Die Welt befindet sich aktuell in einer tiefgreifenden Krise der internationalen Ordnung, der Sicherheit und der globalen Governance. Viele der Normen, Institutionen und Rechtsgrundlagen, die nach 1945 unter Führung der Vereinigten Staaten geschaffen wurden, um einen erneuten Weltkrieg zu verhindern, der seine Wurzeln in einem ungeregelten ökonomischen Wettbewerb und unbeherrschten Krisen hat, geraten zunehmend unter Druck. Die Charta der Vereinten Nationen, das System der Rüstungskontrolle, der Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen (NVV), das Gewaltverbot des Völkerrechts sowie selbst die Autorität des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen und der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) stehen heute am Abgrund.[1] Diese Erosion wird nicht nur von Herausforderern der internationalen Ordnung vorangetrieben, sondern paradoxerweise auch von jenen Staaten, die diese Ordnung einst aufgebaut haben.[2]
Besonders deutlich ist diese Entwicklung im Nahen Osten. Die US-amerikanischen Kriege in Afghanistan[3] und im Irak, die NATO-Intervention in Libyen, der Syrienkrieg, die Zerstörung Gazas, allesamt mit dem Ergebnis eines Zerfalls staatlicher Strukturen, die aktuellen militärischen Konfrontationen zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und Iran sowie die Krisen rund um die Straßen von Hormus und Bab al-Mandab sind miteinander verbunden. Diese Instabilitäten und Konflikte bedrohen nicht nur die Stabilität der Region, sondern haben auch globale negative Effekte, auf den Welthandel und auf die Energiesicherheit von Staaten außerhalb der Region.[4]
Zur gleichen Zeit sieht sich Europa mit sieben Herausforderungen konfrontiert:
- dem Krieg in der Ukraine,
- einer anhaltenden Energiekrise,
- wirtschaftlicher Stagnation,
- neuen Migrationsbewegungen,
- wachsender politischer Polarisierung im Innern,
- zunehmendem Extremismus und
- historisch hohen Ausgaben für Verteidigungszwecke.
Gleichzeitig befinden sich auch die transatlantischen Beziehungen in einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Differenzen zwischen Washington und mehreren europäischen Verbündeten, Spannungen innerhalb der NATO sowie schwerwiegende politische und wirtschaftliche Differenzen zwischen den Vereinigten Staaten und Kanada verdeutlichen, dass die in Europa nach 1945 etablierte Sicherheitsordnung grundlegend neu gestaltet wird.
Die Bemühungen der Trump-Regierung um eine Neuausrichtung der Beziehungen zu Russland, ihre Konzentration auf die Kontrolle globaler Energieressourcen, den verschärften Wettbewerb mit China sowie ihre Ambitionen gegenüber Kanada und Grönland im Rahmen der National Security Strategy von Dezember 2025 mit der Trumpschen Version der Monroe-Doktrin verdeutlichen einen grundlegenden Wandel amerikanischer Strategie, insbesondere im Verhältnis zu Europa. Das «Kind» Europas nabelt sich ab.
Die Vereinigten Staaten und Russland verfügen gemeinsam über schätzungsweise nahezu 90 Prozent aller Nuklearwaffen weltweit.[5] Eine strategische Annäherung zwischen Washington und Moskau hätte weitreichende Folgen für die Aufstellung gegenüber China, nuklear wie nicht-nuklear.
Die US-Regierung setzt auf die Energieressourcen aus der Zeit vor der gerade stattfindenden säkularen Wende. Sie erklären die Ölressourcen Venezuelas zu den ihren,[6] ähnliche Äußerungen gibt es zu den Energieressourcen des Iran. [7] Sie suchen einen stärkeren Einfluss auf die Zukunft der Straße von Hormus. Sollte dies gelingen, so erhielten die Vereinigten Staaten erheblichen Einfluss auf die zentrale Energieader der Welt, die solange wichtig ist, wie der Verkehr am Verbrennungsprinzip hängt.
Das alles drängt auf eine neue Weltordnung, die durch eine Friedensdiplomatie auszuhandeln ist.
