Wer heute versucht, die verworrene gesellschafts- wie weltpolitische Lage zu beschreiben, wird an drei Entwicklungen nicht vorbeikommen:
- die allgegenwärtige Gewalt und ihre zunehmende Relativierung und Normalisierung – zwischen rivalisierenden Menschen(gruppen), in Kriegen, durch Hochrüstung (= ein scheinbar legitimer, weil staatlich veranlasster Aufbau eines gigantischen Gewaltapparates);
- das Vertrauen, das zur Mangelware geworden ist und immer mehr zerbröselt;
- die katastrophalen Folgen des Klimawandels – und gleichzeitig werden weltweit die Klimaschutzmaßnahmen zurückgefahren.
Alle drei Entwicklungen zeigen auf, dass wesentliche Grundwerte in eine Schieflage geraten sind und an Selbstverständlichkeit verloren haben. Dieser Erosionsprozess von Grundlagen des gesellschaftlichen Zusammenhalts korrespondiert mit dem Niedergang der Kirchen in Mitteleuropa und dem Aufstieg rechtsradikaler Parteien weltweit. Auch wenn die Kirchen durch den Missbrauchsskandal sowohl Vertrauen verspielt haben, wie ihr eigenes Gewaltpotential offenbaren mussten – die Kirchen sind von ihrer Botschaft her Sachwalter von Vertrauen, Gewaltlosigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Sie haben nach 1945 mit dafür gesorgt, dass diese drei Grundhaltungen in allen Generationen präsent sind und Akzepotanz gefunden haben. Wenn die Kirchen aber eine immer geringere Rolle spielen und damit auch ihr Wertekanon an Bedeutung verliert, hat das unmittelbare Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben. Es fehlen der moralische Einspruch sowie eine lebendige Auseinandersetzung um die Bedeutung
- der Gewaltlosigkeit als Ausgangspunkt aller Friedenspolitik;
- eines getrösteten Gottvertrauens für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen;
- des Auftrags, die Erde zu bebauen und zu bewahren (1. Mose 2,15).
Eine solche Auseinandersetzung ist aber dringend erforderlich, damit die Ursachen von gesellschaftlichen Verwerfungen nicht einseitig auf die derzeit Regierenden abgeladen werden und das Verantwortungsbewusstsein gefördert wird. Denn das ist schon auffällig: Für alle Missstände der Gesellschaft werden die demokratischen Parteien sowie die staatlichen Institutionen schuldhaft verantwortlich gemacht und mit einem Vertrauensentzug bestraft. Doch weder kann eine demokratische Gesellschaft funktionieren, wenn sich die eigentlichen Hauptakteure der Demokratie, nämlich die Bürgerinnen und Bürger, wie in einem Stadion auf der Zuschauertribüne wähnen und das Spiel der Politiker:innen beobachten und lautstark kommentieren; noch unterscheidet sich ein Parlament oder eine Regierung in nichts von einem Lehrer:innenkollegium einer x-beliebigen Schule, einem Betriebsrat, Konzern- oder Kirchenvorstand. Dort sitzen keine besseren oder schlechteren Menschen als in den Parlamenten oder an den Kabinettstischen. Der einzige Unterschied: Das, was in politischen Gremien vor sich geht, findet in aller Öffentlichkeit statt.
Wir sollten uns also sehr bewusst machen: Die Unzulänglichkeiten in der Entscheidungsfindung politischer Gremien, der Mangel an Überzeugungskraft von Politiker:innen, die oft wenig markanten Persönlichkeiten im politischen Raum sind nicht typisch für Parteien, Parlamente oder Regierungen. Dies alles ist vielmehr Ausdruck unserer Zeit und deutliches Zeichen für den Verlust von einem Wertegerüst und einem offensichtlich nicht vorhandenen Konsens über grundlegende Überzeugungen. In dieses Vakuum drängen rechtsnationalistische Parteien wie die AfD. Sie gaukeln den Menschen vor, dass durch völkisch-kulturelle Homogenität und Gleichförmigkeit, die aber nur über den Ausschluss missliebiger Bevölkerungsgruppen zu haben sind, Probleme „gelöst“ werden können. Doch gerade diese Gruppen verschärfen programmatisch die innergesellschaftliche Gewaltbereitschaft (alles, was stört, muss verschwinden), sie zerstören Vertrauen, weil sie das Misstrauen gegen Anderslebende zum Programm erheben, und sie verleugnen die Tatsache, dass dem Klimaschutz höchste Priorität eingeräumt werden muss. Sie stilisieren sich selbst und „das Volk“ zum Opfer, um den „Tag der Abrechnung“ mit den Tätern zu beschwören.
