Ich habe schon vor der Lektüre des Buches von Sebastian Matthes „Inside 2029“ immer mal wieder behauptet, es sei Unsinn, die Lage Deutschlands so zu beschreiben, als stünden wir vor dem Abgrund oder mit einem Bein in demselben. Von solchen Untergangsszenarien lebt ja eine Partei wie die AfD, die selbst programmatisch kaum etwas zustande bringt, das lehrreich wäre. Sie will unser demokratisches System, unsere Art, in Freiheit zu leben und zu arbeiten, ja auch zerstören. So hat sie es zum Beispiel mit der CDU vor, einer Partei, die zur Gründung der Bundesrepublik gehörte, die mit Konrad Adenauer und Ludwig Erhard entscheidende Politiker stellte, die für den Wiederaufbau und Aufbruch des damals durch den Weltkrieg weitgehend zerstörten Landes mitverantwortlich waren.
Wer das Buch von Sebastian Matthes liest- der Mann ist Chefredakteur des „Handelsblatt“-, der wird mitgenommen auf eine Reise durch die Welt, der Konzerne, der Gipfel, der Konferenzen, der Gespräche, der Autor lässt den Leser teilnehmen an seinen Erkenntnissen, die er hat und die er dazugewinnt, wenn er in Singapur ist oder in Szenzhen, in Pittsburg, im Silicon Valley oder in Heilbronn, Davos oder in München unterwegs ist. Der Mann hat eine Weltreise gemacht über die Jahre und am Ende ist ein Buch dabei herausgekommen, in dem er beschreibt, was er überall gesehen hat und was in Deutschland fehlt. Spannend zu lsen.
Nicht zögern und zaudern
Dies vorweg: Matthes sieht unser Land nicht am Ende, sondern hofft und mahnt, wir mögen bitte schön unsere Chancen begreifen, die wir haben. Aber wir müssen natürlich auch wollen, zugreifen, nicht pausenlos zögern und zaudern. Wir müssen uns vom Herkömmlichen trennen, altes liegenlassen, damit stattdessen Neues entsteht. Nicht den Fehler machen, den wir- das sage ich aus eigener Erkenntnis, weil ich Kind des Ruhrgebiets bin- einst an Rhein und Ruhr gemacht haben, als wir zu lange, viel zu lange an der Förderung der geliebten heimischen Kohle festhielten, obwohl längst klar war, dass das Kohle-Zeitalter zumindest an der Ruhr am Ende ist. Die Kohleförderung war ja viel zu teuer, sie wurde in Tiefen von bis zu 1500 Metern gefördert, dagegen wird sie in den USA wie hier die Braunkohle ans Licht gehoben: quasi über Tage, wodurch sie billiger wird.
Ganz nebenbei war diese Art der Energiegewinnung- wie das auch bei Gas und Öl ist- eine Frage der Umweltbelastung. Wir hätten viel früher all das Geld, was in die Zechen gesteckt wurde, in erneuerbare Energien investieren müssen. Ich weiß, das sagt und schreibt sich heute locker dahin, damals, als es passierte und die Zechen schlossen, Tausende und Abertausende von Arbeitsplätzen verloren gingen, haben wir dafür gekämpft, mit staatlichen Subventionen die heimische Kohle und damit die Jobs von Hunderttausenden von Bergleuten zu erhalten. Dabei war der Strukturwandel nicht zu stoppen. Das Revier sähe heute anders aus, wäre früher der Hebel umgelegt worden. Matthes beschreibt viele Beispiele, wie Strukturwandel funktioniert hat in aller Welt.
Aus für Verbrenner-Aus
Warum ich das erwähne, obwohl es nicht so im Buch von Matthes steht: manches erinnert mich heute wieder an damals. Heute, wo China den Automarkt der Welt fast beherrscht, weil es viel früher erkannt und umgesetzt hat, Batterien entwickelt hat, weil das Auto der Zukunft eben nicht der Verbrenner ist, sondern der vom E-Motor angetriebene Wagen. Gerade haben Frankreich und Deutschland, also Paris und Berlin, Macron und Merz, wieder das Aus des Verbrenner-Aus beschlossen, die SZ vermeldete es als Aufmacher auf der Seite 1. Es ist zum Weinen, dass wir weiter daran festhalten, was vorbei ist, Geschichte, wir verpassen den Anschluss an internationale Maßstäbe. Die Probleme von Mercedes bis VW, hier sind sie zu finden. Matthes beschreibt das auf einigen Seiten, wie unsere Auto-Manager versuchten, sogar Umweltprobleme zu leugnen, indem sie unsere Fahrzeuge mit Geräten versahen, um die Öffentlichkeit zu täuschen. Um zu betrügen, denn die Umweltbelastung durch den Diesel war ja damit nicht behoben, sondern nur verschlüsselt, versteckt, wie es ein kleines Kind macht, indem es sich hinter einem Schrank versteckt. Natürlich wurden die Deutschen erwischt und sie mussten Milliarden an Strafen bezahlen. Dazu verloren sie an Glaubwürdigkeit. Es gilt das alte Sprichwort: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.
