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Welch eine Schmach in der UNO – Man fühlt sich erinnert an 1978 in Argentinien

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
5. Juni 2026
Boxendes Känguru mit am Boden liegenden Boxer

Ausgerechnet Österreich. Ein Sieg über das große Deutschland. Im Weltsicherheitsrat der UNO. In New York. Welch eine Schmach! Wie damals in Cordoba. In Argentinien. 1978. Ja, wenn der Edi Finger noch lebte, der sagenumwobene Radio-Kommentator aus Österreich! Was hätte der Mann aus dem Sieg der Wiener in New York über die Deutschen gemacht! Zu Helden gewiss. Erinnert hätte er sich und die halbe Welt an die seligen Habsburger Zeiten, als man noch Weltmacht war. Kaiserreich. Politik und Fußball, ich habe das bewusst miteinander verknüpft. Nein, nicht um das Debakel schön zu reden, das die Merz-Regierung, das der deutsche Außenminister Wadephul gerade erlitten hat. Eher, um das Ausmaß der Niederlage zu beschreiben. Die SZ wählte als Titel für ihre Geschichte über das Drama: „Ein Blick in den diplomatischen Abgrund.“

Ich gebe zu, dass ich die Abstimmung im fernen Amerika lange nicht ernst genommen habe. Was haben die nichtständigen Mitglieder im Weltsicherheitsrat der UNO schon zu melden?! Nicht mal die ständigen Mitglieder, die großen Fünf haben etwas zu sagen, weil sich die Amerikaner, die Russen und die Chinesen ständig blockieren, die Briten und die Franzosen sitzen dabei, ohne diese Blockade verhindern zu können. Also was soll das ganze Theater

Es geht um das Prestige, um das Image der Bundesrepublik, ihre Rolle in der Welt, ihre Bedeutung. Deutschland, das das Made-in-Germany lange als Gütesiegel in alle Winkel der Erde verkaufte, der Export-Weltmeister darf sich nicht klein machen, verstecken. Wir wollen  mitspielen, ganz oben. Und jetzt das. Zumal Berlin die Abstimmung haushoch verloren hat, Portugal erzielte 134 von 190 Stimmen, für Österreich gaben 131 Mitgliedsländer ihre Stimmen. Nur 104 Stimmen für Deutschland. Knappes Rennen sieht anders aus.

Baerbock verkündet die Niederlage

Es sind die Sitze im Weltsicherheitsrat, die 2027 und 2028 für Westeuropa frei geworden und neu zu besetzen sind. Also Portugal und Österreich, beide deutlich kleiner als Deutschland, das der bevölkerungsreichste Staat der EU, Mitglied der NATO, der zweitgrößte Geldgeber der UNO und die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist. Das ist dann schon eine Blamage. Vor aller Welt, verkündet von Annalena Baerbock, der letzten Außenministerin der Ampel-Regierung von Olaf Scholz, die bis September noch Präsidentin der UN-Generalversammlung ist. Wenn man so will und nachkarten mag, damals aus dem Amt gewählt und heiß erfleht von Friedrich Merz und Johannes Wadephul, weil man die Regierung Scholz auch international, außenpolitisch für ungeeignet hielt. Merz spottete damals über die Ampel, die angeblich auf dem großen Parkett keine Anerkennung finde. Hat nicht jemand auch von ausgelacht gesprochen? Und selbstredend werde er, Merz, wenn er erstmal Kanzler sei, alles besser machen. Deutschland werde international wieder die Rolle spielen, die ihm gebühre. Und jetzt, Herr Merz, was sagen Sie jetzt? Von wegen „Außenkanzler“. Sie haben verloren, wie auch Wadephul, Sie haben es vergeigt. Gegen Österreich.

Als ich die Bilder im Fernsehen sah, wie sich die österreichische Delegation in den Armen lag, der Bundespräsident Alexander van der Bellen, die Außenministerin Beate Meinl-Reisinger, habe ich gespürt, wie wichtig der Sieg der kleinen Alpen-Republik über den großen Nachbarn war. Die Wiener hatten mit ihrem Charme geworben, ihrer Neutralität, damit, dass sie kein Mitglied eines militärischen Bündnisses sind, eben mit ihrer überschaubaren Größe, die ja besser mit klein beschrieben wird, was aber dann etwas ausmachen kann, weil es als Bescheidenheit ausgelegt wird.  Und dann war da noch die Wiener Softpower, wie das die SZ beschrieb, also Mozart und Marillenknödel.

Die Klage Nicaraguas 

„Eine verlässliche Stimme für Dialog statt Konfrontation, für Verständigung und Blockdenken sowie für eine regelbasierte Weltordnung“. So äußerte sich Österreichs Kanzler Christian Stocker sichtlich zufrieden. Es könnte ein Nachteil Deutschlands gewesen sein, dass sich Deutschland eindeutig positioniert habe zugunsten Israel, nach dem Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel und der militärischen Antwort der Israelis. Nur ist das vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und dem Holocaust kaum anders denkbar. Aber die Klage Nicaraguas vor dem Internationalen Gerichtshof enthielt den schweren Vorwurf der Beihilfe Deutschlands zum Völkermord in Gaza, nicht alle stehen hier an der Seite Israels, die Person Netanjahu mag in Donald Trump einen Freund gefunden haben, in Deutschland sieht das schon anders aus und international sowieso. Österreich tut sich da leichter, man unterstützt die Israelis, liefert aber keine Waffen. Ist eben fast neutral. Da kennt man sich aus.

