82 Jahre ist das nun her, seit am 20.Juli 1944 der Aufstand gegen den Verbrecher Adolf Hitler versucht wurde, vor 82 Jahren wurde Oberst Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg, ein Berufsoffizier der Wehrmacht, zum Widerstandskämpfer. Sein Anschlag scheiterte, Stauffenberg wurde neben anderen noch in der folgenden Nacht im Hofe des Bendler-Blocks erschossen. „Aufstand des Gewissens“ oder „Aufstand des schlechten Gewissens“, beides passt. Denn die meisten der Verschwörer des 20. Juli hatten sich erst spät zum aktiven Widerstand gegen Hitler durchgerungen, aber sie taten es und bezahlten dafür mit dem eigenen Leben. Im Strafgefängnis Plötzensee wurden während der Nazi-Zeit über 2800 zum Widerstand zählende Menschen aus ganz Europa ermordet, durch das Fallbeil oder den Strang.
Der Historiker Heinrich August Winkler nennt den Widerstand auch ein „Stück Wiedergutmachung“. Die Verschwörer demonstrierten damit der Welt, dass es auch ein anderes Deutschland gab als das des Führers und der NSDAP, ein besseres Deutschland als das der Konzentrationslager und des Holocaust. Es war, wie es Winkler auch erhöht formuliert, eine „Frage der Ehre, so zu handeln, wie die Stauffenbergs gehandelt hatten.
Zustimmung zu Hitler
Dass sie wie Millionen andere Jahre zuvor dem Führer gefolgt waren, weil sie Nationalisten waren, tief enttäuscht vom Niedergang der Monarchie, schließt das nicht aus, sondern gehört zur Wahrheit. Man sollte die Gedanken Winklers gerade zu diesen Kapiteln lesen. Der Aufstieg der NSDAP zur Massenbewegung hatte nämlich auch mit den Abstiegsängsten großer Teile des Kleinadels zu tun. Und deshalb wohl hätten ostelbische Rittergutsbesitzer und Hochkonservative 1932/33 dem widerstrebenden Reichspräsidenten Paul von Hindenburg „die Zustimmung zu Hitler“ abgerungen, was ihnen der Zugang zum Machthaber ermöglichte.
Der „typische Adelige war in den Jahren des Dritten Reiches kein Widerstandskämpfer, sondern eine Stütze des Regimes“, urteilt Winkler. Ein Verhalten, was ja auch für die Masse der Deutschen zutraf. Das galt auch für jene „preußischen Adelsfamilien, aus denen die aktivsten Frondeure gegen Hitler hervorgingen: demnach gab es „unter den Schulenburgs am 30.Januar 1933, dem Tag der Machtübertragung an Hitler durch Hindenburg, 17 Parteigenossen, deren Zahl bis zum Kriegsende auf 41 wuchs. 20 Bernstorffs, 27 Hardenbergs, 52 Schwerins, 30 Treskows, 43 Kleists und 14 Stülpnagels traten teils vor, teils nach 1933 der NSDAP beí. Und nicht selten waren es ehedem bekennende Nationalsozialisten, die sich im Zweiten Weltkrieg dem Widerstand anschlossen.“
Das alles darf und soll die „moralische Größe“ derer nicht schmälern, die dann nach 1942 überlegten, wie sie den Tyrannen beseitigen konnten.
Mordaufruf als Witz
Dass heute ein gewissenloser Zeitgenosse wie Uwe Steimle neben AfD-Politikern wie Chrupalla auftritt und den Namen Stauffenberg missbraucht für einen Witz über Friedrich Merz, der aber mehr einem Mordaufruf nachkommt, verschlägt einem die Sprache. So zu tun, als gäbe es heute keine Meinungsfreiheit, als sei sie unter Strafe gestellt wie damals, als die Täter des 20. Juli mit dem Tod rechnen mussten, falls der Anschlag misslingen würde, das ist eine Schande. Haben denn diese Menschen wie Steimle keine Scham mehr? Ist alles erlaubt, auch was niederträchtig ist? Matthias Brandt, der Sohn des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt, schreibt dazu in der SZ auf der Feuilleton-Seite und fordert: „Genau hier muss man Nein sagen.“ Sich zu Wort melden, widersprechen. Der kleine Matthias hat ja all die Schmähungen gegen seinen Vater erlebt damals in Bonn, als Rechte sich erdreisteten, Sprüche wie „Brandt an die Wand!“ an eine Mauer in Bonn zu schmierten. Ein Witz? Satire? Nein, das ist üble Beleidigung. Widerlich.
