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Ölkrise und Tankrabatt: Verpasste Win-win-Chancen für Klimaschutz und Gesellschaf. Gastbeitrag von Werner Mittelstaedt

Gastbeitrag Von Gastbeitrag
4. Mai 2026
Bäume in einer zerbrochenen Glaskugel, Symbolbild für Umwelt- und Naturschutz

Seit dem völkerrechtswidrigen Krieg der USA und Israels gegen den Iran[1] und der damit verbundenen Sperrung der Straße von Hormus befindet sich die Welt in einer neuen Ölkrise. Dadurch sind die Preise für Rohöl und auch für Flüssiggas (LNG) stark gestiegen. Auch viele andere Rohstoffe wie Aluminium, Helium und Düngemittel verteuern sich deutlich. Schätzungen zufolge stehen weltweit für längere Zeit rund 20 Prozent weniger Rohöl zur Verfügung, da diese Menge normalerweise durch die Straße von Hormus transportiert wird.[2] Darüber hinaus hat der Iran durch den Krieg Teile der Energieinfrastruktur in Kuwait, Saudi-Arabien und Katar schwer beschädigt, was natürlich die Knappheit von Öl und Gas weiter verschärft.[3]

Weltweite wirtschaftliche Folgen und unterschiedliche Betroffenheit

Die bevölkerungsreichsten Länder der Welt, Indien und China, sowie viele afrikanische Länder und weitere Staaten des globalen Südens wie Bangladesch und Myanmar sind besonders betroffen. Die Auswirkungen auf Deutschland sind im Vergleich dazu weniger gravierend, da die Abhängigkeit von Rohstoffen, die über die Straße von Hormus zu uns gelangen, geringer ist als in vielen anderen Ländern. Dennoch bleibt der sehr hohe Preis für Öl und Flüssiggas mit weitreichenden Konsequenzen verbunden, die ich hier nur grob skizziere: höhere Transportpreise für Waren aller Art, Kostensteigerungen in der Landwirtschaft (teurere Düngemittel und teurerer Diesel für Traktoren), höhere Heizkosten für Öl- und Gasheizungen sowie eine höhere Inflation (plus 2,9 Prozent im April 2026 gegenüber dem Vorjahr[4] mit steigender Tendenz). Ohne die Sperrung der Straße von Hormus wären lediglich plus 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen gewesen.

Maßnahmen der Bundesregierung: Tankrabatt und Entlastungsprämie

Was unternimmt die deutsche Bundesregierung? Sie hat am 24. April 2026 den Tankrabatt von ca. 16,7 Cent pro Liter Benzin und Diesel vom 1. Mai bis Ende Juni 2026 und eine nicht verpflichtende Entlastungsprämie in Höhe von steuerfreien 1.000 Euro für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Unternehmen beschlossen. Dabei ist fraglich, wie viele Unternehmen diese Entlastungsprämie zahlen wollen und/oder können.

Der Tankrabatt ist eine klimapolitische Fehlentscheidung

Der Tankrabatt ist eine falsche Maßnahme angesichts der neuen Ölkrise und ihrer komplexen Folgen. Die Bundesregierung hätte die Ölkrise als Chance nutzen müssen, um wirksame Maßnahmen gegen die Klimakrise so umzusetzen, dass CO₂-Emissionen deutlich reduziert werden und die Bürgerinnen und Bürger gleichzeitig Vorteile spüren. Einige Win-win-Chancen hätten so genutzt werden können.

Verpasste Chance: Ölkrise als Impuls für Klimaschutz nutzen

 In meinem neuen Buch (Wie das Unmögliche möglich wird – Skizzen für ein neues Fortschrittsnarrativ) habe ich ausführlich über die Klimakrise und die vielen Möglichkeiten, die wir noch haben, sie einzudämmen, geschrieben.[5] Es sollten keine Zweifel daran bestehen, dass insbesondere Politikerinnen und Politiker wissen müssen, dass die Welt durch die Klimakrise im wahrsten Sinne des Wortes brennt und mehr zum Schutz des Klimas unternommen werden muss. Was muss in der Klimakrise noch passieren, damit die ständigen Warnungen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) und des Erdbeobachtungsprogramms Copernicus politisch ernst genommen werden?

Subventionierung fossiler Energien trotz Klimakrise

Durch den Tankrabatt und die 12-Uhr-Regel an Tankstellen wurden Treibhausgase subventioniert und die Mineralölkonzerne können ihre Gewinne steigern.[6],[7] Treibhausgase zu subventionieren, ist aufgrund der Klimakrise etwa so, als wollte jemand Feuer mit Benzin löschen.

