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Home Kultur Buchbesprechungen

Trotzdem weiter: Charlotte Knobloch wird täglich bedroht

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
20. September 2026
Charlotte Knobloch, Buchtitel "Trotzdem weiter", Münchn 2026

Charlotte Knobloch, Jahrgang 1932, wird am 29. Oktober 94 JAhre alt

Ich las gerade das Buch, das Charlotte Knobloch eigentlich gar nicht schreiben wollte, weil sie angekommen war in Deutschland nach all dem Schrecklichen, was den Jüdinnen und Juden im Nazi-Reich passiert war. Aber leider blieb die Zeit nicht stehen, sie drehte sich weiter, um nicht zu sagen zurück Richtung NS-Zeit. Und wieder, immer wieder werden Jüdinnen und Juden im einstigen Land der Täter bedroht, sodass sie sich nicht sicher fühlen und wieder auf gepackten Koffern sitzen, um den letzten Flug nach Israel nicht zu verpassen, wenn es mal nicht mehr geht. Und als wenn jemand diese Angst noch unterstützen wollte, passierte es wieder, dieses Mal in Wuppertal. Dort wurde ein Brandanschlag auf die Synagoge verübt, eine brennbare Flüssigkeit auf die Stufen, die zum Gebäude führen, geworfen. Viele Juden sagen, lese ich in einer ersten Reaktion, dass sie in Wuppertal keine realistische Zukunft mehr sehen. Ich kann sie verstehen, weil die antisemitischen Beleidigungen und Beschimpfungen radikaler würden, zunähmen. Kaum ein Jude in Wuppertal gibt noch nach außen hin zu erkennen, dass er Jude ist. Man schämt sich, zumal der Anschlag passiert ist unter den Augen der Polizei, die ja wie üblich in ganz Deutschland die Synagoge bewacht.

Charlotte Knobloch kennt das alles, sie wird seit Jahren begleitet von zwei Polizisten, wenn sie das Haus verlässt, um an der Isar spazieren zu gehen. Schlimm ist das wie die Tatsache, dass vor Synagogen in Deutschland Polizeifahrzeuge stehen. Frau Knobloch beobachtet die Entwicklung seit Jahren und ist alarmiert. Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern hat die Shoa überlebt und glaubte nach all den Jahrzehnten in München und in der ganzen Republik, dass das Land gefestigt sei, dass sich Jüdinnen und Juden sicher fühlen könnten. Aber wenn dann täglich  etwas passiert zwischen Hamburg und München, zwischen Aachen und Görlitz, verlässt einen das Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit. Was ich an dieser Frau, die im Oktober 94 Jahre alt wird, bewundere, ist, dass sie nicht aufgibt, dass sie weiter kämpft für die Freiheit in Deutschland, dafür, dass Jüdinnen und Juden wie selbstverständlich als Bürgerinnen und Bürger anerkannt werden, dass sie sich nicht verstecken müssen. Nein, sie weicht nicht zurück, sie wandert auch nicht aus, sie bleibt. „Trotzdem weiter“ hat sie ihr Buch genannt, das ein sachlich geschriebenes Werk ist, in dem all die Dinge aufgeschrieben werden, die sich in den 14 Jahren seit dem letzten Buch ereignet haben: der Aufstieg der AfD, also einer rechtsextremen Partei, die inzwischen in allen Landesparlamenten, im Europa-Parlament und im Deutschen Bundestag sitzt. Die gerade stärkste Partei im Landtag in Sachsen-Anhalt geworden ist, wo sie den Ministerpräsidenten stellen könnte. Die dabei ist, den Osten Deutschlands politisch zu erobern mit ihrem völkischen Programm, das gegen Migranten gerichtet ist, gegen Minderheiten. Gegen die EU, den Euro, die AfD ist eine radikale Partei, die mit Putin  wie mit Trump liebäugelt. Sie ist demokratisch gewählt, so hat es Heribert Prantl mehrfach aufgeschrieben in der SZ, aber sie ist keine demokratische Partei. Sie ist, wie es Hendrik Wüst gesagt hat: „Eine Nazi-Partei“. Und sie gehört verboten. Aber CDU-Chef Merz und CSU-Chef Söder haben Angst vor einem solchen Verfahren. Dabei will die AfD dieses Land verändern, die CDU zerstören wie unser parlamentarisches, demokratisches System.

