Am 2. September telefonierte Bundeskanzler Friedrich Merz mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Mitgeteilt hat er ihm die deutsche Bewertung des Vorfalls am Flughafen Leipzig/Halle, und davon handelte anschließend auch die Berichterstattung. Besprochen haben beide aber noch etwas anderes. Die Arbeitsstäbe der zwei Länder stellen den Text eines deutsch-ukrainischen „Drone Deal“ fertig, und die Präsidenten sprachen über den Zeitpunkt der Unterzeichnung.
Nach Berichten von Reuters umfasst diese Vereinbarung die gemeinsame Entwicklung verschiedener Drohnentypen, dazu Raketen und die zugehörige Software. Deutschland liefert der Ukraine damit längst nicht mehr nur Waffen. Es finanziert ukrainische Rüstungsproduktion, deutsche und ukrainische Unternehmen fertigen und entwickeln gemeinsam, und Deutschland erhält Daten aus dem Einsatz dieser Systeme im Krieg. Damit stellt sich eine Frage, die in der deutschen Debatte kaum vorkommt. Wie weit kann sich Deutschland in die materielle und technologische Reproduktion der ukrainischen Kriegführung integrieren, ohne dass sich der Charakter der eigenen Beteiligung am Krieg verändert?
Es geht nicht um die nächste Waffenlieferung
Für sich genommen wäre der geplante Vertrag eine Meldung unter vielen. Bedeutung gewinnt er im Zusammenhang mit dem, was seit dem Frühjahr vereinbart wurde. Bei den ersten deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen seit 2004 wurde am 14. April in Berlin ein Paket von rund zehn Abkommen unterzeichnet, dessen militärischer Teil auf etwa vier Milliarden Euro veranschlagt wird. Dazu gehören mehrere hundert Patriot-Lenkflugkörper, zusätzliche Startgeräte für IRIS-T und unter dem Titel „Build with Ukraine“ die gemeinsame Fertigung von Drohnen mittlerer und großer Reichweite. Aus diesem Teil des Pakets stammt ein Auftrag der Bundesregierung über mehr als 5.000 weitreichende Kampfdrohnen, dessen Wert in Industriekreisen mit rund 300 Millionen Euro angegeben wird.
Hinzu kommt die Finanzierung ukrainischer Serienproduktion. Beim Hersteller SkyFall wurden 50.000 Angriffsdrohnen des Typs Shrike für etwa 90 Millionen Euro bestellt. 15.000 Abfangdrohnen vom Typ STRILA sollen gegen die Shahed-Angriffe wirken, und das ältere Gemeinschaftsunternehmen Quantum Frontline Industries hatte bis März dieses Jahres rund 10.000 Quadrokopter ausgeliefert. Für die industrielle Seite der Zusammenarbeit haben beide Regierungen eine Arbeitsgruppe eingerichtet.
Im April unterzeichneten die Verteidigungsministerien zudem ein Abkommen über den Austausch digitaler Gefechtsdaten. Ausgewertet werden sollen die Einsatzerfahrungen deutscher Systeme wie PzH 2000, RCH 155 und IRIS-T ebenso wie ukrainische Führungs- und Aufklärungssysteme. Diese Verabredung, sagte Merz, könne man „gar nicht hoch genug bewerten“.
Anfang September ist die Serienfertigung dieser Drohnen angelaufen, und zwar in Deutschland. Das im Februar gegründete Gemeinschaftsunternehmen des deutsch-amerikanischen Herstellers Auterion und des ukrainischen Partners Airlogix hat die ersten Flugkörper gefertigt, produziert wird im Großraum München und an einem zweiten Standort in Ostdeutschland, abgearbeitet sein soll der Auftrag Mitte 2027. Vorgesehen sind zwei Modelle, eines mit mittlerer Reichweite, das andere mit bis zu 1.500 Kilometern. Auterion liefert Software und Betriebssystem, Airlogix die Hardware, und Künstliche Intelligenz soll dafür sorgen, dass die Drohnen von elektronischen Gegenmaßnahmen nicht abgedrängt werden. Der Chef von Airlogix beschreibt die Arbeitsteilung so, dass hier zusammenkomme, was keines der beiden Unternehmen allein schaffen könnte, nämlich kampferprobte Flugkörper, autonome Software und deutsche Industriekapazität.
Das Neue ist nicht die Größenordnung einzelner Bestellungen. Neu ist, dass Deutschland Finanzierung, Entwicklung, Produktion und Gefechtsdatenauswertung zu einer gemeinsamen Struktur mit einer Kriegspartei verbindet, und ein Teil dieser Struktur steht inzwischen im Land selbst.
Eine Schleife aus Geld, Gerät und Daten
Das klassische Modell, bei dem Deutschland liefert und die Ukraine kämpft, beschreibt diese Struktur nicht mehr. Am Anfang steht deutsche Finanzierung, es folgen gemeinsame Entwicklung und Produktion, dann der Einsatz durch ukrainische Streitkräfte. Aus dem Einsatz entstehen Gefechtsdaten, die ausgewertet werden und in technische Anpassungen einfließen, woraus die nächste Gerätegeneration hervorgeht.
