„Lebensmittel retten – Menschen helfen“ das ist das Motto der Tafeln in Deutschland, in dieser Reihenfolge. In der öffentlichen Wahrnehmung der Tafeln steht allerdings allein der zweite Aspekt im Fokus. Dabei landeten vor 2022 jährlich schätzungsweise über 10 Millionen Lebensmittel im Müll, je nach Berechnungsmethode auch mehr (1); wobei die neuesten Zahlen ein noch genaueres Bild ergeben würden.
Allein ökologisch und wirtschaftlich gesehen ist das ein unhaltbarer Zustand. Ebenfalls unhaltbar sind einschränkende gesetzliche Rahmenbedingungen, welche die Rettung von Lebensmitteln erschweren. So ist das „Containern“, also die kostenlose Entnahme von ausgesonderten Lebensmitteln der Supermärkte und Discounter durch Privatpersonen, bis heute verboten. Containern gilt rechtlich als Diebstahl.
Die Tafeln in Deutschland
Bei der Rettung von Lebensmitteln setzt die Arbeit der Tafeln an. Laut Tafel Deutschland e. V., dem Dachverband der Tafeln hierzulande, retten die Tafeln jährlich über 260.000 Tonnen Lebensmittel, indem sie bei Erzeugern, Verteilern und Verkäufern überschüssige Lebensmittel, die eigentlich als Müll vernichtet werden sollen, abholt, in geeigneter Form aufbewahrt – zum Beispiel in örtlichen Lagern oder Verteilzentren – und dann an rund 1,5 Millionen Menschen in der Bundesrepublik weitergibt (2). Dabei helfen rund 77.000 der zu über 90% ehrenamtliche Helferinnen und Helfer.
Die Tafeln verstehen sich also sowohl als ökologische wie auch als soziale Bewegung. Der Name „Tafel“ ist eingetragenes Markenzeichen und wird durch Tafel Deutschland e. V. geschützt. Die Tafelbewegung ist bestimmten Werten verpflichtet, wie sie von Tafel Deutschland formuliert wurden:
„Nachhaltigkeit: Lebensmittel werden unter großem Aufwand produziert und sind wertvoll. Wir treten dafür ein, dass sie nicht vernichtet, sondern verzehrt werden.
Humanität: Jeder und jedem Tafel-Kund:in begegnen wir – unabhängig von Herkunft, Möglichkeiten oder Grenzen – mit Respekt und achten ihre oder seine Würde.
Gerechtigkeit und Teilhabe: Jeder Mensch soll Chancen zur persönlichen, kulturellen, sozialen, schulischen und beruflichen Entfaltung erhalten.
Soziale Verantwortung: Tafeln übernehmen durch ihr Handeln soziale Verantwortung und erinnern die Gesellschaft an ihre Verpflichtung gegenüber armen und ausgegrenzten Menschen.“ (3)
Organisiert sind die einzelnen Tafeln in Landesverbänden. So vertritt der Landesverband Tafel Nordrhein-Westfalen e. V. über 170 lokale Tafeln in diesem Bundesland. Jede dieser Tafeln kann und muss ihre eigene Arbeit im Rahmen der allgemeinen Tafel Grundsätze selbst organisieren. Verschieden sind die jeweiligen Organisationsformen. Oft ist der Träger einer lokalen Tafel ein eingetragener Verein. Es gibt aber auch Tafeln, die nicht eigenständig sind, sondern einer sozialen oder karitativen Organisation, wie zum Beispiel der Diakonie, der Caritas oder dem Roten Kreuz, angeschlossen sind: die sogenannten Trägertafeln. Darüber hinaus können große Tafeln auch als gemeinnützige GmbH organisiert sein oder bedienen sich zur Durchführung ihrer Aufgaben dieser Gesellschaftsform.
Verschieden können auch die Hilfsangebote der jeweiligen Tafel für ihre Kundinnen und Kunden sein. „Kerngeschäft“ ist dabei immer das Verteilen und die Ausgabe von Lebensmitteln, dazu können aber weitere Aktivitäten treten, zum Beispiel der Betrieb eines Sozialkaufhauses, einer Kindertafel oder eine Kantine mit der Ausgabe warmer Mahlzeiten.
Tafelarbeit am Beispiel der Tafel Wuppertal
Eine der größten Tafeln in Nordrhein-Westfalen (und in der Bundesrepublik) ist die Tafel Wuppertal; anhand ihrer Tätigkeit soll die Tafelarbeit verdeutlicht werden. Die Tafel Wuppertal besteht aus drei verschiedenen Organisationseinheiten. Hauptträger der Einrichtung ist der Verein Tafel Wuppertal e. V., das Gebäude der Tafel gehört zum Teil einer Stiftung, wobei der Vorstand der Stiftung mit dem Vorsitz im Verein verknüpft ist. Beide zusammen, Verein und Stiftung, sind Gesellschafter der TW Tafel Wuppertal gGmbH, die von einem hauptamtlichen Geschäftsführer geleitet wird. Dieser Art der Geschäftsführung wird durch einen Zuschuss aus dem Haushalt der Stadt Wuppertal ermöglicht.
Das Leistungsspektrum der Tafel Wuppertal umfasst folgende Bereiche:
„Warme Mahlzeiten zum Mitnehmen
Am Rauen Werth 18 kann man sich täglich von 11-12 Uhr warme Mahlzeiten abholen, ohne Nachweis der Bedürftigkeit.
Tafelladen am Rauen Werth 18
Lebensmittelausgabe gegen Vorlage des Tafelausweises und einer kleinen Gebühr.
Sozialmobil
Täglich unterwegs zu von Armut betroffenen Menschen.
