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Abschied vom „Staatsbürger in Uniform“ oder Gotteslästerung im Bendlerblock. Gastbeitrag von Klaus Kenke

Gastbeitrag Von Gastbeitrag
12. August 2026
Gedenktafel am Bendlerblock, Berlin

Am 20. Juli 2026 wurde im Bendlerblock die Idee des Grafen Wolf von Baudissin vom „Staatsbürger in Uniform“ beim Gelöbnis der neuen Soldaten und Soldatinnen öffentlich desavouiert. Daran ändert auch nichts die Rede von Navid Kermani mit seinem Aufruf zur Befehlsverweigerung.

230 Rekrutinnen und Rekruten hatten gelernt und trainiert, ganz neu zu gehen und zu stehen. Uniformität war angesagt, im Gleichschritt Vordermann und Seitenfrau. Wie an einer Schnur aufgereiht und regungslos standen sie da.

Fahne und Adler, Preußen und Kaiserreich waren wieder da. Und dann der Schwur, heraus- und nachgebrüllt; am Ende dann der liebe Gott: so wahr mir Gott helfe!

Wobei soll er, vermutlich ist es ein „ER“, wobei soll er helfen? Soll er beim Töten und Getötet werden helfen? Ist er der „Gott mit uns“, der schon einmal auf deutschen Koppelschlössern stand? Das Kreuz, in dessen Zeichen schon einmal einer siegen sollte, das Kreuz schmückt jedenfalls Panzer und Bomber.

„Aufwuchspotenzial“ wird gebraucht, sagt der Generalinspekteur. Der „Staatsbürger in Uniform“ ist zu einer gedrillten, uniformen Masse geworden.

Schon lange hatte sich die Bundeswehr von ihrem eigentlichen Auftrag entfernt, so wie im Kosovo und dann in Afghanistan, wo Deutschland am Hindukusch verteidigt werden sollte.  Dass das eine Lüge war, hätte man wissen können. Den Verteidigungsfall betrifft ausschließlich das Bundesgebiet, so jedenfalls steht es im Grundgesetz Artikel 115a.

Generalleutnant und Friedensforscher Wolf Graf von Baudissin entwickelte die Idee vom Staatsbürger in Uniform. Die neue Bundeswehr sollte ein radikaler Neuanfang sein, ohne irgendeine Kontinuität zur deutschen Wehrmacht. Der Widerstand der Männer des 20. Juli, das sollte die einzige Verbindung zur Vergangenheit und Grundlage der neuen Bundeswehr sein. Sich daran zu erinnern und zu orientieren, das mache unsere Demokratie stark und wehrhaft.

Die meisten Soldaten haben, so Baudissin, kein Verhältnis zu „Gott“. Er selbst, ein gläubiger Protestant, lehnte deshalb den Eid ab. Man könne unter diesen Umständen nicht verlangen, einen Eid zu schwören. Dies sei nichts anderes als eine Verleitung zur Gotteslästerung. Die zweiseitige Verpflichtung verlöre ihre Kraft, wenn die eine Seite etwas verlangt, was gegen Gottes Gebot verstieße.

Für ihn war der Fahneneid ein Relikt aus obrigkeitsstaatlichen Zeiten und charakteristisch für das Siegdenken des 19.Jahrhunderts. Für den Rechtsstaat könne es keine Dienstverpflichtung mit Haut und Haaren mehr geben. Der gewissenhafte und d.h. der kritische Gehorsam solle nicht durch missverständliche Rituale vernebelt werden. Es genüge eine Unterschrift unter eine entsprechende Urkunde, eine Verpflichtung durch Handschlag. Der „Staatsbürger in Uniform“ und der „Soldat für den Frieden“ könne nicht mehr mit der kriegsverherrlichenden Vergangenheit begründet werden. Deshalb brauche es heute etwas anderes als Exerzierordnung und Waffenstolz.

Das Gelöbnis am 20. Juli 2026 im Bendlerblock und die als anstößig empfundene Rede des Schriftstellers Navid Kermani machen deutlich: wir müssen uns wieder an die Ursprünge des „Staatsbürgers in Uniform“ erinnern. Das zu vergessen und den alten Krieger wieder hervorzuholen, wird uns in Abgründe stürzen, die wir glaubten, überwunden zu haben.

1989 veranstalteten die Münchner Kammerspiele ein Podium mit dem Thema „Reden über das eigene Land.“ Eingeladen war dort auch Graf Wolf von Baudissin.

