Andy Burnham verkörpert vieles von dem, was Labour bei Keir Starmer verloren hat: Nähe, Optimismus und den Glauben daran, dass Politik das Leben der Menschen verbessern kann. Nun steht der Bürgermeister von Manchester vor dem Sprung nach Downing Street.
Es gibt Karrieren, die verlaufen geradlinig. Und es gibt politische Biografien wie die von Andy Burnham. Zweimal scheiterte der Labour-Politiker am Parteivorsitz. Zweimal musste er erleben, wie andere an ihm vorbeizogen. Mehr als zehn Jahre später scheint ausgerechnet er am Ziel zu stehen. Wenn sich die Erwartungen erfüllen, dürfte Burnham am kommenden Freitag ohne ernsthafte Gegenkandidatur zum Vorsitzenden gewählt werden – und damit, da Labour die Regierungsmehrheit stellt, wenige Tage später neuer Premierminister des Vereinigten Königreichs. Nach übereinstimmenden Berichten aus London verfügt Burnham inzwischen über die Unterstützung einer überwältigenden Mehrheit der Labour-Abgeordneten; ein ernsthafter Gegenkandidat zeichnet sich nicht mehr ab.
Es wäre die spektakuläre Wende für einen Politiker, den Westminster lange unterschätzt hat.
Vom Bürgermeister zum Premier
Keir Starmer hat Labour zurück an die Macht geführt. Doch genau dieser Erfolg wurde ihm zum Verhängnis. Seine Regierung gilt vielen Briten als solide, aber blutleer. Die wirtschaftlichen Probleme sind geblieben, die Lebenshaltungskosten hoch, die Stimmung im Land schlecht. Vor allem aber ist Starmer nie gelungen, aus seiner Regierung ein politisches Projekt zu machen, das Begeisterung auslöst.
Andy Burnham verkörpert das Gegenteil. Er wirkt nahbar, emotional, nordenglisch – ein Politiker, der lieber über Buslinien und Wohnkosten spricht als über Verfassungsfragen. Einer, der lieber mit den Menschen ins Gespräch kommt als Pressekonferenzen gibt. Wochenlang war Burnham in Makerfield unterwegs, klingelte an Haustüren, sprach mit Anwohnern und führte einen Wahlkampf, wie er in Großbritannien fast altmodisch wirkt: direkt, persönlich und ohne große Inszenierung. Was er dort hörte, fasste er nach seinem Wahlsieg in einem Satz zusammen: „Du musst etwas tun, um das Leben erschwinglicher zu machen – das haben die Leute gesagt.“ Genau diese Sprache ist es, die viele Labour-Mitglieder bei Starmer vermisst haben.
Manchester statt Westminster
Eigentlich müsste Burnham ein typischer Berufspolitiker sein. Nach dem Studium in Cambridge arbeitete er zunächst als Journalist, anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter einer Labour-Abgeordneten. Mit 31 zog er ins Unterhaus ein, später wurde er Staatssekretär und Minister. Doch seine eigentliche politische Identität entstand erst außerhalb Londons.
2017 wechselte Burnham nach Greater Manchester und gewann die Wahl zum Bürgermeister. Seitdem entwickelte sich die Metropolregion wirtschaftlich erfolgreicher als viele andere Teile Nordenglands. Als Bürgermeister setzte Burnham vor allem auf einen leistungsfähigeren Nahverkehr, den Ausbau kommunaler Kompetenzen und eine aktive Wirtschaftspolitik für den Nordwesten Englands.
Seine Erfahrungen haben eine politische Idee geprägt, die Burnham nun landesweit umsetzen möchte. Seit Jahren fordert er eine grundlegende Neuordnung des britischen Staates. Mehr Kompetenzen für Städte und Regionen, eigene Finanzierungsquellen, stärkere Bürgermeister und weniger Machtkonzentration in Whitehall, dem Londoner Regierungssitz, gehören zu seinen wichtigsten politischen Anliegen. Burnham ist überzeugt, dass die Probleme Großbritanniens nicht allein von London aus gelöst werden können. Sein Leitmotiv lautet: Entscheidungen sollen möglichst dort getroffen werden, wo ihre Folgen spürbar sind.
Der Politikwissenschaftler Jonathan Tonge von der Universität Liverpool beschrieb Burnhams politischen Anspruch gegenüber der tagesschau so: „Burnham kann sagen: ,Schaut, ich bin derjenige, der Wachstum liefern kann für das ganze Vereinigte Königreich. Ich werde das Manchester-Modell in das ganze Land hinaustragen.‘“
Ob dieses Modell tatsächlich auf ganz Großbritannien übertragbar ist, muss sich aber erst noch zeigen. Die schwache Wirtschaftsentwicklung, die Nachwirkungen des Brexit und internationale Krisen wird auch ein neuer Premierminister nicht einfach beseitigen können. Doch Burnham besitzt etwas, das in der Politik oft wichtiger ist als perfekte Programme. Er vermittelt Zuversicht.
