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FAZ und Heike Schmoll blicken in den Bildungsabgrund – ratlos

Hans Otto Rößer Von Hans Otto Rößer
14. September 2026
Grafik zu den deutschen Ergebnissen der Pisa-Studie

„Ich sage nur China, China, China.“ (Kurt Georg Kiesinger, NSDAP, CDU, Bundeskanzler)

Das Akronym PISA steht für „Programme for International Student Assessment“. Die am 08. September 2026 veröffentlichte Schulleistungsstudie „PISA 2025“ untersucht, welche Kompetenzen 15-jährige Schülerinnen und Schüler gegen Ende ihrer Pflichtschulzeit in den Kompetenzbereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen erworben haben. Wenig überraschend: In all diesen Bereichen erreichten die untersuchten deutschen Jugendlichen die niedrigsten Werte, die bislang bei den PISA-Studien für Deutschland gemessen wurden. Und das in einem Land, von dem es heißt, aufgrund seiner Rohstoffarmut sei die Bildung seiner Bewohner die wichtigste Ressource der Wohlstandssicherung und -steigerung. Daher sorgt die Veröffentlichung der Studien immer noch einmal für mediale Empörungs- und Besorgniswellen, aber diese ebben immer häufiger schnell ab, weil die Warnungen, die man so auf Lager hat, sich wiederholen und folgenlos bleiben.

So auch jetzt: Am Mittwoch, dem 09. September, erschien ein großer Leitartikel der Bildungsexpertin der FAZ, Heike Schmoll, auf Seite 1 und ein wesentlich interessanteres Interview mit dem OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher[1] im Feuilleton, am Tag danach bereits nichts mehr zum Thema. Wenig überraschend ist, dass kaum noch und wenn doch, eher beiläufig erwähnt wird, dass in keinem anderen OECD-Land die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schülern ihren Bildungserfolg so beeinflusst wie in Deutschland. Zu diesem Ist-Stand einer entwickelten Ungleichheitsgesellschaft gehört die chronische Unterversorgung des öffentlichen Bildungssystems. Da diese durch die stattfindende Umwandlung des Landes in eine „Militärrepublik“ noch verschärft worden ist, die Verlagerung der staatlichen Ressourcen von den Bildungs- und Sozialausgaben in die Aufrüstung aber von den Leitmedien begrüßt und propagiert wird, spielt auch dies in ihrer Berichterstattung allenfalls zwischen den Zeilen ihrer Berichte und Kommentare eine Rolle. Weniger ein „entlarvender Absturz“, wie Heike Schmolls Kommentar überschrieben ist, als ein vorhersehbarer.

Heike Schmoll konstatiert zutreffend, dass die durch die verschiedenen ‚PISA-Schocks‘ angestoßenen Reformen und Neuerungen keine „dauerhafte Verbesserung der Leistungsergebnisse gebracht“ haben. Dabei verkehrt sie Ursache und Wirkung, wenn sie schreibt: „Die Anstrengungen konnten nicht aufrechterhalten werden, weil die Konsequenz fehlte.“ Umgekehrt wird ein Schuh draus: Eben weil die genannten Anstrengungen nur halbherzig erfolgten und ohne Evaluierung (das schulpolitische Fetischwort der Nuller Jahre) abgebrochen wurden, blieben sie ohne Konsequenzen! So geschehen im „Bildungsland“ Hessen: Von 2005 bis 2010 gab es unter dem Namen „Strategisches Ziel 2“ ein Fortbildungsprogramm für Lehrkräfte zur Didaktik des Leseverstehens, das auf einem mehrfach ausgezeichneten Konzept basierte, das am kalifornischen Schulforschungs- und Entwicklungsinstitut WestEd entwickelt worden ist. Es wurde, ohnehin im Rahmen der Ausdünnung der hessischen Lehrerfortbildung, sang- und klanglos eingestellt.