Sozialkaufhaus & Kinderboutique
Kleidung und Alltagsgegenstände zum kleinen Preis – inklusive einer Boutique für Kinderbekleidung.
Büchermarkt
Für alle Interessierten: Bücher spenden und kaufen mit und ohne Tafelausweis.
Kindertafel
Betreuung für Kinder von 6-12 Jahren. Für Entlastung, Chancengleichheit und jede Menge Spaß.
Ehrenamt
Mehr als 100 Menschen bringen sich ehrenamtlich bei uns ein. Unser Team Ehrenamt sorgt für Organisation, Schulung und ein wertschätzendes Miteinander.“ (4)
Dazu kommt noch der Einsatz seines Sanitätsfahrzeugs, das mit medizinischem Personal einmal in der Woche durch die Stadt fährt und Menschen „auf der Platte“ bei gesundheitlichen Problemen hilft.
Den Umfang der Arbeit der Tafel Wuppertal können ferner einige Zahlen verdeutlichen.
Allein im Tafelladen, also der Lebensmittelausgabe, beziehen monatlich über 5000 Menschen Lebensmittel. Hierzu wird ein Tafelausweis benötigt, der nach Vorlage amtlicher Dokumente, die die Hilfsbedürftigkeit belegen (zum Beispiel Bezug der Grundsicherung), ausgestellt wird.
Ohne die Vorlage eines Tafelausweises werden Mahlzeiten am Tafelgebäude ausgegeben. 2025 waren es pro Monat in der Regel über 3000 Frühstücke und an die 5000 Portionen warme Mittagessen. Dazu kamen noch pro Monat über 5000 ausgegebene Essen im sogenannten Sozialmobil, das an 365 Tagen durch das Stadtgebiet fährt und Mahlzeiten und Getränke ausgibt. Auch hier ist für den Bezug kein Tafelausweis notwendig.
Um die dafür erforderlichen Lebensmittel heranzuholen, sind jedes Jahr weit über 1000 Touren mit den Fahrzeugen der Tafel notwendig, die dabei von ehrenamtlichen Fahrern gelenkt werden.
Die Bedeutung der Tafel Wuppertal für eine ehemalige Industriestadt mit schwieriger Sozialstruktur wie Wuppertal wird deutlich, wenn man berücksichtigt, dass von über 360.000 Einwohnern über 50.000 von einer Grundsicherung bzw. dem Bezug monetärer Leistungen der öffentlichen Hand abhängig sind.
Bewertung der Arbeit der Tafeln
Kehren wir vom Beispiel Wuppertal zu einer Bewertung der Arbeit der Tafeln zurück.
Auch wenn der Einsatz der Tafeln sich allgemeiner Anerkennung und öffentlicher Aufmerksamkeit erfreut, so gibt es doch Kritik:
- Tafeln seien nur als Nothilfe tätig, welche die eigentlichen Ursachen der Armut nicht bekämpfen würde.
- Tafeln dienten als Kompensation, ja als Feigenblatt, für eine fehlende Armutsbekämpfung und Armut verhindernde Politik.
- Dem Staat seien die Tafeln ein willkommenes Instrument, um von seiner Pflicht zur Daseinsfürsorge abzulenken und auf das ehrenamtliche Engagement der Gesellschaft zu verweisen.
- Tafeln würden nichts gegen die Opfer „erlernter Hilflosigkeit tun. Stattdessen würden sie mit ihren Leistungen den Opferstatus ihrer Kunden und Kundinnen perpetuieren.
- Politikerinnen und Politiker würden die Nähe zu den Tafeln suchen, um sich als sozial engagierte Menschen zu zeigen, was ihnen politische Wettbewerbsvorteile, z. B. Akzeptanz und Wählerstimmen, einbringe.
- Unternehmen, die Lebensmittel spenden oder öffentlichkeitswirksam Aktionen für die Tafeln durchführen, hätten dadurch Imagevorteile und damit Wettbewerbsvorteile.
Soweit einige Kritikpunkte. Dabei ist sicher aus übergeordneter Sicht der Tatsache zuzustimmen, dass der Stadt seiner sozialpolitischen Verantwortung nicht in genügendem Maße nachkommt, Armut zu bekämpfen. Vielmehr versucht er, diese Aufgabe immer mehr auf soziale Träger, auf die Tafeln und die Gesellschaft insgesamt auszulagern.
Eigentlich dürfte es die Tafeln nicht geben, jedenfalls nicht aus sozialen Gründen. Aus ökologischen eher schon.
Doch was tun?
Die Arbeit der Tafeln, also auch der Tafel Wuppertal einstellen? Keine Lebensmittelausgabe mehr, keine warmen Essen für Hilfsbedürftige? Keine Kindertafel mehr, mit Mahlzeiten, Spielangeboten und Hausaufgabenbetreuung für benachteiligte Kinder? Keine anderen Hilfsangebote mehr?
Das würde, gerade in einer Stadt wie Wuppertal, für viele Menschen eine große Härte bedeuten. Also gilt es doch, mit der Arbeit weiterzumachen. Aber genauso gilt es, auch und gerade seitens der Tafeln, die politisch Verantwortlichen immer wieder daran zu erinnern, ihre Pflicht zur Armutsbekämpfung endlich erst zu nehmen.
Die Zeiten dafür sehen allerdings nicht gut aus, dass die Politik das Problem anpacken will. Zurzeit scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein. Leider!
Zum Autor: Urs Justus Diederichs ist Historiker und im Ruhestand seit 2022 ehrenamtlich im Vorstand der Tafel Wuppertal e. V. tätig.