Rolle und Kompetenz des Deutschlands, das ich kennengelernt habe
Meine persönlichen Erfahrungen während meiner Amtszeit als Botschafter der Islamischen Republik Iran in Deutschland von 1990 bis 1997 haben mich davon überzeugt, dass Deutschland über weit größere diplomatische Möglichkeiten verfügt, als es heute nutzt. Ich erlebte damals aus nächster Nähe eine Außenpolitik, deren Ziel nicht die Verschärfung von Konflikten, sondern deren Entschärfung war. Dialog, Vertrauensbildung und pragmatische Diplomatie bildeten deren Kern. In meinem Buch Iran-Europe Relations: Challenges and Opportunities habe ich das anhand diplomatischer Dokumente und eigener Erfahrungen ausführlich dargestellt. Hier nenne ich nur einige wenige Beispiele.[8]
Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher nahm mit voller Unterstützung von Bundeskanzler Helmut Kohl strategische Gespräche mit dem damaligen iranischen Präsidenten Akbar Haschemi Rafsandschani auf. Ziel war der Aufbau eines Systems kollektiver Sicherheit und Zusammenarbeit zwischen den acht Anrainerstaaten des Persischen Golfs. Teheran begrüßte diese Initiative ausdrücklich. Letztlich scheiterte sie, am Widerstand der Vereinigten Staaten.
Dieses Konzept könnte die Grundlage für eine stabile regionale Sicherheitsarchitektur am Persischen Golf bilden. In meinem Buch A New Structure for Security, Peace, and Cooperation in the Persian Gulf habe ich hierzu einen umfassenden Fahrplan entwickelt. Er umfasst konkrete Mechanismen für Vertrauensbildung, Dialog, Rüstungskontrolle, Nichteinmischung sowie kollektive Sicherheit zwischen allen acht Anrainerstaaten. Der Grundgedanke lautet: Dauerhafte Sicherheit im Persischen Golf kann weder durch militärische Dominanz noch durch externe Bündnisse erreicht werden, sondern nur durch eine inklusive regionale Sicherheitsordnung.[9]
Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident Rafsandschani vereinbarten damals die Einrichtung von vier ständigen bilateralen Arbeitsgruppen zu den Themen Nuklearfragen und Massenvernichtungswaffen, Terrorismus, Menschenrechte sowie Nahost-Friedensprozess. Ziel war es, Streitfragen dauerhaft in einem institutionalisierten Dialog zu behandeln. So sollte verhindert werden, dass sie in Sanktionen oder militärischen Konfrontationen münden. Dieses Konzept habe ich in meinem Buch Iran and the United States: An Insider’s View on the Failed Past and the Road to Peace weiterentwickelt. Darin skizziere ich einen umfassenden Fahrplan mit Lösung zu genau diesen vier Themenfeldern als Bestandteil einer langfristigen Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran[10], zur Überwindung von nahezu fünf Jahrzehnten der Feindschaft zwischen Iran und den Vereinigten Staaten.
Deutschland und Europa könnten eine konstruktive Rolle zur Überwindung dieser Feindschaft übernehmen, die bis heute den gesamten Nahen Osten destabilisiert und damit auch die Sicherheit Europas beeinträchtigt.
Rückkehr zu einer konstruktiven Diplomatie
Die Welt braucht heute eine Diplomatie, die nicht auf geopolitischer Konfrontation, sondern auf gemeinsamen Interessen, kollektiver Sicherheit und wirtschaftlicher Zusammenarbeit beruht.
Deutschland verfügt aufgrund seiner diplomatischen Tradition, seiner wirtschaftlichen Stärke und seiner besonderen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, Israel sowie zahlreichen Staaten des Nahen Ostens über einzigartige Voraussetzungen, erneut eine aktive und konstruktive Rolle zu übernehmen.
Deutschland könnte insbesondere in vier Bereichen entscheidende Beiträge leisten:
- den Aufbau einer umfassenden Sicherheits- und Kooperationsarchitektur im Persischen Golf fördern, einschließlich einer kernwaffenfreien Zone (NWFZ) und einer Zone frei von Massenvernichtungswaffen (WMDFZ) sowie die Wiederbelebung des Islamabad Memorandum of Understanding als Grundlage für die Öffnung der Straße von Hormus, die Beendigung der maritimen Konfrontation und die Aushandlung einer dauerhaften Sicherheitsordnung für den Persischen Golf;[11]
- eine umfassende Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und Iran unterstützen, die nahezu fünf Jahrzehnte gegenseitiger Feindseligkeit überwinden könnte;
- einen dauerhaften israelisch-palästinensischen Frieden fördern, auf der Grundlage der einschlägigen Resolutionen der Vereinten Nationen und einer verhandelten Zwei-Staaten-Lösung;
- und neue strategische Energiepartnerschaften zwischen dem Persischen Golf, dem Kaukasus, Russland und Europa fördern, um langfristige Energiesicherheit und wirtschaftliche Interdependenz zu stärken.
