Für Charlotte Knobloch, eine der großen jüdischen Persönlichkeiten in Deutschland, die in der Nazi-Zeit ihre Familie verlor und nur durch großes Glück überlebte, war schon die letzte Bundestagswahl 2025 „ein Fanal“. Das Ergebnis der AfD- 20,8 Prozent und damit im Vergleich zur Wahl 2021 mit 10,4 Prozent fast eine Verdoppelung- hat sie erschüttert: „Deutschland ist ab heute ein anderes Land“, urteilte damals die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. „Es geht jetzt um alles: um unsere Demokratie“. Im August 2026, also eineinhalb Jahre später, drei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, fordert die 93jährige Münchnerin im Stern-Interview zu einem schärferen Vorgehen gegen die AfD auf und zieht Parallelen zur NS-Zeit: „Ich sehe in vielen Bereichen keinen Unterschied mehr zur NSDAP, bevor diese an die Macht gekommen ist. Gleichsetzen könne man NSDAP und AfD zwar nicht- aber vergleichen sollte man.“
Die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland plädiert auch dafür, ein Verbotsverfahren gegen die AfD zu prüfen, auch wenn das ihrer Meinung nach zur Zeit nur geringe Aussicht auf Erfolg hätte. Denn es gehe darum, Deutschland, das ins Wanken geraten sei, als Demokratie zu bewahren. „Wir müssen darum bangen, ob das Land ein demokratisches bleibt.“
Der 9. Novermber 1938
Ist es wieder so weit? Ist aus dem Nie-Wieder unserer Mütter und Väter ein Schon-Wieder geworden? Charlotte Knobloch hat ja einst den Aufstieg der Nazis in Deutschland als Kind erlebt, Erinnerungen an eine schlimme Zeit, in der Menschen geschlagen und erschlagen wurden, weil sie Juden waren. In Ihrem Buch „In Deutschland angekommen“ schildert Charlotte Knobloch die Angst, die sie als Kind hatte, als sie an der Hand des Vaters auf der Flucht durch München ist, am 9. November 1938. „Nicht stehen bleiben, Charlotte!“ Mahnt der Vater. „Wir dürfen nicht stehenbleiben“. Um Vater und Tochter, die damals sechs Jahre jung ist, „herrschen Lärm und Geschrei. Das Geräusch von Glas, das auf Bürgersteigen in unzählige Scherben birst. Das Krachen prasselnder Flammen, herabstürzender Balken. Und Menschen, die johlen: Juda verrecke! Manche Leute klatschen und lachen. Wir dürfen nicht stehenbleiben. Denn so sagt er mir, in unseren eigenen vier Wänden sind wir nicht mehr sicher“.
Nein, so weit sind wir nicht, oder soll ich besser sagen: Noch nicht? Wer weiß denn, wie die Wahlen in Sachsen-Anhalt ausgehen? Die AfD gilt nach allen Umfragen schon heute als der sichere Wahlsieger. Zwischen 41 und 43 Prozent der Stimmen soll diese Partei bekommen, die nach Einschätzung des Verfassungsschutzes als gesichert rechtsextremistisch gilt. Wenn die SPD oder/und die Grünen an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, stünde die AfD vor der absoluten Mehrheit der Mandate. Und sollte eine Partei wie das BSW von Frau Wagenknecht, die sich in der Nähe von Russlands Putin offensichtlich wohl fühlt, den Sprung in den Landtag schaffen, hätte die AfD sogar einen Koalitionspartner, sollte es allein nicht reichen. Schlimmer noch, Frau Wagenknecht hat zwar das Angebot von AfD-Mann Höcke abgelehnt, Ministerpräsidentin von Thüringen zu werden, aber wer weiß schon, wo das endet? Wenn Höcke sein Angebot erneuert, Frau Wagenknecht um die Zukunft ihrer russlandfreundlichen Partei bangen muss.
Jeder konnte es wissen
Kann es verwundern, dass eine Frau wie Charlotte Knobloch vor dem Erstarken der ultrarechten politischen Kräfte warnt und mahnt? „Natürlich sahen die Nazis von damals anders aus, hatte Uniformen, waren anders organisiert. Sie(die Nazis) hatten von Anfang an klargemacht, was sie vorhatten, wie ihre Politik aussehen würde. Jeder konnte das wissen.“ Vergleiche hinken, keine Frage, aber der Siegeszug der NSDAP in den 30er Jahren verleiht dennoch dazu. „Auch die NSDSAP hat einmal klein angefangen und ausprobiert, was alles möglich ist. Exakt das passiert bei der AfD“, erläutert Charlotte Knobloch im Stern-Interview. „Ihre Politiker testen aus, was zumutbar ist. Und wir sehen. Sie wachsen mit zunehmender Radikalität. Ich sehe in vielen Bereichen keinen Unterschied mehr zur NSDAP, bevor diese an die Macht gekommen ist. Ich habe viele schreckliche Parteien erlebt, NPD, Republikaner, DVU. Sie sind gekommen und wieder verschwunden. Keine war so gefährlich, wie es die AfD ist.“
Es scheint die meisten Bürgerinnen und Bürger nicht zu stören, wenn der Ehrenvorsitzende der AfD, Gauland, die Nazi-Jahre einen „Vogelschiss“ in der ach so rühmlichen deutschen Geschichte nennt. Das tat er vor Zeiten, um die Zeit zu verharmlosen. Und wenn einer seiner politischen Söhne, Höcke, das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „eine Schande“ bezeichnet, so scheint das wiederum die meisten nicht zu berühren. Dabei versucht Höcke doch die Verbrechen der Deutschen an den Juden mit sechs Millionen Toten offensichtlich kleinzureden. Denn natürlich ist die Shoa eine Schande und nicht das Mahnmal, das daran erinnert.