Bei Drohnen wird das besonders deutlich. Sobald eine Seite neue elektronische Gegenmaßnahmen entwickelt, müssen Frequenzen gewechselt, Navigationsverfahren angepasst oder Steuerungssoftware verändert werden. Neue Angriffsdrohnen erzeugen neue Abfangdrohnen, neue Abwehrverfahren erzwingen Veränderungen der Angriffssysteme, und die Zyklen dieser Anpassung werden in Wochen gemessen. Über den Vorteil entscheidet damit weniger der Besitz der besseren Drohne als die Geschwindigkeit des Lernens. Aus dem Rüstungswettlauf wird ein Innovationswettlauf.
Die Ukraine besitzt dafür etwas, das kein deutscher Truppenübungsplatz und kein Rüstungsunternehmen bereitstellen kann, nämlich Erfahrungen aus dem täglichen Einsatz moderner Waffensysteme gegen einen technologisch hochgerüsteten Gegner. Gefechtsdaten zeigen mehr als die grundsätzliche Funktionsfähigkeit eines Systems. Sie zeigen, unter welchen Bedingungen es wirkt, wie der Gegner reagiert und welche Schwachstellen auftreten. Fließen diese Informationen in Entwicklung, Software und Produktion zurück, wird der laufende Krieg zum Erprobungsraum für die nächste Generation von Waffensystemen.
Außerhalb dieses Kreislaufs steht Deutschland dabei nicht mehr. Es finanziert ihn teilweise, deutsche Unternehmen beteiligen sich an ihm, und die Erkenntnisse sollen ausdrücklich auch die Fähigkeiten der Bundeswehr verbessern, zu Kosten weit unter denen eigener Entwicklungsprogramme. Damit verschiebt sich die Grenze dessen, was bisher unter Unterstützung der Ukraine verstanden wurde.
Wo endet Unterstützung, wo beginnt Integration?
Über deutsche Waffenlieferungen wurde jahrelang dieselbe Frage gestellt. Macht diese oder jene Lieferung Deutschland zur Kriegspartei? Die Bundesregierung verneint das bislang. Auch Waffenlieferungen, Finanzierung oder gemeinsame Rüstungsproduktion machen einen unterstützenden Staat für sich genommen nicht automatisch zur Konfliktpartei.
Nur greift die Fragestellung inzwischen zu kurz. Zwischen Waffenlieferant und Kriegspartei liegt ein breites Feld funktionaler Integration, in das Deutschland mit Finanzierung, Fertigung, gemeinsamer Entwicklung, Software und Gefechtsdaten Schritt für Schritt hineinwächst. Zu klären wäre deshalb, wie weit Deutschland sich faktisch in die militärisch-industrielle Infrastruktur einer Kriegspartei integriert. Hinzu kommt, dass diese Beurteilung nicht allein in Berlin stattfindet. Ob Deutschland Kriegspartei ist, bemisst sich nach rechtlichen Maßstäben, die russische Bewertung des deutschen Beitrags zur ukrainischen Angriffsfähigkeit folgt anderen Kriterien, und sie wirkt auf die Eskalationsdynamik unabhängig davon, ob man sie für gerechtfertigt hält.
Der kritische Fall sind die Raketen
Bei weitreichenden Systemen verschwimmt die Trennung zwischen Herstellung, technischer Unterstützung und Einsatz stärker als bei konventioneller Munition, weil sie Zielinformationen, Missionsplanung, Navigationsdaten, elektronische Aufklärung und laufende Softwarepflege benötigen. Dass deutsche Stellen ukrainische Angriffe auf russische Ziele planen, ist damit ausdrücklich nicht gesagt, belastbare öffentliche Belege dafür gibt es nicht. Gerade deshalb müsste transparent werden, wo die Grenze der deutschen Beteiligung verläuft. Wer entwickelt die Software, wer wartet und aktualisiert sie, welche Daten werden ausgetauscht, welche Erkenntnisse deutscher oder verbündeter Aufklärung fließen ein, wer erstellt Missionsdaten?
In der Arbeitsteilung bei den Münchner Drohnen sind diese Fragen bereits gestellt. Über die Wirksamkeit gegen elektronische Abwehr entscheidet dort die Software, und wer sie pflegt und aktualisiert, hält die Waffe im Einsatz funktionsfähig.
Die politisch entscheidende Grenze verläuft deshalb möglicherweise gar nicht zwischen Lieferung und Nichtlieferung einer Rakete. Sie kann innerhalb der technischen Prozesskette liegen, bei Zielaufklärung, Missionsplanung, Programmierung, Softwarepflege oder der Bereitstellung von Daten. Je stärker moderne Kriegführung von Satellitendaten, elektronischer Aufklärung, Software, KI, Kommunikationsnetzen, Zielinformationen, Drohnenproduktion und permanenten technischen Updates abhängt, desto schwieriger wird es, Beteiligung allein danach zu beurteilen, wer die Uniform des Soldaten trägt, der eine Waffe schließlich einsetzt.
