Was wäre der Blog-der-Republik ohne den Autor Uwe-Karsten Heye, fragten und würdigten wir Uwe-Karsten anlässlich seines 80. Geburtstages in einem Buch, das Heye gewidmet war. Ja, Uwe, wie ich ihn stets kurz nannte, war eine Instanz, wenn er sich zu den Problemen dieser Republik zu Wort meldete, vor allem wenn es um die Bekämpfung des Rechtsextremismus ging, Rassismus, Antisemitismus, wenn es um Menschenrechte ging, soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie. Da litt er mit, wenn wieder mal etwas passiert war, es nahm ihn mit das Leid, was Juden in unserer Republik auch nach dem Krieg erdulden mussten. Man spürte seine Emotionen, seine Empörung, seine Wut, die er sonst zu zügeln wusste. Vor ein paar Jahren hat er sich das letzte Mal bei mir gemeldet, ohne Vorwarnung schrieb er, er bekomme den Text nicht mehr zustande. Dann hörte er auf, mitten im Satz, es war sein letzter vergeblicher Versuch, die verfluchte Krankheit hatte ihn erfasst, seine Sinne, seine Kräfte. Schade, er hatte eine solche geistige Power.
Wir möchten ein wenig zurückblicken auf all die Themen, die Uwe Heye für uns schrieb, um an ihn zu erinnern, einen wirklichen Freund des Blogs, einen Zeitgenossen, den ich über Jahre beinahe täglich anrief, um mit ihm die Lage zu diskutieren. Ich kannte ihn ja aus Zeiten, da er für die SZ schrieb, da er Mitarbeiter von Willy Brandt war, den wir alle verehrten, aus den Jahren, als er Pressechef des Kanzlers Gerhard Schröder war, den er beriet und den er, wie wir das sagten, verkaufte, was bitte schön nicht wörtlich zu nehmen ist. Uwe Heye tat das immer mit der nötigen Zurückhaltung, er informierte uns, mich und andere immer mit der gebotenen Klarheit in der Sache und mit einer Sprache, die angemessen war. Dabei ließ er uns Journalisten den Spielraum für eigene Beurteilungen. Uwe Heye war ein fairer Presse-Chef, Gerhard Schröder verdankt ihm einiges, weil Heye über beste Kontakte zur Presse verfügte.
Aber kommen wir zum Blog und zum Autor Uwe Heye. Am 3. Dezember 2014 erhob er das erste Mal seine Stimme im Blog-der-Republik. Sein Thema: Mauertote gestern, Mauertote heute. Die berechtigte Frage ist doch, ob wir es uns – moralisch – leisten können, in breiter, parteiübergreifender Einigkeit die DDR allein wegen der 136 (bekannten) Mauertoten, die das Regime kaltblütig und wehrlos auf der Flucht nach Westen ermordete, als Unrechtsregime zu klassifizieren und – zumindest auf Seiten der Rechten – es in einem Atemzug mit dem NS-Terrorregime zu nennen? Aber dann die Augen vor den Flüchtlingskatastrophen mit Zehntausenden unschuldiger Opfer an den Grenzen Europas zu verschließen? Diese Frage ist heute aktueller als damals. Nach wie vor wird das Menschenrecht und die Menschenwürde an den Grenzen Europas mit Füßen und mittlerweile mit den Gewehrkolben getreten. Die Würde des Menschen ist unantastbar, das Grundgesetz sollte überall gelten, für jeden Menschen.
