Wir stehen nicht nur vor einem neuen Versuch, die Welt in 3 oder 4 Imperien aufzuteilen, sondern bezogen auf unseren Kontinent vor einem neuen Versuch einer kontinentalen Hegemonie. Deshalb mag es nützlich sein, vergangene Versuche Revue passieren zu lassen, die noch nicht historisch lange her sind.
Vor Kurzem begegnete ich wieder einmal der französischen Revolution in Büchern und anderen Medien. Dabei fielen mir Parallelen der Entwicklung von hehren Zielen zu brutalen Hegemonialkriegen auf, die der Betrachtung wert sind.
Nehmen wir zunächst die französische und die russische Revolution. Beide begannen als gesellschaftliche Umwälzung zur Beseitigung unerträglicher Repression durch ausbeuterische Oberschichten, Monarchen und Adel. Sie begannen also mit hohen Ansprüchen an ethische Werte wie Freiheit, Gleichheit und Selbstbestimmung im Inneren der jeweiligen Reiche. In beiden Fällen führte Gewalt, Chaos und Bürgerkrieg zum Sieg starker Persönlichkeiten wie Napoleon und Lenin, die die Unordnung sowie Separatismus von ethnischen Minderheiten durch neue Repression beseitigten – sicher mit viel Zustimmung seitens der Bevölkerungsmehrheit. Bald entstand dann der Wille, Nachbarregionen eine vergleichbare „Befreiung“ zu verschaffen.
Frankreich versuchte unter Napoleons Führung in Fortsetzung der Revolutionskriege ganz Europa zu unterwerfen und nach seinem Willen zu gestalten. Dieser Expansionsprozess wurde vor nur 211 Jahren am 18. Juni bei Waterloo endgültig gestoppt. Man möchte sagen, erst vor gut 200 Jahren stoppte Europa eine französische Kontinentalhegemonie!
Auch in Deutschland führte das Chaos nach dem verlorenen Krieg ab 1918 zur Machtergreifung eines Regimes, das schon nach kurzer Zeit vor 90 Jahren begann, eine kontinentale Hegemonie anzustreben, allerdings nicht auf Basis einer Befreiungsideologie, sondern auf Grundlage rassistischen Überlegenheitswahns. In deutlich kürzerer Zeit als Napoleon brach dieser Versuch zusammen, vor 81 Jahren war Schluss.
Dann begannen zwei Hegemonialmächte das Vakuum zu füllen: von Osten her unterwarf das kommunistische Russland vor allem slawische Völker, teilweise auch durch annektierende Integration in die Sowjetunion selbst, während der Westen Europas in den Einflussbereich der USA geriet. Niemand außerhalb des kommunistischen Bereichs, also westlich des „Eiserner Vorhangs, konnte sich der wirtschaftlichen Dominanz dieser Weltmacht entziehen, zumal nur diese in der Lage war, Schutz gegen Expansionsgelüste Moskaus zu bieten.
Damit soll die Leistung der Vereinigten Staaten für Wohlstand und Sicherheit nicht gleichgesetzt werden mit der oft drakonischen Herrschaft der Sowjetunion über ihre Satelliten, aber ihre teil-kontinentale Hegemonie zu leugnen, wäre absurd. Diese US-Hegemonie besteht heute bröckelnd fort und umfasst wirtschaftliche, finanzpolitische und technologische Überlegenheit gegenüber einem immer noch allzu parzellierten Europa.
Demgegenüber endete die russische Hegemonie ziemlich abrupt vor gut 35 Jahren mit dem Verlust aller Vasallen sowie größerer Teile der früheren Sowjetunion.
Nun erleben wir eine den früheren Prozessen ähnliche Entstehung neuen kontinentalen Hegemoniestrebens, auferstanden aus den Ruinen des Sowjetimperiums und aus dem Chaos der kurzen demokratischen und radikalkapitalistischen Phase der 90er Jahre. Auch hier steht eine strategisch geschickte Persönlichkeit an der Spitze, die allerdings diese Hegemonieansprüche nicht wie die französischen Revolutionstruppen befreiungsideologisch, sondern ähnlich wie Hitler begründet, nämlich mit einer ethnischen Überlegenheitsideologie mit der Bezeichnung „Die russische Welt“ als gottgewolltem Herrschaftsanspruch der russischen Rasse.
Man darf vermuten, dass es das Regierungsziel Russlands ist, die Amerikaner ganz aus Europa zu verdrängen, die politischen Ordnungen und integrativen Elemente der europäischen Staaten zu destabilisieren, um effektiv bis zum Atlantik keine Gegenmacht mehr berücksichtigen zu müssen. Das entscheidende Machtmittel ist, dass Russland bedenkenlos angreift, verdeckt mit Sabotage, Lügenpropaganda und militärisch, und bis zur Nukleardrohung eskaliert, während Westeuropa zwar starke Worte der Verurteilung findet, aber faktisch zurückweicht, um ja nicht zu eskalieren[1]. Wahrscheinlich geht die Aggression gar nicht vom russischen Volk aus, sondern „nur“ von einer herrschenden Clique um Putin herum, der insofern dem US-Präsidenten ähnelt. Dass letztlich eine europäische Kontinentalhegemonie strategisches Kreml-Ziel ist, scheint klar zu sein.
Es könnte ja sein, dass sich Putin sowohl militärisch als auch wirtschaftlich mit diesem Ziel übernimmt wie – jedenfalls bisher – im Eroberungskrieg gegen die Ukraine. Auf der anderen Seite muss Europa eine einheitliche, glaubwürdige Antwort auf Putins nukleares Erpressungspotential finden, weil der Schutz durch die USA nicht mehr glaubwürdig ist.
So betrachtet, wiederholt sich also die Geschichte blutiger Herrschaftsversuche erst der Franzosen, dann der Deutschen, von Amerikanern und Russen nach 1945 – nun als Russlands Griff nach dem alten Ziel einer Kontinentalhegemonie.
[1] Klartext: unsere Sicherheit vor russischer Aggression beruht zurzeit nur auf der Annahme, dass es in Moskau letztlich doch eine Hemmung gibt, Nuklearwaffen einzusetzen.












