Als Miriam Davoudvandi ihren autobiographischen Bericht „Das können wir uns nicht leisten“ auf der Leipziger Buchmesse vorstellte, äußerte sie die Vermutung, dass der Hype der Erzählungen vom Bildungsaufstieg mittlerweile abgeebbt sei. Tatsächlich haben viele Autorinnen und Autoren von Aufsteiger-Autobiographien die 1970er und 1980er Jahre als Schüler oder Studierende erfahren (vgl. meinen Rezensionsessay, hier 6. September 2022). Ihr persönlicher Erfolg war auch das Resultat ökonomischer Notwendigkeiten. Heute haben ca. 22% der Erwerbstätigen in Deutschland einen akademischen Bildungsabschluss. Im Unterschied zu den Jahrzehnten der Bildungsexpansion gibt es aber mittlerweile kein allgemeines Interesse daran, den Kindern der neuen, nicht nur weißen „Unterklasse“ den Bildungsaufstieg zu ermöglichen oder zu erleichtern. Selbst die Bildungsaufsteiger von gestern verteidigen ihre gerade gewonnenen Privilegien hartnäckig gegen den Aufstiegsdrang der ‚neuen Barbaren‘ aus dem Prekariat. Das mag ein Grund für Davoudvandis Vermutung sein. Erfolgsgeschichten sind seltener geworden.
Diese Verhärtungen prägen das Buch der 1992 in Bukarest geborenen Autorin. Selbst der darin beschriebene soziale Aufstieg ist von einem abgebrochenen Studium getrübt. Die Rede vom Aufstieg durch Bildung hält sie ohnehin für eine Lüge. Daher setzt die Autorin einen anderen Akzent und geht der Frage nach, was es heißt, in einem reichen Land arm zu sein. Das betrifft die materiellen Lebensverhältnisse, aber auch, je älter die Protagonistin wird, ihre Scham und später auch die Scham für diese nur unvollständig abgelegte Scham. Die ersten vier Kapitel folgen auf 100 Seiten den Stationen ihres Aufwachsens: Geburt, Wohnen (in der frühen Kindheit), Schule, Studium. Die anderen Kapitel sind systematisch angelegt und beschreiben, was Armut in verschiedenen Lebensbereichen bedeutet, etwa in Freizeit, Essen oder in Bezug auf Gesundheit. Erst im letzten Kapitel geht es um Armut und Aufstieg.
Dabei geht die Autorin von ihren eigenen Erfahrungen und denen ihrer Familie und anderer ihr nahestehender Menschen aus, die sie dann, gestützt auf statistische Daten, verallgemeinert. Ihr Anspruch ist es, exemplarisch und repräsentativ zu schreiben: für die Armutsschichten der Arbeiterklasse, für alle, „die in Victory-Schuhen statt Nikes rumgelaufen sind“. So wechselt der Stil zwischen Lebensbericht, Sozialreportage und sozialphilosophischen und politischen Reflexionen und verzichtet dabei auf Elendsmalerei und Mitleidsappelle, ist eher (selbst-) reflexiv. Der Groll über die Verhältnisse ist kühl-distanziert formuliert.
Miriam Davoudvandis rumänische Mutter war von Beruf Krankenschwester. Der Vater, ein ausgebildeter Flugzeugtechniker, war Anfang der 90er Jahre aus dem Iran geflohen. Bald nach Heirat und Miriams Geburt reist er mit seinen zwei Söhnen aus erster Ehe nach Deutschland aus. Als Miriam sechs Jahre ist, folgen sie und ihre Mutter nach. Die Emigration bedeutet auch Deklassierung. Der Flugzeugtechniker aus dem iranischen Mittelstand wird sein ganzes Arbeitsleben lang Anstreicher und die Mutter arbeitet fortan als Putzfrau. Die Familie lebt in Bad Säckingen, einem Kurort im baden-württembergischen Hochrhein an der Grenze zur Schweiz, ca. 18000 Einwohner und kaum Gewerbe. Was für die Einheimischen behäbige Eigenheimidylle, ist für die Emigranten und Flüchtlinge ein hartes Pflaster. Aus der post-sozialistischen Egalität im Bukarester Wohnblock ihrer frühen Kindheit, in dem Arbeiter neben Intellektuelle und armen Künstlern wohnten, wird nun eine 70qm-Wohnung in einer Sozialbausiedlung am Rand der Stadt, in der die Armen ghettoisiert werden, um das Stadtbild der Spießbürger und Kurgäste nicht zu stören. Am Ende ihrer Grundschulzeit ziehen sie in eine Wohnung in einem privaten Mehrfamilienwohnhaus. Ihre Wohnungen, schreibt sie, waren gerade einmal so groß wie die Garagen auf den geräumigen Anwesen ihrer Freundinnen, die in großen Ein-Familien-Häusern bzw. Villen lebten. Die Wahrnehmung dieses Größenunterschiedes ist früh schon mit Scham verknüpft, so dass sie sich erst sehr spät und jeweils nach intensiver Vorbereitung traut, Freundinnen und später den ersten Freund zu sich nach Hause einzuladen.