An seine Rede muss erinnert werden, um zu erkennen, in welche Gefahr uns die gegenwärtige politische und militärische Führung führen will.

Für Baudissin war klar, dass eine Sicherheitspolitik im Nuklearzeitalter eine ganz andere Politik und Strategie erfordert. Die Aufrüstungsspirale der Weltmächte, die fortwährende schnelle Entwicklung hochtechnisierter autonomer Waffen, verbunden mit wahnsinnigen Kosten, hätten nicht zu mehr Sicherheit geführt. Im Gegenteil.

Die Schlussfolgerung daraus war für Baudissin: Sicherheitspolitik muss Sicherheitspolitik miteinander sein. Sicherheitspolitik im Atomzeitalter muss von der Einsicht ausgehen, dass es nicht um Sicherheit voreinander geht, sondern um Sicherheit miteinander. Ohne Empathie können wir die Bedrohungsgefühle und Ängste der anderen Seite nicht verstehen. Die innere Stabilität der anderen Seite ist von existentieller Bedeutung für die eigene Sicherheit. Militärische Überlegenheit gibt nicht mehr Sicherheit, sie kann destabilisieren, sie beunruhigt den anderen und beschleunigt den Rüstungsprozess.

Was wir brauchen ist Transparenz. Gegenseitig muss präzise aufgezeigt werden: was ist die Zielsetzung, was sind die Entscheidungsprozesse, welche Militärstrategie gibt es und welche Potentiale.

Wenn wir wirklich Entspannungspolitik wollen, dann, so Baudissin, müssen wir auf Feindbilder verzichten. Feindbilder sind attraktiv. Die Welt wird eingeteilt in die Guten und die Bösen. Das kann uns ablenken von den eigenen Konflikten in unserer Gesellschaft und den Schwierigkeiten im eigenen Bündnis.

Bedrohungsängste und Misstrauen aber verhindern eine rationale Politik. Wir müssen akzeptieren, dass unser Gegenüber anders ist als wir. Wesentlich war für Baudissin die Einsicht: der jeweilige Gegner hat von seinem Standpunkt genauso recht, selbst wenn er das Gegenteil tut oder behauptet von dem, was wir gerne für das Richtige halten.

Konflikte zu lösen ist ein mühsamer Prozess. Schritt für Schritt und nur mit einem internationalen Krisenmanagement kann es gelingen. Deshalb müssen wir die internationalen Strukturen stärken.

Kooperative Rüstungssteuerung sind notwendig und ein System kollektiver Sicherheit zur friedlichen Konfliktregelung könnten aus dem Kreislauf der Gewalt heraushelfen.

Auf einen gerade heute wichtigen Aspekt hat Baudissin in seiner Münchner Rede hingewiesen:

„Wir sind nicht nur in der NATO um geschützt zu werden, sondern auch, damit die anderen vor möglichen teutonischen Ausflügen sicher sind.“

Wir brauchen deshalb eine Entmilitarisierung nach innen. Die Bundeswehr solle Interdependenzen und Assoziierungen eingehen mit unterschiedlichen Ländern, gerade auch mit anderer politischer Ausrichtung. Das diene einer guten Koexistenz und diene dem Frieden mehr als einer drohenden Aggression. Hochqualifizierte Generalstabsoffiziere und Diplomaten könnten ein Defence College bilden aus unterschiedlichen Ländern. Das wäre die Basis einer fruchtbaren Koexistenz.

Es gibt Befürchtungen, so Baudissin 1989, dass Deutschland mit seiner politischen und wirtschaftlichen Macht sich zu einem vierten Reich entwickeln könnte. Ein unkontrolliertes Deutschland nach der Wiedervereinigung erscheine unseren Nachbarn gefährlich.

Heute, 37 Jahre später, klingen Baudissins Worte wie eine sich erfüllende Prophetie.

Baudissin, der damals schon ein ungeliebter Mahner war, wird nur noch hin und wieder erwähnt.

Den Ton aber geben die Krieger an:

80 Jahre der Zurückhaltung sind genug. Deutschland muss zu einer Führungsmacht in Europa werden. Feindbilder beherrschen den Diskurs. Barbaren seien die Russen, so Kanzler Merz, Schlächter und Unmenschen. Deshalb sei es nur folgerichtig, Russland in unserer Militärstrategie als den Hauptfeind zu brandmarken. Und deshalb müsse Deutschland zur stärksten konventionellen Armee in Europa werden. Weil wir wirtschaftlich stark sind, qualifiziert uns das, die Führungsrolle zu übernehmen.