Alternative Maßnahmen mit Win-win-Potenzial

Anstatt des Tankrabatts wäre Folgendes im Sinne des Klimaschutzes, zur Schonung der vorhandenen Ölreserven und zur Entlastung breiter Bevölkerungskreise sinnvoller gewesen:

Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs: das Deutschlandticket

  • Das Deutschlandticket hätte die Bundesregierung in Form einer Preisminderung attraktiver machen können, also weniger als zurzeit 63 Euro im Monat: »Laut einer aktuellen Studie im Auftrag der Verkehrsministerien konnten durch das Deutschlandticket innerhalb von nur 20 Monaten rund 2,3 Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden – das entspricht etwa 560 Millionen vermiedenen Autofahrten. Zudem steigt die Zahl der regelmäßigen ÖPNV-Nutzerinnen und -Nutzer deutlich. […] Im öffentlichen Nahverkehr hat das Ticket inzwischen eine dominierende Rolle übernommen: Im September 2024 wurden 65 Prozent aller Fahrten mit dem Deutschlandticket durchgeführt – ein eindrucksvoller Beleg für seine Akzeptanz. Besonders hoch ist die Nutzungsquote in städtischen und wirtschaftsstarken Regionen, wo etwa 26 Prozent der Bevölkerung das Ticket verwenden. Doch auch der ländliche Raum zieht nach: Dort nutzen aktuell zwölf Prozent der Menschen das Angebot – mit steigender Tendenz. […] Die Attraktivität des Deutschlandtickets könnte gesteigert werden, wenn der Monatspreis, insbesondere für einkommensschwache Personen, im Vergleich zum aktuellen Preis reduziert wird. […] Wer für das Autofahren mehr zahlt, soll spüren, dass es sich lohnt, umzusteigen.«[8],[9] Diese Win-win-Chance in Form einer Reduzierung des Monatspreises für das Deutschlandticket wurde nicht genutzt.

 Tempolimits als effektive Klimaschutzmaßnahme

  • »Einführung dauerhafter Tempolimits: Zur Senkung des CO2-Ausstoßes und zur Erhöhung der Verkehrssicherheit sind einheitliche Tempolimits notwendig. Für Deutschland ist meine Empfehlung: Tempo 100 km/h auf Autobahnen, Tempo 80 km/h auf Landstraßen, Tempo 30 km/h in Städten.«[10] Sie wird durch die Deutsche Umwelthilfe unterstützt. Sie schreibt über Tempolimits: »Als einziger Staat in Europa kann in Deutschland auf 70 Prozent der Autobahnen ohne jede Tempobeschränkung gerast werden. Das Bündnis sagt daher ganz klar: Ein Tempolimit muss her! Die DUH fordert dazu ganz konkret 100 km/h auf Autobahnen und außerorts 80 km/h, um sofort 11,7 Millionen Tonnen des Klimagases CO2 zu vermeiden. Eine innerstädtische Regelgeschwindigkeit von 30 km/h würde zu weiteren Einsparungen führen. Neben der positiven Klimawirkung sorgt ein Tempolimit auch für bessere Luftqualität, weniger Lärm und mehr Sicherheit auf unseren Straßen.«[11] Diese längst überfällige Win-win-Chance wurde wieder nicht genutzt, obwohl sie dieses Mal sinnvoller denn je gewesen wäre.

Homeoffice als Beitrag zur Reduktion des Energieverbrauchs

  • Die Bundesregierung hätte die Unternehmen zu mehr Homeoffice verpflichten können und/oder dafür Anreize anbieten können. Eine aktuelle Konstanzer Homeoffice-Studie zeigt: Der vielfach gewünschte zusätzliche Tag Homeoffice würde rund 19 Prozent des täglichen Kraftstoffverbrauchs in Deutschland reduzieren.[12] Auch hier wurde bislang eine Win-win-Chance fürs Klima und für die Bevölkerung nicht genutzt.

Entlastung der Bevölkerung durch Mehrwertsteuerreduzierung

  • Um die inflationären Auswirkungen der neuen Ölkrise für die Bevölkerung zu lindern, wäre eine Mehrwertsteuerreduzierung auf biologisch erzeugte Lebensmittel, insbesondere Grundnahrungsmittel wie Getreideprodukte, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Gemüse und Obst sowie Milch und Milchprodukte, sehr sinnvoll.

 Fazit

Nicht nur die Anfälligkeit unserer Ökonomie wird durch die neue Ölkrise offenbar: Auch ein effektiver Klimaschutz wurde in diesem Kontext nicht vorangetrieben. Anstelle einer indirekten Subvention fossiler Energien durch den Tankrabatt hätte die Bundesregierung Maßnahmen realisieren können, die gleichzeitig eine Entlastung für Klima, Ressourcen und die breite Bevölkerung bewirken. Nachhaltige Alternativen mit echtem Win-win-Potenzial blieben daher ungenutzt.

 

Anmerkungen

[1] Tagesschau (2026). Nach dem Angriff auf Iran. Was bleibt vom Völkerrecht? Abgerufen am 30.04.2026 von https://www.tagesschau.de/ausland/asien/voelkerrecht-zukunft-100.html.

[2] NTV (2026). Droht bald Rationierung bei Öl und Gas? Abgerufen am 30.04.2026 von https://www.n-tv.de/wirtschaft/Droht-bald-Rationierung-bei-Oel-und-Gas-id30759373.html.