„Bei vielem, was AfD-Politiker so von sich geben, frage ich mich: Wo ist die Justiz? Wieso darf man heute ungestraft gegen Menschen hetzen? Wir müssen in der Bekämpfung dieser Radikalen selbst zu radikalen Mitteln greifen, anders werden wir es nicht schaffen“, mahnte Frau Knobloch im Interview mit der Hamburger Illustrierten. Sie empfahl dabei eine erneute Prüfung des Verbotsverfahrens, auch wenn sie einem solchen nur geringe Chancen einräumt. „Versuchen sollte man es vielleicht dennoch.“ Auch die Frage, ob man einzelnen Personen das passive Wahlrecht, also die Wählbarkeit, entziehen könnte, bejahte Knobloch: „Alles, was helfen könnte´, sollte versucht werden.“
Millionen waren in der NSDAP
Charlotte Knobloch hat schon einmal erlebt, wie Millionen Deutsche einer Partei hinterhergelaufen sind, ohne sich über die möglichen Folgen für weite Teile der Bevölkerung klar zu werden. Es waren über zehn Millionen Deutsche, die Mitglieder in der Nazi-Partei wurden. Und es waren Millionen Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten, Sinti und Roma und andere, denen das Leben durch die Nazis zur Hölle wurde. „Das dürfen wir nicht noch einmal erlauben“, betonte sie. Wenn wir das dann noch in den eigenen Händen haben. Ein mögliches Verbotsverfahren scheitert bisher am Widerstand von CDU und CSU, am Nein von Friedrich Merz und Markus Söder. Aber auch die SPD wirkt nicht entschlossen. Zwar hat sie einen Parteitagsbeschluss gefasst und das mit größter Zustimmung der Genossinnen und Genossen, es aber dabei belassen. Es gibt keine Demonstrationen pro Demokratie und gegen die AfD wie vor Jahresfrist, die Jusos sind merkwürdig still. Auch die Linke und die Grünen drängen in dieser Frage nicht, dabei könnten sie Druck aufbauen, den Kanzler und den CSU-Chef unter Druck setzen. Damit sie Flagge zeigen. Der Feind steht rechts, Herr Bundesinnenminister Dobrindt. Nicht links.
Immer wieder lese ich, dass die Zahl der Anschläge rechtsradikaler Gruppen zunimmt, mehr und mehr scheint die Menschen das Gefühl zu verlassen, sich schämen zu müssen ob der deutschen Geschichte. Sie betreten eher in Stiefeln die einstigen Konzentrationslager und verharren nicht mehr in Demut in den früheren Todeszellen. Schulklassen fallen beim Besuch von KZ-Gedenkstätten negativ auf, manchmal sitzt der Lehrer derweil im Café. In Bergen-Belsen sang eine Schulklasse: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus.“ Respektlos treten mehr und mehr Schüler an den Orten schlimmster deutscher Gesichte auf, Hakenkreuz-Schmierereien passieren, der Hitler-Gruß wird gezeigt.
Wo bleibt das Sturmgeschütz der Demokratie? Muss man in dieser Situation fragen. Was treibt eigentlich den „Spiegel“ dazu, ein Cover zu machen mit dem Foto von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund und der Zeile: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Der hat sich bedankt für so viel Werbung, wieviele Exemplare hat die AfD gekauft? Wo eigentlich ist die Verantwortung des Journalisten, müsste man den Spiegel-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit fragen. Der hat sich verteidigt, es gelte beim Hamburger Magazin weiter das Wort des Gründers Augstein: Sagen, was ist. Pardon, Herr Chefredakteur, ich hatte, als ich die Spiegel-Nummer sah, eher die Vermutung: Es geht um die Auflage. Oder? Es ist zum Fremdschämen. Ich verkneife mir ein paar Wortspielereien im Zusammenhang mit dem Begriff „Sturmgeschütz“.
Die Justiz gängeln
Mir doch egal, höre ich gelegentlich. Ist das so? Lässt es die Deutschen kalt, dass im Falle einer Regierungsübernahme in Magdeburg durch die AfD das dortige „Schulsystem radikal verändern“ werden kann, dass die Regierung dann „die Justiz gängeln“ kann, dass „Menschen mit Migrationshintergrund das Leben sehr schwer gemacht“ werden kann? Ist es den Menschen in Deutschland egal, dass einer wie Höcke den Wunsch verfolgt, „die demokratischen Rechte ihrer Gegner abzuwürgen?“ (zit. nach SZ)
„Zehn Gründe für ein AfD-Verbotsverfahren. Jetzt.“ Nennt die „Süddeutsche Zeitung“. Das Blatt fordert: „Es braucht eine Prüfung der AfD vor dem Bundesverfassungsgericht. Um zu klären, welche Gefahr von der Partei ausgeht- und um sie zu verbieten, wenn sie so demokratiefeindlich ist, wie es erscheint.“
Zurück zu Charlotte Knobloch, die als Kind den Abend der Reichspogromnacht am 9. November 1938 erlebte, später bei fränkischen Bauern versteckt wurde und nach 1945 nach München zurückkehrte, in die Stadt, die die Nazis zur Hauptstadt der Bewegung gemacht hatten, die Stadt, die 1939, kurz vor Kriegs-Beginn Adolf Hitler die Ehrenbürgerwürde verlieh, was man 1949 klammheimlich wieder kassiert habe, schreibt Charlotte Knobloch. Heute wird die 93jährige Frau von Personenschützern begleitet, wenn sie an der Isar spazieren geht. Nie wieder ist jetzt.













