Die UN-Generalversammlung feiert das jährliche „Hochamt“ der Vereinten Nationen mit der Woche der Staats- und Regierungschefs ab 22. September in New York. Oberthema dieses 81. Jahres der Existenz der UNO und der Generaldebatte lautet diesmal: „Vertrauen wiederherstellen, Transformation ermöglichen: Die Vereinten Nationen dienen allen“. Aber in 60 Ländern der Welt herrscht Krieg, Bürgerkrieg oder es gibt keine staatlichen Strukturen. Letzteres lädt Kriminelle ein, ein Land zu beherrschen, wie in Haiti, Somalia oder Teilen des Sudan. Die Vereinten Nationen sehen nahezu machtlos in vielen Fällen zu, weil die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates – China, Frankreich, Großbritannien, Russland und die USA – sich auf nahezu nichts einigen können. Vor allem die drei Autokraten Xi Jinping, Trump und Putin lähmen jene Konfliktlösungsmechanismen, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Eindruck der Millionen Toten erdacht und in die Praxis umgesetzt wurden.
„Weltenbeben – Europas Chance auf neue Strahlkraft“ nennt der deutsche Ex-Diplomat Martin Kobler sein Buch. Darin zieht er eine sehr persönliche Bilanz seiner jahrzehntelangen Arbeit als deutscher Diplomat, unter anderem als Büroleiter von Grünen-Außenminister Joschka Fischer, und als UN-Vertreter in vielen Krisenregionen der Welt. Er beschreibt die Versuche, das Leben der Menschen zu verbessern, und deren Scheitern. Unter anderem in Afghanistan, das er im vergangenen Jahr unter der Herrschaft der Taliban erneut besuchte. Er war als UN-Beauftragter auch beteiligt, Libyen zu einen, Namibia in die Unabhängigkeit zu begleiten und im Kongo die Auseinandersetzungen zu beenden.
Gerade in Afrika sieht Kobler Chancen für Europa, sich neue Freunde zu schaffen, wenn man aus der paternalistischen Entwicklungspolitik aussteigt und den Anforderungen der afrikanischen Länder auf gleichberechtigtes Wirtschaften entgegenkäme.
Angesichts der sechzig kriegerischen Konflikte und der gelähmten UN erklärt er auch, was die Vereinten Nationen sein könnten, wenn alle 193 Mitgliedsländer sich wirklich an die Charta der Vereinten Nationen halten und sie einschließlich der enthaltenen Garantien der Menschenrechte umsetzen würden. Dabei spart er nicht mit Kritik an einzelnen Akteuren der UN in den vergangenen Jahrzehnten, die er aus der Nähe erlebte. Teils übervorsichtig trugen sie zum sinkenden Einfluss der Vereinten Nationen bei. Und zum sinkenden Einfluss der Diplomatie in Krisenzeiten. Auch der Angriff Putins auf die Ukraine und die Reaktionen vieler in Europa beweisen aus Koblers Sicht, Diplomatie habe zurzeit wenig Chancen. Das müsse sich wieder ändern, so sein Plädoyer. Dann erst erhalte auch die UNO die Chance, Kristallisationsort für neue Regeln einer veränderten Weltordnung werden zu können.
Zweifel bleiben, ob das gelingen kann. Trump, Xi Jinping und Putin scheinen sich in einem einig: Die Vereinten Nationen sind für sie unbedeutend. Allen dreien geht es darum, wer führt, militärisch und wirtschaftlich. Das Buch kann man auch als gute Einführung in Wesen und Entwicklung der Vereinten Nationen ansehen. Immer wieder ergänzen Faktentafeln den umfangreichen Erfahrungsbericht des Autors Kobler, der sich nun lediglich als Beobachter der Entwicklung aus dem Ruhestand beteiligt.