[3] Tagesschau (2026). Iran droht mit „vollständiger Zerstörung“ von Energieinfrastruktur. Abgerufen am 02.05.2026 von https://www.tagesschau.de/ausland/iran-krieg-angriffe-raffinerien-golfstaaten-100.html.

[4] Statistisches Bundesamt (2026). Verbraucherpreisindex und Inflationsrate. Abgerufen am 30.04.2026 von https://www.destatis.de/DE/Themen/Wirtschaft/Preise/Verbraucherpreisindex/_inhalt.html.

[5] Mittelstaedt, Werner (2026). Wie das Unmögliche möglich wird – Skizzen für ein neues Fortschrittsnarrativ. Berlin: Frank & Timme.

[6] Tagesschau (2026). 12-Uhr-Regel steigert Profit der Konzerne. Abgerufen am 29.04.2026 von https://www.tagesschau.de/wirtschaft/spritpreise-12-uhr-regel-profit-100.html.

[7] Taz (2026). Union, SPD und AfD machen Mineralöl-Konzernen eine Freude. Abgerufen am 29.04.2026 von https://taz.de/Steuerfreie-1000-Euro-Entlastungspraemie/!6173634/.

[8] Mittelstaedt, Werner (2026). Wie das Unmögliche möglich wird – Skizzen für ein neues Fortschrittsnarrativ. Berlin: Frank & Timme, S. 55-56.

[9] Taz (2025). Positive Effekte durch Deutschlandticket. 560 Millionen Au­tofahrten weniger. Abgerufen am 30.04.2026 von https://taz.de/Positive-Effekte-durch-Deutschlandticket/!6080092/.

[10] Mittelstaedt, Werner (2026). Wie das Unmögliche möglich wird – Skizzen für ein neues Fortschrittsnarrativ. Berlin: Frank & Timme, S. 116-117.

[11] Deutsche Umwelthilfe (2026). Tempolimit: Für Klimaschutz und Sicherheit. Abgerufen am 30.04.2026 von https://www.duh.de/informieren/verkehr/tempolimit/.

[12] Universität Konstanz (2026). Homeoffice könnte täglich Millionen Liter Kraftstoff sparen. Abgerufen am 29.04.2026 von https://www.uni-konstanz.de/universitaet/aktuelles-und-medien/aktuelle-meldungen/aktuelles-1/homeoffice-koennte-taeglich-millionen-liter-kraftstoff-sparen/.

 

Über den Autor:

Werner Mittelstaedt
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Werner Mittelstaedt, 1954 in Gelsenkirchen geboren, prägt die kritische Zukunftsforschung seit den späten 1970er-Jahren mit zahlreichen Veröffentlichungen und Beiträgen, unter anderem zu qualitativem Wachstum, globalen Megatrends, Nachhaltigkeit, dem Anthropozän sowie zu Klimawandel, Fortschritt und zukunftsfähigen Wertorientierungen. Er ist Initiator und Herausgeber der seit 1981 erscheinenden Zeitschrift BLICKPUNKT ZUKUNFT (www.blickpunkt-zukunft.com). Seine Website: www.werner-mittelstaedt.com

 

 

  

 

 

Buchhinweis:

Buchtitel "Wie das Unmögliche möglich wird"Werner Mittelstaedt

Wie das Unmögliche möglich wird – Skizzen für ein neues Fortschrittsnarrativ
200 Seiten, kartoniert
Buch: ISBN 978-3-7329-1185-1, EUR 29,80
E-Book: ISBN 978-3-7329-8730-6, EUR 40,00

Zum Inhalt

Hochaktuell und mit überraschenden Analysen bringt Werner Mittelstaedt die Lage der Menschheit auf den Punkt. Und er geht noch einen Schritt weiter: Er zeigt, wie ein neues Fortschrittsnarrativ den Weg zu einer Gesellschaft weisen kann, die Wohlstand schafft, Nachhaltigkeit ernst nimmt und das Klima schützt. Seine Thesen dienen als Orientierung und eröffnen Perspektiven. Sie umfassen Konzepte und

Vorschläge für eine ökonomische Wachstumswende, den Umgang mit KI, die Stärkung liberaler Demokratien, eine humane Migrationspolitik, wirksamen Klima- und Biodiversitätsschutz, militärische Sicherheit ohne Rüstungseskalation, Bildung für die Herausforderungen der Zukunft und ansprechende Belohnungssysteme. So entsteht Raum für ein neues Denken in Richtung zukunftsfähiger Entwicklungen. Ohne Beschönigungen vermittelt Mittelstaedt Zuversicht: Der Autor zeigt, dass wir fast alles, was heute unmöglich erscheint, möglich machen können und dass jede und jeder sich daran beteiligen kann.

Bestellen Sie direkt beim Verlag oder in Ihrer Buchhandlung:
* buchbestellung@frank-timme.de
www.frank-timme.de

 

 

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