Stauffenberg und Co wollten ein Regime beseitigen, um den Krieg, um die Herrschaft der Nazis, die schon Millionen Menschen das Leben gekostet hatte, zu beenden. Sie wollten Recht wieder zum Recht erheben, Unrecht und Willkür stoppen, all das war unter Todesstrafe gestellt unter Hitler. Stauffenberg in einen Zusammenhang zu bringen mit Friedrich Merz, ist schamlos. So zu tun, als herrsche in der Bundesrepublik Willkür, als könne man nur unter größtem Risiko seine Meinung äußern, ist ein bewusster Täuschungsversuch. Heute, und das ist die Wahrheit, kann man Merz, Klingbeil, den Bundespräsidenten kritisieren, man kann sie alle durch den Kakao ziehen, attackieren, sie lächerlich machen- ohne jedes Risiko. Die Würde des Menschen steht im Grundgesetz an erster Stelle, sie zu achten ist oberstes Gebot. Wer das leugnet, ist schlichtweg ein Lügner, einer, der die Dinge verdreht, weil er sie verdrehen will, weil er seinen sogenannten Freunden vorgaukelt, die Merz und Merkel und all die anderen Demokraten seien die eigentlichen Feinde dieser Republik. Das Gegenteil ist richtig. Der Feind steht recht.
Stauffenberg, Henning von Treskow, Albrecht Mertz von Quirnheim, Friedrich Olbricht, Werner von Haeften, sie alle und Hunderte weiterer mutiger Männer wurden nach dem gescheiterten Attentat Staufenbergs auf Hitler in Ostpreußen erschossen, Generaloberst Ludwig Beck wurde der Suizid erlaubt, als dieser misslang, erschoss ihn ein Feldwebel. Hitler überlebte den Bombenanschlag leicht verletzt. Heute ist der Bendlerblock Gedenkstätte des Widerstands und Dienstsitz des Bundesverteidigungsministers.
Bis zum bitteren Ende
„Wenn man bedenkt“, schreibt Reinhard Appel, der ehemalige ZDF-Chefredakteur in seinem Buch -Es wird nicht mehr zurückgeschossen-, „dass nach dem 20. Juli 1944 mehr Menschen umkamen und oder verwundet wurden und die alliierten Flugzeuge mehr Städte bombardierten als in den Jahren zuvor, dann wird die grauenvolle Konsequenz deutlich, die mit Hitlers Machtergreifung und dem Krieg bis zum bitteren Ende verbunden war.“ Und dann wird auch klar, was alles hätte gerettet und vermieden werden können, wenn die Verschwörer Erfolg gehabt hätten.
Zurück zu heute. In meiner Schulzeit wurde das Thema Widerstand gegen Hitler gemieden, die zumeist Männer des 20. Juli galten lange im sogenannten Volksmund als Verräter, was Umfragen in der Bundesrepublik in den 50er Jahren belegen. Warum das so war, mag daran gelegen haben, dass eben Millionen Deutsche Mitglieder der NSDAP waren. Viele waren irgendwie in diesen Schurkenstaat verwickelt, sie hatten mitgemacht, weggeschaut, als am 9. November 1938 jüdische Geschäfte zertrümmert, geplündert oder in Brand gesteckt wurden, sie hatten nichts unternommen, wenn der Nachbar, ein Sozialdemokrat oder Kommunist, oder ein Jude abgeholt wurde von der Gestapo. Aus Angst hatten sie geschwiegen, aus Opportunismus mitgemacht, applaudiert, wenn ein Geschäft in Flammen aufging. Oder sie hatten sich einfach ein paar Möbel geklaut, wenn die jüdischen Inhaber der Wohnung von den Nazis außer Haus gejagt worden waren. Über zehn Millionen Deutsche waren Mitglied der NSDAP gewesen, nach dem 8.Mai 1945, dem Tag der Kapitulation, der 40 Jahre später durch Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum Tag der Befreiung vom braunen Joch der Nazis durch die Alliierten erhöht wurde, wollte keiner Mitglied der Nazis gewesen sein, plötzlich hatten nicht wenige einem Juden geholfen, plötzlich waren so viele zu Widerstandskämpfern geworden.