Ihren Lebensstil charakterisiert sie zum einen als Armuts- Ökologie: aufgetragene Kleidungsstücke, die an die Jüngste weiterverberbt werden, gebrauchtes Spielzeug von caritativen Organisationen, bei Brettspielen, Karten oder Puzzles oft nicht mehr vollständig, und schließlich das Reparieren so lange, bis ein Ding endgültig kaputt ist. „Umweltbewusstsein ist nicht nur in Prenzlauer Berg ein Thema. … In den Blöcken, in den Sozialwohnungen, in den Bruchbuden wird es täglich gelebt. Nur eben leise, weil es keinen Applaus gibt.“
Ein anderes Charakteristikum ist Zeitknappheit, vor allem der Eltern. Sie betrifft jedoch das Essen nur zum Teil, nämlich in der Eile und dem Chaos beim Frühstück. Die Prospekte-Lektüre und die Zusammenstellung der Einkaufswege nach Sonderangeboten gehören zur sonntäglichen Routine, Bioläden sind aus Kostengründen tabu. Zwischen diesem Lebensstil und den distinktionsbewussten Ritualen des Einkaufens, Kochens und Essens deutscher akademischer Mittelschichten, wie sie Andreas Reckwitz ausladend und mit nur schwachen Prisen Ironie beschreibt („Gesellschaft der Singularitäten“, Frankfurt am Main 2019), scheinen Welten zu liegen, aber auch in Miriams Familie gibt es Nuancen, die differenzierten Gewürzkenntnisse des iranischen Vaters oder wenn dieser zu besonderen Anlässen stundenlang einen Schafskopf kocht.
Die Anfänge ihres Bildungsweges ähneln in einigen Aspekten meinem: Die drei Geschwister haben kein eigenes Zimmer, die Hausaufgaben werden am Küchentisch erledigt. Miriam ist eine sehr gute Schülerin, bekommt aber keine Gymnasialempfehlung. Bei mir wollte der Schulrektor meiner Mutter die Überweisung auf das Gymnasium ausreden, weil meine Eltern eine eventuell nötige Nachhilfe nicht finanzieren könnten und ich scheitern könnte. Bei Miriam ist es die Klassenlehrerin, die den Eltern empfiehlt, sie auf die Hauptschule zu schicken und, wie schon ihre Brüder, unter „ihresgleichen“ zu lassen. Die Jüngste wird aber zur ersten in der Familie, die einen gymnasialen Bildungsweg einschlägt, weil eine Familienfreundin Bescheid weiß und sie über das auch in Baden-Württemberg geltende Elternrecht aufklärt. Sie wird nun zur „großen Hoffnungsträgerin“ der Familie, die den „Kreislauf“ der Armut durchbrechen soll. Im Gymnasium lassen ihre Leistungen nach, aber sie macht ein gutes Abitur. Auf die Möglichkeit, als Studierende ein Stipendium zu bekommen, macht sie niemand aufmerksam. Das Studium der Medien- und Politikwissenschaft in Halle befreit sie aus familiärer Enge, aber bereits der Beginn des Studiums setzt sie dem Schock der Orientierungslosigkeit in einer Institution aus, auf die sie nicht vorbereitet wurde. Über den weiteren Verlauf des Studiums erfährt man nichts, viel hingegen über ihre zahlreichen Jobs, u.a. bei einem Radiosender und als unbezahlte Praktikantin bei einem Musikmagazin. Sie bricht das Studium nach 18 Semestern erfolglos ab und wird Musikjournalistin, Podcasterin und Autorin. Sie fasst das Scheitern in die Paradoxie: „Als Arbeiterkind zu studieren, heißt, man muss die Uni verpassen, um sich die Uni leisten zu können.“ Das ist pointiert bzw. zugespitzt formuliert. Hier wären Differenzierungen nötig und möglich.