Alle müssen in die Arena, sagt der Generalinspekteur. Alle, auch die Kinder, Popcorn ist alle. Kampf ist angesagt.

Nie wieder Sieg!? Baudissin scheint sich geirrt zu haben. Ein Weichei sei er gewesen, der Graf, getöpfert habe er mit seiner Frau.

Sönke Neitzel, Professor in Potsdam für Militärgeschichte beschreibt in einem TAZ-Interview die Aufgabe der Soldaten so: Kämpfen, töten, sterben. Vielleicht ist es der letzte Sommer in Frieden. Die Soldaten müssen wir motivieren, mit Liedern, mit Uniformen, mit Abzeichen. Sinn müssen wir ihnen vermitteln. Altmodische Dinge wie Lieder, Fahnen und Abzeichen. Warum hat die Bundeswehr kein einziges Lied aus Afghanistan, fragt Sönke Neitzel. Wo sind die Ehrenkreuze für Tapferkeit?

Der deutsche Krieger erlebt gerade eine erstaunliche Wiedergeburt. Vergessen scheint das Friedensgebot des Grundgesetzes, das Völkerrecht, die Verteidigungsauftrag nur für das Bundesgebiet. Der 2 plus 4 Vertrag: gebrochen!

Wer aber rettet uns vor der Hybris unserer politischen und militärischen Führung, wir seien wieder berufen, die Größten, die Stärksten zu sein?

Wer rettet uns vor dem Wahn, Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln?

Ist es der Gott, der im Bendlerblock angeschrien wurde zu helfen und auf dessen Hilfe der fromme Katholik Friedrich Merz in seinem Amtseid auch nicht verzichten mochte? Schaden wolle er vom deutschen Volk abwenden und das Grundgesetz wahren und verteidigen, so wahr ihm Gott helfe?

Vielleicht ist die Enzyklika des neuen Papstes „Magnifica Humanitas“ wert innezuhalten und nachzudenken.

Es festigt sich zunehmend, so Papst Leo XIV., eine Kultur der Macht. Herrschaft wird ausgeübt, weil man es kann. Das Gemeinwohl der Menschheit ist uninteressant, es spielt keine Rolle. Das Drama der Völker im Krieg, es ist zweitrangig. Normalisiert wird der Krieg. Es geht um immer größere Macht und der Realismus der Macht behauptet: es gibt keine Alternative.

Das historische Gedächtnis verblasst. Weitblick auf langfristige Folgen gibt es nicht.

Kriege werden auch kulturell vorbereitet: durch vereinfachende Narrative, eine Freund-Feind-Logik, Desinformation und Angst. Gewalt gilt als notwendig oder wird sogar als „sauber“ dargestellt.

Dialog, Diplomatie, Konfliktprävention, Vergebung sind suspendiert.

Für Papst Leo XIV. ist der Rückgriff auf Stärke, Gewalt und Waffen nichts anderes als Ausdruck von Beziehungsarmut. Es ist eine Katastrophe für die Zivilbevölkerung. Konflikte werden zur Quelle von Macht und Profit.

 Papst Leo XIV. macht Vorschläge, um eine Einstellung gegen das Bollwerk der Entmenschlichung zu finden:

Worte entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufbauen, die Perspektive der Opfer einnehmen, einen gesunden Realismus pflegen, den Dialog und den Multilateralismus wiederbeleben.

An die Regierenden richtet Papst den besonderen Appell: „Lasst uns zusammenkommen, lasst uns miteinander sprechen, lasst uns verhandeln! Krieg ist niemals unvermeidlich,  Waffen lösen keine Probleme, sondern sie verschärfen sie. Geschichte schreiben die Friedensstifter, nicht die Leid säen.

Die Anderen sind nicht zuerst unsere Feinde, sondern unsere Mitmenschen, sie sind keine Verbrecher, die man hassen muss, sondern Männer und Frauen, mit denen wir sprechen können.

Erteilen wir den manichäischen Vorstellungen eine Absage, die so typisch sind für die Narrative der Gewalt, die Welt in Gute und Böse zu teilen.“

 

Zum Autor: Klaus Kenke, Pfr.i.R.
Referent des Superintendenten
Für Frieden
Kirchenkreis Jülich

Bildquelle: jaba82, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

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