Aber das ist ja nicht alles, was in den Jahren passiert ist. In diesem Blog haben wir damals beschrieben, was im bayerischen Landtag sich ereignete, als Charlotte Knobloch eine Rede hielt, dabei den Leuten der AfD ins Gewissen redete und fast die gesamte AfD-Fraktion den Saal des Landtags verließ. Man kann das nicht mit Eklat beschreiben, das ist viel mehr. Und im Grunde hätten diese Leute für immer des hohen Hauses verwiesen werden müssen, weil sie mit ihrem Verhalten bewiesen hatten, dass sie nicht dahin gehören. Man schämt sich.

Ja, die AfD und ihre Kumpanen wollen die Erinnerungskultur verändern, wie Björn Höcke es genannt hat, um 180 Grad. Der Holocaust, die Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen  und Juden, die Vernichtungskriege gegen Polen und die Sowjetunion genauso kleinschreiben wie den Terror, mit dem die Nazis halb Europa überzogen. Zwischen 60 und 70 Millionen Tote kostete der 2. Weltkrieg, der von Hitler, Himmler, Göring, Göbbels, Heydrich angezettelt worden war. Aber alles nicht so schlimm, folgt man einem der AfD-Oberen, Gauland, der all das Grauen mit dem Wort „Fliegenschiss“ abtat, um die ansonsten glorreiche deutsche Vergangenheit zu würdigen. Ein Neonazi erschoss den CDU-Politiker Walter Lübcke, er war ein erklärter Gegner der AfD, ein deutscher Patriot. Ermordet auf der Terrasse seines Hauses. Dazu die mehr als peinlichen Geschehnisse um die Kasseler Documenta, judenfeindliche Darstellungen in aller Öffentlichkeit. Nicht zu vergessen das Flugblatt mit widerlichem antisemitischen Inhalt, angeblich vom Bruder von Hubert Aiwanger gefertigt und nicht vom Chef der Freien Wähler in Bayern, der ja der Stellvertreter des bayerischen Ministerpräsidenten Söder ist.

Zur Erinnerung: Da wurde im Schuljahr 1988/89 zur Teilnahme an einem Bundeswettbewerb mit dem Titel “ Wer ist der größte Vaterlandsverräter?“ aufgerufen. Teilnahmeberechtigt sei „jeder, der Deutscher ist und sich auf deutschem Boden aufhält“. Interessierte könnten sich im „Konzentrationslager Dachau zu einem Vorstellungsgespräch“ melden. Erster Preis: “ Ein Freiflug durch den Schornstein in Auschwitz.“ Aiwanger räumte ein, es seien ein oder wenige Exemplare“ in seiner Schultasche gefunden worden, er erklärte aber gleichzeitig, das fragliche Papier nicht verfasst zu haben und bezeichnete den Inhalt als „ekelhaft und menschenverachtend.“

Aiwanger blieb im Amt, obwohl er den ihm von Söder vorgelegten Fragenkatalog mit 25 Fragen nur unzureichend und ausweichend beantwortete. Der Freie-Wahler-Chef, der den Skandal dazu benutzte, sich als Opfer darzustellen, wurde später in bayerischen „Festzelten bejubelt und von seinen Anhängern als Held gefeiert“. Wie Charlotte Knobloch in ihrem Buch schreibt. Die von Aiwanger angebotene Entschuldigung lehnte sie ab. Ich hätte es auch getan.

Und natürlich wühlte sie die Debatte um den 7. Oktober 2023 auf, den Überfall der Hamas auf Israel, die Ermordung von über 1300 Menschen, die Entführung von Hunderten Israelis, der folgende Angriff der israelischen Armee auf den Gaza-Streifen, die Bombardierung und weitgehende Zerstörung der Häuser, die Flucht der Palästinenser. Sie selber reagierte in einem Spiegel-Gespräch auf die schrecklichen Ereignisse und sagte, „mir rutscht ein Satz heraus, der mich seither begleitet, weil er die Realität beschreibt: Der Pogrom ist in unser Leben zurückgekehrt. Was wir gesehen haben, war das, was zu verhindern der jüdische Staat überhaupt errichtet worden war.“