Wenn es eine Institution gibt, die jetzt den gesellschaftlichen Konsens fördern und gleichzeitig der AfD das Wasser abgraben muss, dann sind es die Kirchen. Trotz ihrer Krise haben sie hier eine herausragende Aufgabe – und zwar im Bereich der drei genannten Entwicklungen:
- Der Verzicht auf Gewalt bzw. die Aufgabe, alles zu tun, um Gewalt zu minimieren, muss Inhalt kirchlicher Aktivitäten bleiben, sein und werden. Dazu gehört auch, dem fatalen Weg der Milliarden verschlingenden Hochrüstung jede moralische Legitimität zu entziehen. „Keine Gewalt“, der Ruf aus den Friedensgebeten in der Nikolaikirche und Ausgangspunkt der Friedlichen Revolution 1989/90, ist keine Schönwetterparole frömmelnder Pazifisten, sondern Grundlage der demokratischen Gesellschaft und ihrer Verteidigungsbereitschaft. Dass das derzeit völlig in den Hintergrund geraten ist, muss die Kirchen auf den Plan rufen.
- Das Vertrauen ist das höchste Gut in der zwischenmenschlichen Beziehung. Das gilt individuell wie gesellschaftlich. Wenn derzeit das Vertrauen in die staatlichen Institutionen und in die Demokratie schwindet, dann ist das nicht nur ein Alarmzeichen. Darin bildet sich auch ab, dass es in der Gesellschaft, also bei jedem von uns, an Vertrauen, an Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, und an Verlässlichkeit mangelt. Hier hat Kirche die Aufgabe, daran zu erinnern: Alles Vertrauen hat seinen Grund in dem Vertrauen, dass Gott uns Menschen entgegenbringt und wir darum mit Gottvertrauen beantworten. Dieses Vertrauen stärkt nicht nur das eigene Selbstbewusstsein, sondern bewahrt auch vor einer Misstrauenskultur und davor, vorschnell haltlosen Versprechungen zu vertrauen.
- Auch wenn die Kirchen von der Endlichkeit und Vergänglichkeit alles Seins ausgehen – der Auftrag, die Schöpfung Gottes zu bebauen und zu bewahren, bleibt. Darum hat Kirche die Aufgabe, Menschen zu einer resourcenfreundlichen Lebensweise zu ermutigen und allen Bestrebungen zu widerstehen, jetzt die Augen vor den Folgen ungehemmter Resourcenvernichtung zu verschließen. Ausgangspunkt ist nicht, die Welt zu retten, sondern unserem Auftrag gerecht zu werden.
Es ist kein Zufall, dass Autokraten und rechtsnationalistische Parteien weltweit ungehemmt die Natur ausbeuten, eine brachiale Gewaltpolitik betreiben und Menschengruppen gegeneinander aufbringen, um ihre Macht zu sichern. Das erkaufen sie sich mit Gewalt, gezielter Zerstörung von Vertrauen und einer ungehemmten Bereicherungspolitik. Bleibt die Frage: Warum fallen immer wieder Millionen Menschen auf diesen Irrsinn herein? Warum wählen Menschen eine AfD, obwohl der Weg ins Verderben vorgezeichnet ist? Könnte die Antwort darin liegen, dass die demokratischen Parteien viel zu unentschlossen, viel zu nachlässig auf die drei beschriebenen Entwicklungen reagieren und damit die Anschlussfähigkeit an Autokraten fördern? Kirche jedenfalls sollte das Ihre dazu beitragen, dass Menschen der Rücken gestärkt wird und in die Grundwerte des Glaubens mehr Vertrauen gesetzt wird als in die vergifteten Heilsversprechen der Polit-Verführer:innen.
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Nachtrag
Ein Freund machte mich aufmerksam auf einen Artikel von Johanna di Blasi auf Reflab, eine digitale Initiative der Reformierten Kirche im Kanton Zürich. di Blasi setzt sich in dem Artikel „Berlin steht zusammen!“ mit dem Terroranschlag auf der CSD-Demo in Berlin am 25. Juli 2026 auseinander.
Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen inzwischen, dass die Wut in unseren Gesellschaften zunimmt. Diese Entwicklung gilt als mindestens ebenso beunruhigend wie andere grosse gesellschaftliche Risiken, weil sie das soziale Gefüge zunehmend belastet.
An der jüngsten Konferenz der European Academy of Religion in Rom stand dieses Thema im Zentrum einer Keynote des Ökonomen Yann Algan zu Demokratie, Emotionen und gesellschaftlicher Fragmentierung. Algan ist Director des HEC Institute und Professor für Volkswirtschaftslehre an der HEC Paris. Er forscht zur Rolle von Emotionen, Vertrauen und Wohlbefinden in Organisationen und Gesellschaften. Sein Befund: Wenn Institutionen verschwinden, füllt die Wut den Raum.
Algan beschreibt einen tiefgreifenden Wandel des emotionalen Klimas: Institutionen, die früher soziale Beziehungen stabilisierten und Emotionen einordneten – Parteien, die Presse, traditionelle Gemeinschaften, Kirchen –, verlieren an Einfluss. An ihre Stelle treten direktere, ungefilterte emotionale Beziehungen, stärker geprägt von spontanen Gefühlen. Über Jahrzehnte war Hoffnung eine prägende politische Kraft, von Winston Churchill bis Martin Luther King. Heute ist Wut zur dominierenden Emotion geworden.
Dieser Beitrag wurde am 31.7.2026 erstveröffentlicht im Blog unseres Autors Christian Wolff