Zur Erinnerung: Das Land, das über Jahre begeistert Hitler gefeiert hatte- er stammte ja aus Braunau, der Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich fand 1938 statt- war nach dem 2. Weltkrieg von 1945 bis 1955  besetzt von den Alliierten. Diese Zeit endete offiziell mit dem Österreichischen Staatsvertrag im Mai 1955 und dem Abzug der fremden Truppen. Am 26. Oktober beschloss das Parlament das Neutralitätsgesetz, heute ist das der Nationalfeiertag im Lande.

„Wir haben das Ziel nicht erreicht“, räumte der Kanzler ein. „Wir haben uns mit Überzeugung beworben“, betonte er. Aber alles in seiner Kraft stehendes hat er nicht gegeben für einen nichtständigen Sitz im Weltsicherheitsrat. Denn der Kanzler Merz, der zwar oft in Washington war und anfangs die Nähe zum dortigen Präsidenten suchte, weil er meinte, mit Trump gut auskommen zu können, machte sich rar in New York. Dass er sogar der UNO-Generalversammlung im letzten September fernblieb, war nicht unkommentiert geblieben, einige legten das als Arroganz Deutschlands und seines Kanzlers aus. Dabei wollte der Mann aus dem Sauerland, der so auf seine Kanzlerschaft hingearbeitet hatte wie sonst niemand zuvor, das „schlafende“ Deutschland zu einer „führenden“ Mittelmacht erheben.

Russland machte Stimmung

Mag sein, dass Russland Stimmung gegen Deutschland gemacht hat, weil sich Berlin im Krieg Russlands gegen die Ukraine eindeutig gegen den Kriegsherrn Putin aufgestellt und auf die Seite Kiews geschlagen hat und die Ukraine in ihrem Kampf gegen die russische Übermacht unterstützt. Kein deutscher Demokrat würde das Merz und Wadephul vorwerfen. Und auch die deutsche Solidarität mit Israel ist felsenfest, wie der deutsche Außenminister versicherte, der Kanzler sieht das nicht anders.

Und doch ist es peinlich, der Ausgang des Rennens um einen Platz im Weltsicherheitsrat. Man darf nicht vergessen, dass Deutschland sich ja eigentlich um einen ständigen Sitz  bemüht, neben den USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien, aber das möchte das bevölkerungsreichste Land der Erde, Indien, ja auch. Aber diese Reform der UNO dauert.

Der Sieg in der UNO beherrschte die Schlagzeilen der Medien in Austria, rückte ins Zentrum der Sendungen des österreichischen Fernsehens. „Atemlos“, so die Wiener Korrespondentin der SZ, habe der Politikwissenschaftler Peter Filzmaier den Triumph durchdekliniert, warum Österreich den Sieg im direkten Vergleich mit Deutschland davongetragen habe: „Das Nachbarland wirke angesichts einer möglichen Machtübernahme der AfD in einigen Bundesländern polarisiert und politisch instabil, die Mehrheit der kleinen Staaten in der UNO identifiziere sich eher mit dem Player gleicher Größe und angesichts von fünf ständigen Vertretern im Sicherheitsrat habe man Deutschland wohl nicht einmal mehr als quasi-ständiges Mitglied in diesem Gremium bestätigen wollen“. So der Politik-Wissenschaftler. (zitiert nach der SZ).

Als Edi Finger „narrisch“ wurde

Noch einmal zu Edi Finger. Österreich gegen Deutschland, David gegen Goliath. Der große gegen den kleinen Bruder. So auch bei der Fußball-WM 1978 im argentinischen Cordoba. Der erwähnte Wiener Reporter geriet schier aus dem Häuschen, als Krankl das Tor für Österreich schießt, das 3:2.  Seine Reportage ziert längst die Geschichtsbücher: „Toor, Toor, Toor“, schreit Finger ins Mikrophon. „I kann net mehr. I werd narrisch. Krankl schießt ein! 3:2 für Österreich. Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals. Der Kollege Riepl, da Diplom Ingenieur Bosch, wir busseln uns ab. 3.2 für Österreich durch ein großartiges Tor unseres Krankls. Er hat alles überspielt, meine Damen und Herren.. Der Hansi-Burli. Der Noch-Rapidler von der Pfarrwiese. Da fehlen mir die Worte. Da müsst ich ein Dichter sein. Angriff der Deutschen. Aufpassen. Wieder Kopfabwehr,. Und wortens nu a bisl, wortens nu a bisl, donn kemma uns vielleicht nu a Viertel genehmigen. .. Noch woll ma nix verschrein…Eine Möglichkeit der Deutschen. Und? Daneben. Oiso da Abramczik, abbusseln möcht i den Abramczik dafür. Noch einmal Deutschland am Ball. Prohaska haut den Ball ins Aus. Und jetzt is aus. Ende. Schluss. Vorbei. Aus. Deutschland geschlagen.“ Nach 47 Jahren. Deutschland, der Titelverteidiger und Mitfavorit, ausgeschieden. (Wie übrigens auch Österreich.) Soviel zum Trauma von  Cordoba.

Helmut Schön, der Fußball-Bundestrainer, trat nach der verkorksten WM in Argentinien zurück. „Der Mann mit der Mütze“ hatte mit Franz Beckenbauer 1974 den WM-Titel geholt und war zuvor auch Europameister geworden. Johann Wadephul, der neben Kanzler Merz wegen der Niederlage in der UNO heftig kritisiert wurde, wehrte sich gegen Vorwürfe. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, betonte der Minister, der aber schon länger schwer unter Druck steht. Die „Frankfurter Rundschau“ berichtete, Wadephul habe nur kurz über einen Rücktritt nachgedacht. Er räumte aber ein: „Meine Überzeugungskraft wird in Berlin natürlich nicht größer durch dieses Ergebnis.“

 

 

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