Ein Politiker von nebenan
Burnham stammt aus einer Kleinstadt bei Wigan. Seine beiden Brüder wurden Lehrer. Er besuchte eine katholische Schule. Auf die Frage, was ihn im Leben geprägt habe, antwortete er einmal: „Everton Football Club, die Labour-Partei und die katholische Kirche – in genau dieser Reihenfolge.“ Solche Sätze wirken in Westminster beinahe unmodern. Gerade deshalb funktionieren sie.
Burnham erscheint vielen Wählern nicht als Teil einer politischen Elite, obwohl seine Karriere genau dort begann. Das ist eines der bemerkenswerten Paradoxien seiner Laufbahn: Der ehemalige Minister gilt heute als Anti-Establishment-Kandidat.
Zweimal gescheitert – beim dritten Mal Favorit
2010 verlor Burnham den Kampf um den Labour-Vorsitz gegen Ed Miliband. 2015 scheiterte er erneut – diesmal an Jeremy Corbyn. Damals schien seine nationale Karriere beendet.
Heute wirken diese Niederlagen fast wie die notwendige Vorgeschichte für seinen eigentlichen Aufstieg. Anders als Starmer kommt Burnham nicht mehr direkt aus Westminster. Seine Jahre in Manchester haben ihn politisch verändert – und ihm jene Glaubwürdigkeit verschafft, die vielen Berufspolitikern in Westminster verloren gegangen ist. Auch innerhalb der Partei gilt er inzwischen als Hoffnungsträger.
In einem Brief an die Labour-Abgeordneten versprach Burnham einen anderen Führungsstil als sein Vorgänger: Er werde die Fraktionsdisziplin nicht dazu nutzen, Debatten zu unterdrücken, sondern wolle eine offenere und respektvollere Parteikultur schaffen.
Die letzte Hoffnung gegen Reform UK
Der eigentliche Gegner Burnhams heißt ohnehin nicht Keir Starmer. Er heißt Reform UK. Die rechtspopulistische Partei hat Labour in den vergangenen Monaten massiv unter Druck gesetzt. Doch ausgerechnet jetzt gerät ihr Vorsitzender Nigel Farage selbst in Turbulenzen. Reform-UK-Chef Nigel Farage sieht sich mit Ermittlungen wegen Millionen-Zuwendungen des Krypto-Milliardärs Christopher Harborne konfrontiert, die nach Auffassung der Parlamentsaufsicht möglicherweise hätten offengelegt werden müssen. Farage bestreitet jede Unregelmäßigkeit und geht in die Offensive: Er will sein Mandat niederlegen und sich in einer Nachwahl erneut den Wählern stellen. Ob ihm diese Flucht nach vorn gelingt oder Reform UK dadurch an Schwung verliert, dürfte auch für Burnham von erheblicher Bedeutung sein.
Viele Parteistrategen glauben, dass Starmer den Kontakt zu den traditionellen Labour-Wählern verloren hat. Burnham soll ihn nun zurückgewinnen. Er spricht über Kaufkraft statt Kennzahlen, über Kommunen statt Ministerien und über Menschen statt Strategien. Und er kann Politik so erklären, dass sie verstanden wird. Ob das genügt, wird sich zeigen.
Doch allein die Geschwindigkeit seines Aufstiegs zeigt, wie groß die Sehnsucht nach einem Neuanfang geworden ist. Der Schweizer Journalist und ausgewiesene Großbritannien-Kenner Peter Stäuber fasst die Lage im SRF nüchtern zusammen: „Man kann damit rechnen, dass Andy Burnham als einziger Kandidat ins Rennen geht – und damit wird er bereits am kommenden Freitag als nächster Labourchef feststehen.“
Sollte es tatsächlich so kommen, wäre Burnham wenige Tage später Premierminister. Fast zwanzig Jahre lang schien er der Mann zu sein, der immer knapp scheiterte. Jetzt könnte ausgerechnet er das nächste Kapitel der britischen Politik schreiben.
Zum Autor: Michael Tobias, Jahrgang 1975, ist Journalist und Kommunikationsexperte. Er arbeitete unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, das Handelsblatt und das Wall Street Journal Europe. Heute leitet er eine deutsch-britische Kommunikationsagentur, ist Ausbilder und Prüfer für Mediengestalter Digital und Print, Fotograf sowie Dozent für politische Bildung mit den Schwerpunkten Großbritannien und USA.