Beim Lesen des Buches kam mir immer wieder ins Gedächtnis, wie das Kind Charlotte an der Hand ihres Vaters am 9. November 1938 durch die Straßen München lief, der Vater riss sie mit sich, rief ihr immer wieder zu:  Nicht stehenbleiben Charlotte, weiter. Und überall brannte es, die Nazis hatten das Feuer frei gegeben für das Abfackeln der Synagogen, für die Überfälle auf jüdische Geschäfte, deren Schaufensterscheiben zerbarsten und frei wurden für die folgenden Plünderungen. Dutzende Juden wurden verprügelt, verhaftet, Bilder, die das Kind Charlotte im Vorbeilaufen in sich aufnahm, schreckliche Bilder. Ich habe das Buch „In Deutschland angekommen: Erinnerungen“ im Blog-der-Republik besprochen, viele Szenen beschrieben. Die Tochter des  Münchner Kaufmanns Fritz Neuland überlebte die NS-Mordmaschinerie, weil eine frühere Haushaltshilfe, Zenzi Hummel, sie auf einem fränkischen Bauernhof versteckte. Zensi Hummel gab Charlotte Neuland als ihr eigenes Kind aus und wurde wegen des unehelichen Kindes im Dorf entsprechend schlecht angesehen. So war damals in Deutschland. Auch der Vater von Charlotte überlebte den Krieg und die Shoa, halb erblindet von der Zwangsarbeit baute er die jüdische Gemeinde München wieder auf, bis zum Wiederaufbau der Synagoge dauerte es noch viele Jahre.

 

Charlotte Knobloch hat das Buch geschrieben, weil  ihre Autobiografie „In Deutschland angekommen“ „nicht auserzählt ist.“ Denn ihre feste Überzeugung, hier angekommen zu sein, sei inzwischen „wieder erschüttert worden“. Was nicht heißt, dass diese Frau nur mahnen will, sie will auch kein Mitleid, sie jammert auch nicht, denn sie ist sehr stark. Deshalb schrieb sie das Buch aus „Liebe zu meiner Heimat“, gemeint München, Bayern, Deutschland. Trotz aller Rückschläge seien die „jüdischen Bürgerinnen und Bürger unseres Landes Patrioten. Wir sind entschlossen, für diese unsere Heimat zu kämpfen. Wir sind Teil der deutschen Geschichte. Wir sind Teil der deutschen Gesellschaft. Wir sind Teil des Lebens in diesem unserem Land. Wir gehören dazu- seit 1700 Jahren.“

 

Die Nazis, schreibt Charlotte Knobloch, hätten ihren Vater Fritz Neuland nicht „brechen“ können, „seinen Stolz, seinen Glauben, sein Vertrauen… Trotzdem weiter, immer weiter, niemals aufgeben- das war seine Superkraft“. Es habe Jahre gedauert, bis sie sich diese Haltung, diese Kraft zu eigen gemacht habe. Nicht Wut, nicht Angst oder Hass hätten sie dorthin gebracht, „wo ich heute bin, sondern Liebe, Hoffnung, Vertrauen und die feste Gewissheit: Ich breche nicht. Was auch geschieht- ich lebe, ich kämpfe, ich mache immer weiter.“

 

Die Lage der Demokratie in unserem Land hat sich verändert, nie zuvor ist es so unter Druck geraten wie jetzt. Nie hätte ich das für möglich gehalten, dass eine Partei wie die AfD Millionen Anhänger findet in Deutschland, dass sie in allen Parlamenten sitzt und grölt und schreit und tobt und nichts scheint ihre Wählerinnen und Wähler abzuschrecken. Charlotte Knobloch sieht das natürlich auch, sie hat es in diesem Buch immer wieder beschrieben, aufgezählt. Und doch ist sie zuversichtlich: „Unsere freiheitliche Demokratie ist stark, und sie muss stark genug sein, um die Menschen von den politischen Extremen zurückzuholen. Das kann sie aber nur leisten, wenn wir ihr dies auch zutrauen. Wenn wir wissen, was wir an ihr haben. Das haben wir alle in der Hand.“ Stimmt. Aber wer sagt es wie den Menschen, die gerade noch AfD gewählt haben und die ihr morgen und übermorgen wieder ihre Stimme geben werden? Die gestern noch die SPD gewählt haben oder die CDU, unsere Volksparteien, die dieses Land politisch aufgebaut haben zu dem, was es heute ist. Nämlich immer noch eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt. Ein Land, um das uns viele beneiden. Und über das der neue Fußball-Bundestrainer Jürgen Klopp gerade geschwärmt hat: „Ich würde mir oder uns gerne die Fahne zurückholen. Ich möchte, dass wir sie immer so schwingen, dass niemand denkt, was mir dir nicht in Ordnung ist.“  Und den Nationalstolz will Klopp „nicht den falschen Leuten überlassen.“

 

Charlotte Knobloch: Trotzdem weiter. Ein jüdisch-deutsches Fazit. Beck-Verlag. München. 266 Seiten. 2026. 26 Euro. ISBN 978 3 406 85089 9

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