Neben Evergreens aus der Gebetsmühle (der entscheidende Hebel ist die frühkindliche Bildung – wer hätte das gedacht?), die deshalb Evergreens sind, weil sie nicht oder nur unvollkommen verwirklicht werden, lanciert Heike Schmoll Vorschläge, die mit den ausgedünnten Finanzmitteln für Bildung kompatibel sind: digitale Fortbildungsangebote für die Lehrkräfte und Kurztests in der Grundschule. Alles billigste Surrogate des Notwendigen, dessen Verwirklichung unterbleibt.

Interessanter ist das Interview mit Andreas Schleicher von der OECD im Feuilleton desselben Tages. Überraschend ist es auch. Erstens weil die FAZ ein Interview mit ihm macht, nachdem sie ihn jahrzehntelang als Bolschewik der OECD abgemeiert hat. Zweitens weil er erneut auf die Bedeutung der sozialen Herkunft für den Bildungserfolg oder -misserfolg in Deutschland aufmerksam macht, insbesondere im Blick auf Kinder mit Migrationshintergrund; genau das war der Grund, der ihm die Kritik konservativer Medien eingebracht hat. Und drittens weil er mit hierzulande grassierenden Stereotypen und dem Nichtwissen über das Bildungssystem asiatischer Länder aufräumt, die zu den Dauer-Spitzenreiter der PISA-Tests gehören: „Das traditionelle Bild, das man vom asiatischen Schulsystem hat – ihm wird ja oft ein maschinenhaftes Lernen unterstellt – , trifft absolut nicht zu.“ Dieses „Bild“ ist die Verlängerung vom Klischee der ‚blauen Ameisen‘. Als ich 1986 als DAAD-Lektor in die VR China gegangen bin, haben uns, den damals entsandten Lektorinnen und Lektoren, deutsche Fremdsprachendidaktikerinnen damit traktiert: Die Chinesen lernten moderne Fremdsprachen, wie wir Latein lernten; die kommunikative Anwendung einer gelernten Fremdsprache sei ihnen ein Buch mit sieben Siegeln. Der Gedanken, dass verschiedene Zwecke, eine Fremdsprache zu lernen, auch verschiedene Methoden erforderlich und nützlich machen könnten, kam diesen Methodenmissionarinnen ebenso wenig, wie der Blick darauf, wie es in deutschen Klassenzimmern vor der Erweckung durch die „kommunikative Wende“ im Fremdsprachenunterricht zuging. Wenige Wochen in der VR China in einem Intensivkurs Deutsch für junge chinesische Landwirtschaftswissenschaftler/innen haben mir gezeigt, wie realitätsfern dieses Klischee ist: Innerhalb dieser kurzen Zeitspanne hatten sich meine Studentinnen und Studenten die deutsche Sprache so weit angeeignet, dass man sich mit ihnen in der Freizeit ohne große Stockungen unterhalten konnte.

Die PISA Abstürze beginnen ja schon, seit PISA durchgeführt wird. Warum also der wenig erfreuliche Zustand des deutschen Bildungswesens? Der Hauptgrund dafür dürfte sein, dass es in Deutschland außer der schwachen Linken keine relevante Kraft mehr gibt, die den Schulerfolg der in die „Restschule“ Hauptschule Abgeschobenen verbessern will. Heute haben 11,3 Millionen Erwerbstätige in Deutschland einen Hochschulabschluss, das sind 27% der Erwerbstätigen, nicht wie früher selbstständige Ärzte, Anwälte oder Spitzenbeamte, sondern in ihrer Mehrheit Lohnabhängige. Aus dieser Schicht rekrutieren sich die Mitgliedschaft und Wählerschaft der Grünen (in Konkurrenz zur Partei „Die Linke“, zur FDP, SPD und CDU). Zu einem erheblichen Teil aus Gewinnern der Bildungsexpansion der 1970er und 1980er Jahren bestehend, haben sie kein Interesse, anderen, insbesondere Kindern aus der ‚bunten‘ Unterklasse den Bildungsaufstieg zu ermöglichen, den sie selbst genossen haben. Im Gegenteil, wie 2010 der Volksentscheid in Hamburg gegen die Erweiterung einer gemeinsamen Schulzeit durch die Einrichtung von 6 Grundschuljahren gezeigt hat, tun sie alles, im Interesse ihrer eigenen Kinder diese Kinder von Aufstiegsmöglichkeiten durch Bildung fernzuhalten.