Am meisten überrascht hat mich in diesem Bericht, dass kein Wort über Bücher und fast keines über das Lesen fällt. Nebenbei bemerkt sie, dass sie als Kind gerne in den Wartezimmern von Ärzten saß, um die ausliegenden Zeitschriften zu lesen. Ein ganzes Kapitel widmet sie hingegen dem Fernsehen. „Ich … bin ein stolzes Fernsehkind und dankbar dafür.“ Für ihre stets überlasteten Eltern ist fernsehen die einzige Entspannung, die ihnen möglich und finanzierbar ist. „Wenn man nichts erlebt, nur arbeitet und funktioniert, hat man nichts zu erzählen.“ Wenn ihre Kinder fernsehen, während sie arbeiten, brauchen sie keine Sorgen zu haben, dass die Kinder auf der Straße etwas anrichten oder der Tochter etwas angetan würde. Schließlich sieht die Autorin rückblickend in ihrem exzessiven Viva- und MTV-Konsum die Schulung, die aus ihr die spätere Musikjournalistin gemacht hat.
Auch die Journalistin Caitlin Moran, Arbeiterkind aus Wolverhampton/Wales mit sieben Geschwistern, begann ihre Karriere als Musik-Journalistin, aber auf andere Weise als Miriam. In ihrem Roman „All about a Girl“ (München 2015) ist ihr Alter-Ego Johanna eine eifrige Besucherin der Stadtbücherei. Zunächst recherchiert sie eifrig zum Thema Angst, dann schließlich, nach einigen Wettbewerbserfolgen mit Beiträgen für Musikzeitschriften, arbeitet sie systematisch an ihrem Berufsziel Musikjournalistin, nicht indem sie sich vor den Fernseher hockt, sondern sich nach und nach 148 Musikalben aus der Stadtbücherei ausleiht und so zur Expertin für den Bereich Indie/Alternative der Jahre 1988 bis 1992 wird. Der Unterschied ist nicht Miriam Davoudvandi anzulasten, er verdeutlicht lediglich, dass selbst die von Magret Thatcher nicht geschleiften Überbleibsel des einstigen britischen Sozialstaates allemal besser sind als die gemütliche grün-neoliberale Dystopie Baden-Württemberg, wo man offenbar nicht nur Hochdeutsch nicht kann.
Schon in der Einleitung schildert die Autorin, wie sie in der Uni-Mensa sitzt und von Kommilitonen zu einer WG-Party eingeladen wird. Ihre Antwort: „Kann nicht, muss arbeiten.“ Das ist Woyzeck-Sound. Büchner-Inhalt ist das Kapitel über Armut und (psychische) Gesundheit. Eindringlich schreibt die Autorin über ihre Depression, den Druck zu funktionieren, der auf allen Familienmitgliedern lastet, ihre Verantwortung dafür, schon als Kind den Eltern Behördenschreiben richtig und verständlich zu übersetzen, über die relative Isolation der Familie und schließlich über ihren Rückzug aus der Familie in der Pubertät. Dem Stress, dem Geldmangel und den nie endenden Existenzängsten folgen schwere psycho-somatische Erkrankungen. In der Familie weiß man kaum etwas über diese Krankheiten, über Gefühle spricht man nicht und schließlich ist die psychiatrische Versorgung für Kassenpatienten in einem Provinznest schlicht katastrophal. Das Kapitel endet mit einem prägnanten Fazit: „Eine gute Psyche für alle schaffen wir nicht mit Achtsamkeitskursen, sondern mit Klassenkampf.“
Der Satz bleibt eine Pointe. Im Abschlusskapitel über Armut und Aufstieg redet die Autorin viel über ihre Schuldgefühle, sieht sich als „Klassenverräterin“, klagt, dass sie den „Bezug“ zu ihrer „Herkunft“ verliert, und spricht von der Schwierigkeit, zwischen „beiden Welten zu navigieren und sich dabei selbst treu zu blieben“. Man verliert aber diesen „Bezug“ zur Herkunft nicht, wenn man ihr im wissenschaftlichen oder journalistischen Arbeiten und in der politischen Praxis „treu“ zu bleiben versucht. Sprache und Habitus mögen sich ändern, aber die Interessen der Menschen seiner Herkunft sollte man nicht aus den Augen verlieren.
Die Seite 163 f. enthält eine Liste von Dingen, Sachverhalten und Verhaltensweisen mit entgegengesetzter Bewertung, je nachdem, ob man sie reichen oder armen Leuten zurechnet. Das ist überraschend und vergnüglich und lädt zum Fortsetzen ein. Beispiel? „Ein Richter kennt dich namentlich.“