Diese Diskussion wird bei uns verstärkt seit Monaten geführt, seit man in die Mitgliederkartei der NSDAP schauen kann. Ob Opa oder Oma ein Nazi war, ist dabei nicht so wichtig. Entscheidend ist, wie sie sich damals verhalten haben, ob sie den Nachbarn verpfiffen haben, wenn er etwas Kritisches zu Hitler gesagt oder den Feindsender gehört hatte. Es geht nicht darum, im Nachgang Helden zu küren, die sie nicht waren. Und wer will das schon für sich behaupten, dass er die Hand gegen die Nazis erhoben hätte- damals, als einer wie Stauffenberg es getan hatte- aus dem Gewissen heraus. Deshalb „wurde der 20. Juli 1944 zu einem der großen Tage der neueren deutschen Geschichte“, urteilt Winkler.
Elser, Bonhoeffer, Scholl
Und er vergisst andere Helden, wie ich sie nennen will, nicht: da ist der württembergische Schreiner Johannes Georg Elser, der am 8. November 1939 vergeblich versuch hatte, mit einer selbst gebastelten Bombe Adolf Hitler während seiner Rede im Münchner Bürgerbräukeller zu töten. Elser wurde am 9. April 1945 im KZ Dachau ermordet, vier Wochen vor Kriegsende. Am selben Tag ließ Hitler Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg umbringen. Und da sind die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die am 18. Februar 1943 im Lichthof der Münchner Universität Hunderte von Flugblättern gegen die gewissenlose Kriegsführung Hitlers verteilten und vom Hausmeister der Uni erwischt und an die Gestapo verraten wurden. Hans und Sophie Scholl hatten unter dem Eindruck der Niederlage von Stalingrad die oppositionelle Studentengruppe „Weiße Rose“ gegründet. Neben den Geschwistern Scholl zählten die Studenten Christoph Propst, Alexander Schmorell, Willi Graf, ihr akademischer Mentor Kurt Huber zur Weißen Rose. Sie alle wurden ermordet.
Heinrich August Winkler, der aus Ostpreußen stammt, würdigt in seiner großartigen „Geschichte des Westens“ die Rolle der Verschwörer. „Wären sie und andere nicht gegen Hitler aufgestanden, die Deutschen hätten nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft wenig gehabt, woran sie sich beim Rückblick auf die Jahre 1933 bis 1945 aufrichten konnten.“ Lassen wir nicht zu, dass die Namen der Stauffenbergs und Scholls und all der anderen Heldinnen und Helden missbraucht werden. Wir müssen uns einmischen, widersprechen oder wie es Matthias Brandt gesagt hat: Nein sagen, wenn das Nazi-Reich verharmlost wird von Leuten wie Gauland. Die Nazi-Zeit war kein Fliegenschiss in der deutschen Geschichte, es waren zwölf Jahre des Unrechts, der Verbrechen, 6 Millionen Juden wurden ermordet, es waren Hitler und Co, die den 2.Weltkrieg vom Zaun brachen mit über 55 Millionen Toten weltweit und einem Deutschland, das einem Trümmer- oder gar einem Gräberfeld glich. Heute leben wir in einem Europa mit Deutschland und Frankreich als Freunde und Nachbarn, denen man früher eingeredet hatte, sie wären Erzfeinde mit der Folge, dass sie sich über Jahrhunderte immer wieder die Köpfe eingeschlagen haben. Oder nehmen wir Polen, das sich heute nicht mehr fürchten muss vor Berlin. Wir sind umzingelt von Freunden, das sollten wir nicht aufs Spiel setzen. Völkisches Gedankentum ist abwegig. Wir sind Europäer. Und Demokraten.
Bildquelle: OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons













