischen den USA und Russland einen direkten totalen Krieg zwischen diesen Supermächten verhindert hat. Aber diese atomare Abschreckung wurde und wird teuer erkauft durch eine ständige existenzielle Bedrohung eines möglichen Atomkriegs sowie durch irrationales nukleares Wettrüsten. Irrational deshalb, weil die Anzahl der einsatzbereiten Atomwaffen die Menschheit mehrfach vernichten würde.
Alternativen: Diplomatie, Kooperation und Prävention
Sicherheit entsteht durch Vertrauen, Diplomatie und Kooperation. Entwicklungspolitik, Konfliktprävention und Rüstungskonversion sind keine idealistischen Träume, sondern reale Alternativen.
Politischer Stillstand bei der Abrüstung
Doch politisch fehlt den meisten Regierungen der Wille zur Abrüstung, mit wenigen Ausnahmen, wie Spanien, das sich unter Ministerpräsident Pedro Sánchez nicht verpflichten will, den Rüstungshaushalt auf 5 Prozent des spanischen BIP anzuheben.[11] Solange hohe Militärbudgets als alternativlos gelten, bleibt das Wettrüsten bestehen.
Konkrete Vorschläge für eine friedlichere Welt
- Das Völkerrecht muss gestärkt werden, nicht zuletzt angesichts aktueller völkerrechtswidriger Kriege. Die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen fordert konsequentes Handeln: »[…] Das Völkerrecht legt verbindliche Regeln […] Was passiert also, wenn Staaten diese Regeln verletzen? […]«[12]
- Nukleare Abrüstung und strikte Rüstungskontrolle sind überlebensnotwendig.
- Ächtung von Atomwaffen, wie sie ICAN seit Jahren fordert.[13]
- Druck auf Bundesregierung und EU, die Verteidigungsausgaben nicht weiter zu erhöhen.
- Pazifismus darf nicht diffamiert werden. Gewaltfreier Widerstand hat seine Wirksamkeit bewiesen.
- Friedensforschung und NGOs müssen gestärkt werden.
- Rüstungskonversion muss Priorität werden.
Fazit: Die Illusion des Wettrüstens
Die eigentliche Illusion ist nicht eine Welt ohne Wettrüsten, sondern die Annahme, dass immer mehr Waffen automatisch mehr Sicherheit schaffen. Der neue Rüstungswettlauf erhöht nicht zwangsläufig Stabilität, sondern birgt die Gefahr einer schrittweisen Eskalation, die Sicherheit untergräbt. Die globale Konfliktlage und die zunehmenden Kriege sind dafür traurige Bestätigung.
Über den Autor
Werner Mittelstaedt, 1954 in Gelsenkirchen geboren, prägt die kritische Zukunftsforschung seit den späten 1970er-Jahren mit zahlreichen Veröffentlichungen und Beiträgen, unter anderem zu qualitativem Wachstum, globalen Megatrends, Nachhaltigkeit, dem Anthropozän sowie zu Klimawandel, Fortschritt und zukunftsfähigen Wertorientierungen. Er ist Initiator und Herausgeber der seit 1981 erscheinenden Zeitschrift BLICKPUNKT ZUKUNFT (www.blickpunkt-zukunft.com). www.werner-mittelstaedt.com
Sein neuestes Buch »Wie das Unmögliche möglich wird – Skizzen für ein neues Fortschrittsnarrativ« ist Ende Januar bei Frank & Timme erschienen (ISBN 978-3-7329-1185-1, EUR 29,80).
[1] Scientists for Future Österreich (2023). Der CO2-Stiefelabdruck des Militärs: 5,5 % der globalen Emissionen. Abgerufen am 06.04.2026 von https://www.scientists4future.at/2023/05/15/co2-stiefelabdruck-des-militars.
[2] Produktion.de (2025). Rüstungsboom schafft 360.000 Arbeitsplätze. Abgerufen am 07.04.2026 von https://www.produktion.de/wirtschaft/ruestungsboom-schafft-360000-arbeitsplaetze/2144069.
[3] European Commission (2025). White Paper for European Defence – Readiness 2030. Abgerufen am 04.04.2026 von https://commission.europa.eu/document/download/e6d5db69-e0ab-4bec-9dc0-3867b4373019_en.
[4] Handelsblatt (2026). 1,5 Billionen Dollar – Trump beantragt Rekord-Etat für Verteidigung. Abgerufen am 06.04.2026 von https://www.handelsblatt.com/politik/international/us-haushalt-15-billionen-dollar-trump-beantragt-rekord-etat-fuer-verteidigung/100214349.html.
[5] Jungk, Robert (1959). Strahlen aus der Asche. Bern: Scherz.
[6] Michael Bauer International GmbH (2025). Sicherheitsbilanz 2025: Politische Konflikte auf Rekordniveau – Eskalationen verlagern sich unterhalb der Kriegsschwelle. Abgerufen am 07.04.2026 von https://www.mbi-geodata.com/de/2025/12/18/globale-sicherheitsbilanz-2025/?
[7] Bundesministerium für Verteidigung (2025). NATO-Gipfel 2025: Historischer Beschluss zu Verteidigungsausgaben der Allianz. Abgerufen am 06.04.2026 von https://www.bmvg.de/de/aktuelles/nato-gipfel-2025-historischer-beschluss-verteidigungsausgaben-5952094.
[8] Greenpeace (2025). Wann ist genug genug? Vergleich der Kräfte von Nato und Russland. Abgerufen am 04.04.2026 von https://www.greenpeace.de/frieden/kraeftevergleich-nato-russland#:~:text=Studienergeb nisse%20im%20Detail&text=Überlegenheit%20der%20Nato%20in%20Zahlen,zu%20127%20Milliarden%20US-Dollar.
[9] sicherheitneudenken.de (2025). Europas Rolle für den Frieden in der Welt. Abgerufen am 04.04.2026 von https://www.sicherheitneudenken.de/media/download/variant/410614/positiv-szenario-europas-rolle-fuer-den-frieden-in-der-welt-01.01.2025.pdf.
[10] Congress approves bill barring any president from unilaterally withdrawing from NATO (2023). Abgerufen am 04.04.2026 von https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&url=https%3A%2F%2Fwww. youtube.com%2Fwatch%3Fv%3Dwj7XtcoEeN8&ved=0CAEQ1fkOahcKEwjg2_r34dKTAxUAAAAAHQ AAAAAQWA&opi=89978449.
[11] Taz (2025). Der Trump die Stirn bietet. Abgerufen am 07.04.2026 von https://taz.de/Spanien-verweigert-5-Prozent-Natoziel/!6092844/.
[12] Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e. V. (2025). Menschenrechte verteidigen, Völkerrecht stärken: Für eine gerechte und friedliche Welt. Abgerufen am 07.04.2026 von https://dgvn.de/aktivitaeten/jahresthema-2026-menschenrechte-verteidigen-voelkerrecht-staerken.
[13] ICAN Deutschland (2026). Über ICAN Deutschland. Abgerufen am 07.04.2026 von https://www.icanw.de/ueber-ican-deutschland-2/.