Europa selbst liefert hierfür das überzeugendste historische Vorbild
Nach Jahrhunderten verheerender Kriege gelang es Deutschland, Frankreich und ihren europäischen Partnern, durch die Gründung der Europäischen Union Rivalität schrittweise in Kooperation, wirtschaftliche Integration und dauerhaften Frieden zu verwandeln. Derselbe Versuch wurde mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) gemacht, doch dessen Ergebnisse liegen in Trümmern.
Diese historische Erfahrung besitzt weit über Europa hinaus Bedeutung. Auch die acht Anrainerstaaten des Persischen Golfs könnten sich von diesem Modell inspirieren lassen und eine regionale Sicherheits- und Kooperationsordnung schaffen, die auf Dialog, gegenseitigem Vertrauen, gemeinsamer Verantwortung und wirtschaftlicher Verflechtung beruht.
Anhaltende Stabilität entsteht nicht durch militärische Überlegenheit, sondern durch Institutionen, die Vertrauen schaffen, gemeinsame Interessen fördern und Konflikte friedlich bewältigen.
Schlussfolgerung
Die wichtigste Lehre der 1990er Jahre lautet, dass dauerhafter Frieden durch den Aufbau tragfähiger Institutionen der Zusammenarbeit erreicht wird.
Deutschland hat in der Vergangenheit bewiesen, dass es in der Lage ist, Brücken zwischen tief zerstrittenen Parteien zu bauen und innovative diplomatische Lösungen zu entwickeln. Gerade in einer Zeit, in der die internationale Ordnung tiefgreifenden Veränderungen unterliegt und regionale Konflikte zunehmend globale Auswirkungen entfalten, könnte Deutschland erneut eine konstruktive und aktive Rolle bei der Gestaltung einer stabileren internationalen Ordnung übernehmen.
Eine Rückkehr zu dieser Tradition würde nicht nur den Interessen Deutschlands und Europas dienen, sondern auch einen wichtigen Beitrag zu Frieden, Sicherheit und nachhaltiger Entwicklung im Nahen Osten und darüber hinaus leisten.
Zum Autor: Seyed Hossein Mousavian war iranischer Spitzendiplomat, ist Research Collaborator an der Princeton University und Autor der Bücher Iran-Europe Relations: Challenges and Opportunities (Routledge), Iran and the United States: An Insider’s View on the Failed Past and the Road to Peace (Bloomsbury) sowie A New Structure for Security, Peace, and Cooperation in the Persian Gulf (Rowman & Littlefield).
[1] https://www.sipri.org/yearbook
[2] https://www.theatlantic.com/magazine/2026/03/trump-national-security-greenland-spheres-of-interest/685673/
[3] https://watson.brown.edu/costsofwar
[4] https://www.euronews.com/2026/09/15/losing-access-to-bab-el-mandeb-would-be-catastrophic-for-the-entire-world-qatar-warns
[5] https://armscontrolcenter.org/nuclear-threat-on-the-rise-russia-us-control-90-of-nuclear-weapons/
[6] https://www.opec.org/assets/assetdb/asb-2025.pdf
[7] https://www.newarab.com/news/us-mulling-seizure-strategic-kharg-island-iranian-oil
[8] https://www.routledge.com/Iran-Europe-Relations-Challenges-and-Opportunities/Mousavian/p/book/9780415590280
[9] https://rowman.com/ISBN/9781538143377/A-New-Structure-for-Security-Peace-and-Cooperation-in-the-Persian-Gulf
[10] https://www.bloomsbury.com/us/iran-and-the-united-states-9781628928709/
[11] https://thebulletin.org/2025/06/a-nuclear-consortium-in-the-persian-gulf-as-a-basis-for-a-new-nuclear-deal-between-the-united-states-and-iran/