Darüber müssen wir jetzt reden
Ob Deutschland die Ukraine unterstützt, steht nicht mehr zur Entscheidung. Auch die Debatte über einzelne Waffensysteme erfasst die Entwicklung immer weniger. Die eigentliche Veränderung besteht darin, dass aus Waffenhilfe in kleinen Schritten militärisch-industrielle Integration wird. Erst wurden vorhandene Waffen geliefert, dann neue bestellt, danach ukrainische Produktion finanziert, inzwischen entstehen gemeinsame Unternehmen, gemeinsame Entwicklung, Softwarekooperation und Datenaustausch. Jeder Schritt lässt sich als begrenzte Fortsetzung des vorherigen darstellen, in der Summe entsteht etwas qualitativ Neues. Die Soldaten, die kämpfen und sterben, sind weiterhin vor allem ukrainische Soldaten. Die industrielle und technologische Infrastruktur hinter ihnen ist internationalisiert.
Ein längerfristiges Problem kommt hinzu. Eine solche Struktur verschwindet mit einem Waffenstillstand nicht. Bei Auterion und Airlogix rechnet man bereits mit Folgeaufträgen und langfristiger Beauftragung. Werke, Gemeinschaftsunternehmen, Entwicklungsverträge und Datenkooperationen bestehen fort und würden deshalb zwangsläufig Teil der Auseinandersetzung über künftige Sicherheitsgarantien und mögliche Rüstungsbegrenzungen. Deutschland sollte frühzeitig klären, welche Elemente dieser Zusammenarbeit es als verhandelbar und welche es als dauerhaften Bestandteil ukrainischer Sicherheit betrachtet.
Und diese Integration findet mitten im Krieg statt. Gemeinsame Waffen werden für diesen Krieg entwickelt und Produktionskapazitäten für ihn aufgebaut. Erprobt werden die Systeme im laufenden Einsatz. Das kann man politisch wollen. Dann sollte es aber auch als Entscheidung benannt und im Bundestag diskutiert werden, mit einer nachvollziehbaren Auskunft darüber, welche Formen der Zusammenarbeit die Bundesregierung für vereinbar mit ihrer eigenen Grenzziehung hält und welche nicht. Zu beantworten wäre, wie weit wir uns in die industrielle, technologische und datenbasierte Infrastruktur eines laufenden Krieges gegen Russland integrieren wollen und wo wir eine Grenze ziehen, bevor eine Dynamik entsteht, die politisch kaum noch zu kontrollieren ist. Der Drohnenvertrag wäre ein guter Anlass, diese Debatte endlich zu führen.
Transparenzhinweis: Bei diesem Text habe ich eine KI eingesetzt, zur Auswertung von Material, als Sparringspartner in der Durcharbeitung der Argumente, bei Entwurfsfassungen und für eine abschließende Prüfung auf Verständlichkeit und Lesbarkeit. Fragestellung, Einwände, Bewertungsmaßstäbe und die Endfassung liegen bei mir. Autor dieses Textes bin ich.
Quellen und Belege (nicht zur Veröffentlichung):
- Presseamt der Bundesregierung, PM 158, Telefonat Merz/Selenskyj, 02.09.2026; president.gov.ua, Meldung zum Telefonat, 02.09.2026
- Reuters, „Ukraine is finalising drone deal with Germany, Zelenskiy says“, 02.09.2026; Zusammenfassungen bei Kyiv Post und Berliner Zeitung, 02./03.09.2026
- Bundeskanzleramt, Deutsch-Ukrainische Regierungskonsultationen, 14.04.2026 (Merz-Zitat: „Diese Verabredung können wir gar nicht hoch genug bewerten“)
- BMVg, „Deutschland und die Ukraine stärken weitere Kooperation“, 14.04.2026 (Patriot, IRIS-T, Build with Ukraine, Gefechtsdatenaustausch, PzH 2000/RCH 155, DELTA)
- Euronews, „Berlin and Kyiv seal sweeping pact on drones, data and missiles“, 14.04.2026 (4 Mrd. Euro, 5.000 Mittelstreckendrohnen, 300 Mio. Euro, Quantum Frontline Industries)
- dpa, „Deutsche Serienproduktion von 5000 Drohnen für Kiew geht los“, 03.09.2026 (Auterion/Airlogix, Gemeinschaftsunternehmen seit Februar 2026, Großraum München und zweiter Standort in Ostdeutschland, mehr als 5.000 Drohnen, ca. 300 Mio. Euro, Fertigstellung Mitte 2027, zwei Modelle bis 1.500 km, Software/Betriebssystem von Auterion, Hardware von Airlogix, Zitate Meier und Kolesnitschenko)
- Kyiv Post, 02.09.2026 (50.000 Shrike/SkyFall, ca. 90 Mio. Euro; 15.000 STRILA; neun Drohnenabkommen, fünfzehn in Verhandlung)
- Europäische Kommission, EDIP-Arbeitsprogramm 1,5 Mrd. Euro, 30.03.2026 (Ukraine als erstes Nicht-EU-Land)













