Der Rhein-Kreis Neuss hat seit 2025 eine Landrätin, direkt gewählt von den Bürgerinnen und Bürgern im Kreis. Aber wer weiß schon, was sie den ganzen Tag über so macht? Wer einmal die Gelegenheit hat, ihren Arbeitsalltag zu begleiten, erkennt schnell: Dieser Job passt in kein Raster! Er ist eine Mischung aus Verwaltungsleitung, politischer Bühne, Bürgerbüro und Krisenmanagement, um nur die wichtigsten Elemente zu nennen. Dabei vereint dieses Amt in Nordrhein-Westfalen seit der Abschaffung der kommunalen Doppelspitze im Jahr 1994 das frühere Ehrenamt des Landrats als Repräsentant der Politik mit dem des hauptamtlichen Verwaltungschefs. Es ist damit Scharnier zwischen Politik und Verwaltung. Und um es noch komplizierter zu machen: Es ist auch Scharnier zwischen den kreisangehörigen Kommunen und dem überregionalen Landschaftsverband Rheinland sowie dem Land NRW. Gremiensitzungen, Telefonate, Besprechungen und sonstige Termine kreisen alle um diese Gemengelage und die damit für die Politik wie die Bürger verbundenen Belange. Damit sitzt die Landrätin jeden Tag an einer Schnittstelle, an der politische Beschlüsse, gesetzliche Vorgaben und die Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger in Übereinstimmung gebracht werden müssen.
In Zeiten knapper Kassen ist es kein Wunder, dass der Kreis und damit die Landrätin eine Vielzahl von Interessen übereinander bringen muss. Der Rhein-Kreis bündelt Aufgaben, die sieben Städte und eine Gemeinde betreffen: Soziales, Gesundheit, Umwelt. Dafür erhebt er eine Kreisumlage, mit der die kreisangehörigen Kommunen den Kreishaushalt mitfinanzieren. Gleichzeitig muss der Kreis wiederum eine Umlage an den Landschaftsverband abführen, der über die einzelnen Kreise hinausgehende Aufgaben bündelt. Es braucht nicht viel Fantasie sich vorzustellen, wie schwierig die Verhandlungen in beide Richtungen sind, inhaltlich wie finanziell. Und natürlich beobachtet die lokale Presse sehr genau, was auf diesem Feld gerade geschieht. Die erste dienstliche Aktivität der Landrätin ist denn auch an diesem Tag aus dem Auto heraus – der Fahrer hat um kurz nach 8 Uhr vor der Tür gestanden – ein Telefongespräch mit dem Pressesprecher des Kreises über zwei Artikel in der Lokalzeitung, der NGZ, die am Morgen über die Initiative der Landrätin zur Senkung der Landschaftsverbandsumlage und über den Fund einer Kugelbombe an einer Stromleitung berichtet haben. Wie laufen hier die Informationsketten? Welche Behörden müssen eingebunden werden? Wie lässt sich die Bevölkerung unterrichten, ohne unnötige Unruhe auszulösen?
Überhaupt ist das Auto ein unverzichtbarer Bestandteil der Ausstattung einer Landrätin. Sie führt Telefonate, liest Vermerke, bearbeitet Mails, überfliegt noch einmal vorbereitete Grußworte und Ansprachen. Ohne Dienstwagen und Fahrer wäre dies alles nicht zu schaffen und viel Zeit ginge verloren. Die Vielzahl der Termine außerhalb des eigentlichen Büros erfordert eine Mobilität, die heute einfach erwartet wird. Ob das so sein muss, sei dahingestellt, aber wenn im Monat zwischen 3.500 und 4.500 km zurückgelegt werden, spricht das Bände über den umfangreichen Aufgabenkatalog und den vollen Terminkalender.
Und es gibt Momente, wo aus dem Wagen heraus Entscheidungen getroffen werden müssen. Sei es, dass die Polizei die Landrätin telefonisch über eine vermisste Person informiert oder das weitere Vorgehen nach dem Fund der Kugelbombe festgelegt werden muss: Die Landrätin ist Chefin der Kreispolizei. Als solche steht sie dann auch einmal mit ihrem Wagen in einem Stau vor einer roten Ampel vor einer Polizeidienststelle, weil die Polizei freie Fahrt für ihre Einsatzfahrzeuge brauchte. Als erste Verkehrsteilnehmer die rote Ampel ignorieren, stellt sich für die Landrätin eine Gewissensfrage: ebenfalls losfahren? Ein Anruf in der Leitstelle sorgt dafür, dass auch sie grünes Licht für die Weiterfahrt bekommt. Die Landrätin ist eben auch Symbol staatlicher Ordnung – selbst an der roten Ampel.
Die Außentermine sind vielschichtig und haben überwiegend mit den aktuellen Themen der Kreispolitik zu tun. Ein Treffen in Frimmersdorf mit einer Besuchergruppe, die sich über den Strukturwandel im Braunkohlerevier informieren will: Die Landrätin spricht als jemand, der die Transformation einer ganzen Region erklären und politisch begleiten muss. Ein Gespräch nebst Besichtigung eines Warenlagers in Köln zur Ukraine-Hilfe: eine weitere Seite des Amtes, nämlich Solidarität sichtbar machen, Ehrenamt stärken, Netzwerke pflegen. Ein Grußwort in Neuss bei einer Konferenz über die Zukunft des rheinischen Radverkehrsreviers: Die Landrätin positioniert sich zum Thema, würdigt ehrenamtliches Engagement und macht deutlich, welche Rolle der Kreis bei Mobilität und Infrastruktur spielen will.