So schrieb Uwe Heye und beklagte die Unmenschlichkeit, Ignoranz und Unfähigkeit der europäischen Politik, verbunden mit einer Portion Heuchelei, die einerseits die Mauertoten der DDR zu Recht beklagt, aber die Augen verschließt vor dem Massengrab im Mittelmeer, in dem die Flüchtlinge ertrinken, ersaufen, „sie zerschellen mit ihren Nussschalen in der aufgewühlten See an der Außenmauer Europas.“
230 Beiträge hatte Uwe Heye bis zu seinem 80. Geburtstag schon geschrieben, es sind noch ein paar Dutzende mehr geworden. Er war eine der wichtigsten Stimmen in unserem Blog, wenn es um Recht und Unrecht ging, Menschenwürde, Demokratie, Gesicht zeigen, eigentlich um alle Themen, die uns heute bewegen. Dabei hat er auch immer – in Zeiten der exponentiell wachsenden Verschwörungstheorien und Simplifizierungen ungeheuer wichtig – auf die Verbindung der großen Menschheitsprobleme hingewiesen. „Wir haben es mit den von Menschen gemachten Katastrophen zu tun. Wer glaubt, durch Grenzzäune oder Leugnung der Fakten, wie den Klimawandel, sich aus der Mitverantwortung stehlen zu können, wird weitere Millionen Menschen zu Flüchtlingen machen. Wenn der amerikanische Präsident Donald Trump China vorwirft, der Klimawandel sei eine chinesische Erfindung, um den USA zu schaden, dann ist das nicht nur ignorant, sondern wirkt wie eine Kriegserklärung des Nordens des blauen Planeten gegen die der Sonne nähere südliche Hälfte der Erdkugel und dort lebender Menschen.“
Unser Thema war oft der Rechtsextremismus und seine wachsende Gefahr, oft verniedlicht durch den Innenminister. Diese Entwicklung hätte der CSU-Politiker Seehofer bekämpfen müssen, gehörte dazu doch auch Rassismus, übertriebener Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. Aber stattdessen wurde versucht, die AfD rechts zu überholen. Dass dieser Minister längst hätte gehen müssen, hat Uwe Heye zu Recht gefordert. Natürlich vergeblich, weil darüber die Parteien, die die Minister stellen, entscheiden und nicht die Journalisten. Deshalb blieben nicht nur Horst Seehofer viel zu lang im Amt, sondern auch der berühmte Maut- und Verkehrsminister Andreas Scheuer.
Klare Kante gegen Rechts, war die Haltung von Uwe Heye. Dabei war die latente Gefahr für den Staat durch den Rechtsextremismus nicht neu. Schon 1981 veröffentlichte die von Helmut Schmidt geführte Bundesregierung eine Studie, aus der hervorging, dass rund 15 Prozent der Deutschen – es waren alles Westdeutsche – anfällig seien für rechtsextremes Gedankengut. Wenn man das liest, staunt man nicht mehr so sehr über die wachsende Zustimmung zur AfD in Deutschland, gemeint ist das vereinte Land.
Der 8. Mai und Hitlers langer Schatten, so Heyes Überschrift im Blog 2020. „Falsche Gleichsetzungen unterschiedlicher Ereignisse verraten oft mehr über die, die sie äußern, als ihnen lieb sein kann.“ Heye fuhr dann fort: „Das gilt auch für die von manchen Politikern geäußerte Überzeugungen, die Corona-Pandemie sei in ihren Folgen vergleichbar mit dem 2. Weltkrieg. Jeder Vergleich hinkt, auch dieser, denn wer dieser Analogie folgt, gerät leicht in den Verdacht, die historische Katastrophe des deutschen Nationalismus als einen verzeihlichen Irrtum abgeheftet zu haben. Stichwort: Vogelschiss der Geschichte, AfD-Gauland. Weder die Shoa mit sechs Millionen ermordeten Juden noch die ermordeten Sinti und Roma oder die 60 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges, im deutschen Geschichtsbuch schuldhaft verewigt, lassen sich so einfach wegverhandeln.“
Der Feind steht rechts. Das haben wir immer mal wieder betont, zitiert, es stammt ja aus den Tagen – es war der 24. Januar 1922 – nach der Ermordung des Reichaußenministers Rathenau durch rechte Terroristen. Reichskanzler Joseph Wirth hat dann diese Worte im Reichstag gesprochen: „Da steht der Feind. Und dieser Feind steht rechts.“ Vor diesen Gefahren warnen wir seit Jahr und Tag. Inzwischen ist die AfD in Umfragen stärkste Partei mit 28 Prozent und sie könnte, wenn die SPD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, die absolute Mehrheit der Mandate in Magdeburg erzielen.
Die Lage der SPD gehörte zu den Dauer-Themen von Uwe Heye, der ja politisch geprägt wurde durch Willy Brandt, Egon Bahr, Herbert Wehner, Helmut Schmidt. Und dem die Entwicklung seiner Partei viele Sorgen machte. Er war gegen die große Koalition unter Merkel, die Zukunft der SPD lag ihm auf der Seele, auch weil damit ein Stück Zukunft dieser Republik verbunden ist.
Jetzt ist Uwe-Karsten Heye gegangen, für immer. Schade um ihn. Er war ein toller Kollege. Wir alle haben ihn geschätzt, ihn gemocht. Machs‘ gut, Uwe.
Gesicht Zeigen! Nachruf auf Uwe-Karsten Heye. Wir sind unendlich traurig. 3. August 2026