Aber wie verhält sich diese Schicht zu den Zuständen an den Gymnasien, wo es ja gerade um die Bildung ihrer eigenen Kinder geht? Die Antwort darauf gibt die Statistik: Mittlerweile sind 12% der allgemeinbildenden Schulen Privatschulen mit insgesamt über 800.000 Schülerinnen und Schülern. In den letzten zehn Jahren ist der Bestand der Privatschulen um 7% auf 3800 Schulen gestiegen. In derselben Zeit ist die Zahl der öffentlichen Schulen um 4% auf ca. 29000 gesunken. Das durchschnittliche Schulgeld liegt bundesweit bei knapp über 2000 Euro im Jahr, in Hessen beträgt das durchschnittliche Schulgeld für eine Privatschulen 3261 Euro. Diese Werte hat das Statistische Bundesamt über die Steuererklärungen der Eltern ermittelt. Natürlich steigt das Schulgeld, je exklusiver das private Bildungsangebot ist, Durchschnittswerte hin oder her.

In den insgesamt spärlichen Medienberichten zu den neuen PISA-Ergebnissen sind wieder vor allem aus linken Kreisen oder aus der Lehrergewerkschaft und den konservativen Lehrerverbänden kulturkritische Töne zu hören. Die Nutzung digitaler Kommunikationsmittel solle eingeschränkt werden. Das wird gefordert, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden, dass die asiatischen Länder mit den besten PISA-Ergebnissen die Länder sind, in denen die Digitalisierung des Alltagslebens weiter fortgeschritten ist als hierzulande. Mit Rücksicht darauf käme es vielleicht darauf an, mit der oft und weitgehend folgenlos geforderten Mediendidaktik ernstzumachen, anstatt die Medien abzuschalten. Weiterhin wird der OECD vorgeworfen, die PISA-Tests an den Leitlinien Standardisierung und Ökonomisierung auszurichten. Statt um Lernen als Selbstzweck und Weg zur Selbstverwirklichung gehe es um die Verwertbarkeit als Arbeitskräfte. So what? Seit die Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert bildungspolitische Forderungen erhoben hat, ging es ihr darum, den Anteil der ideologischen Indoktrination in der Schule („Erziehung“: das Auswendiglernen von Schillers „Glocke“, Militärbildchen in Zigarettenalben) zugunsten der Qualifikation ihrer Kinder zurückzudrängen (Genaueres im Band der edition suhrkamp Nr. 694 aus dem Jahr 1974, für manchen schon Steinzeit!). Dass diese dann später ihre so qualifizierte Arbeitskraft verkaufen müssen, um leben zu können, ist keine bildungspolitische Frage, sondern, plakativ gesagt, eine politische des Kräfteverhältnisses zwischen den sozialen Hauptklassen. Bis dahin ist es doch wohl besser, ausgebeutet als nicht ausgebeutet zu werden, nämlich arbeitslos zu sein. Für Bohème-Fantasien von Selbstverwirklichung und Bildung als Selbstzweck ist da erst einmal wenig Platz. Zum Trost der „schönen Seelen“ wäre jedoch noch hinzuzufügen: Wer gelernt hat, wie man einen Sachtext liest und verstehen kann, etwa Bedienungsanleitungen, die vom Koreanischen ins Deutsche übersetzt wurden, der kann auch einen Roman lesen und verstehen. Vielleicht sogar Tolstois „Krieg und Frieden“.

[1] Die OECD führt die PISA-Befragungen und Auswertungen durch.

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