Zwischen den Außenterminen gibt es Arbeitsstunden im Büro. Eine Besonderheit im Rhein-Kreis Neuss, die historisch zu erklären ist, macht das Ganze nicht einfacher: Der Kreis hat zwei Sitze, nämlich in Grevenbroich und in Neuss. Während es in Grevenbroich ein Vorzimmer gibt und dort die engsten Mitarbeiter der Landrätin arbeiten, aber auch zum Beispiel die Ausländerbehörde oder das Gesundheitsamt angesiedelt sind, gibt es im Neusser Kreishaus etwa das Schulamt oder Außenstellen des Straßenverkehrsamts und des Gesundheitsamts. Die Landrätin selbst hat dort lediglich einen spartanisch eingerichteten Sitzungsraum, in dem sie aber auch mit Mitarbeitern spricht oder Besucher empfängt. An diesem Tag hat sie zum Beispiel eine Besprechung mit dem Leiter der Kreisleitstelle, die für die Entgegennahme der Notrufe im Kreisgebiet zuständig ist und die Arbeit der Einsatzkräfte koordiniert. Es geht um die Zukunft der Leitstelle, um mögliche gemeinsame Strukturen mit umliegenden Kommunen, um Übergangslösungen und um die personelle Aufrüstung einer Einrichtung, die im Alltag kaum auffällt, im Ernstfall aber funktionieren muss. Oder sie trifft einen Bürger zum Gespräch, der sich in seiner Stadt nicht sicher fühlt und seine Sorgen vorbringen möchte. Juristisch ist die Landrätin nicht automatisch die richtige Ansprechpartnerin für jedes persönliche Sicherheitsproblem, aber politisch und menschlich kann sie sich dem Anliegen kaum entziehen. Sie hört zu, fragt nach, ordnet ein und sagt zu, den Fall mit der Polizei zu besprechen.
In Grevenbroich ist Zeit für Büroarbeit am Schreibtisch und für ein Personalgespräch sowie eine Besprechung mit der Leiterin des Rechtsamts und dem persönlichen Referenten. Die Landrätin hat seit ihrem Amtsantritt viele strukturelle Veränderungen innerhalb der Verwaltung angestoßen und durch Umorganisationen neue Impulse gesetzt. Der Neuzuschnitt von Aufgaben ist angesichts des rasanten Wandels etwa durch die Digitalisierung, aber auch durch neue Anforderungen bei Sicherheit und Katastrophenschutz eine ständige Herausforderung für alle Beteiligten, für die Landrätin genauso wie für die Beamten und Angestellten des Kreises. Da ist die Überreichung von Urkunden an Mitarbeiter, die verbeamtet oder befördert werden oder die in den Ruhestand wechseln, mehr als ein Routinetermin in einem dichten Kalender, sondern Ausdruck ihrer Rolle als Leiterin einer großen Verwaltung. Der Gedanken- und Meinungsaustausch ist dabei sicherlich eine wertvolle Informationsquelle zur Stimmungslage bei den Beschäftigten, die sich ja auch erst mit der neuen Chefin arrangieren oder anfreunden mussten. Sie setzt neue Schwerpunkte und treibt Entwicklungen voran. Dabei macht sie nicht den Eindruck, als sei sie von äußeren Zwängen getrieben. Vielmehr ist die für den Beobachter erkennbare Freude an den Gestaltungsmöglichkeiten, die das Amt bietet, eine wichtige Voraussetzung für ihr Tun, aber auch für die Mitarbeitermotivation.
Die Landrätin entscheidet nicht alles allein, aber sie muss vieles zusammenhalten. Ihr Tag zeigt, wie Kommunalverwaltung tatsächlich funktioniert: nicht als abstrakte Behörde, sondern als dauernder Wechsel zwischen Gespräch, Entscheidung, Erklärung und Präsenz. Alle internen und externen Termine sorgen für einen eng getakteten Tagesablauf, der nicht um 17:00 Uhr endet. Am Abend geht es zu einer Netzwerkveranstaltung in Neuss, bei der die Landrätin zusammen mit dem Bürgermeister der Stadt die Schirmherrschaft innehat. Gespräche zu Wirtschaft, Politik und sonstigem lassen es zu einer dienstlichen Veranstaltung werden. Erholung und Entspannung sieht anders aus, aber sie macht es mit sichtbarer Freude. Apropos: Wer glaubt, dass am Wochenende Ruhe wäre, der irrt gewaltig. Parteiveranstaltungen, Jubiläen, Schützenfeste, Ausstellungseröffnungen und ähnliches schmücken sich alle gerne mit der Anwesenheit der Landrätin. Außenstehende schütteln manchmal den Kopf über die Sichtbarkeit bei so vielen Terminen, genauso wie über den Komfort eines Dienstwagens mit Fahrer. Aber wer Gelegenheit hat, sich das genauer anzuschauen, weiß, dass dieser Beruf nicht nur in kein Raster passt, er erfordert auch viel Engagement und persönliche Opfer. Denn es gibt ja auch noch die eigene Familie, die nicht zu kurz kommen darf. Das gehört zum Gesamtbild dazu.