Dass wir schneller werden müssen, wissen all jene, die seit Jahren mit Genehmigungen zu tun haben. Dass wir zuviel Bürokratie haben, ist bekannt. Ich erinnere mich an Diskussionen mit Politikern wie Peer Steinbrück und Wolfang Clement, aber auch mit Gerhard Schröder, bei denen beklagt wurde, dass wir zu lange brauchen, bis ein Grundstück bau reif ist, bis eine Genehmigung zum Bau eines Hauses fix und fertig ist. Das alles kostet Geld, viel Geld, das an anderer Stelle dann fehlt. Was ich bei der Lektüre des Buches gelernt habe, ist der fehlende Mut in Deutschland, etwas Neues zu wagen, anzupacken. Weil man Angst hat, zu scheitern. In der übrigen Welt, so argumentiert Matthes, sei Scheitern kein Makel, sondern im Grunde der Ansporn, jetzt erst recht zu forschen, zu investieren, damit es zu Innovationen kommt.
Gegen die Bedenkenträger
Die Stimmung im Lande ist schlecht. Ja, die Bedenkenträger führen oft genug das Wort. Einem lauen Ja folgt oft das Aber und damit das Nein. Bloß nicht verlieren, dann lieber gar nicht erst anfangen. Das ist der falsche Weg. Die Politik ist leider auch hier tätig. Man muss nur die Debatten in der schwarz-roten Koalition verfolgen. Reformen, ja, aber, aber ja, doch nicht so, dann so, oder doch nicht. Kein Ende. Es beginnt mit dem Kanzler, der meist nicht in der Lage ist, klar und deutlich seine Ziele zu formulieren. Oft genug löst er mit seiner Unklarheit Debatten aus, in denen er dann ziemlich schlecht aussieht. Dann kommen die Ministerpräsidenten erst der CDU, dann die der SPD, dann hebt das Willy-Brandt-Haus, angespornt von den Bedenken der Länder, den Arm und meldet Einspruch an. So vergeht die Zeit, nichts passiert, Straßen, Brücken, Schulen, Schwimmbäder, Theater, vieles marode.
Deutschland steht nicht am Abgrund, aber ist aber auch nicht in der Spur nach oben. Das Geld ist da, die Universitäten auch, es mangelt nicht an Talenten, aber die Politik müsse den Weg freimachen, leichter ausländische Forscher ins Land zu lassen, damit sie hier ihre Arbeit aufnehmen oder fortsetzen. Wir brauchen sie, die Talente aus aller Welt, sagt Matthes, dieses Land darf nicht die Vorhänge zuziehen. Wir brauchen die internationalen Gedanken, die Menschen aus aller Welt, ein offenes Deutschland.
Der Autor erwähnt einen großen Mangel der Republik, die fehlende Digitalisierung. Estland dient ihm als Beispiel, mit 1,3 Millionen Einwohnern ein kleiner Flecken in Europa. Der Staat des 21. Jahrhunderts, schreibt Matthes, „muss wie eine Plattform organisiert sein, als Infrastruktur für Bürgerinnen und Bürger sowie für Unternehmen.“ Die Basis für den digitalen Boom des Landes hat den Namen X-Road. „Das System ist die zentrale technische Infrastruktur des Landes, sämtliche Verwaltungsleistungen in Estland sind digital verfügbar- von der Unternehmensgründung über Eheschließungen bis hin zur Sterbeurkunde.“ Nach estnischen Schätzungen spare diese Digitalisierung der Verwaltung dem Land jährlich rund zwei Prozent Wirtschaftsleistung. Auf Deutschland übertragen mache das etwa 90 Milliarden Euro aus. Und wer meint, das funktioniere nur in einem kleinen Land wie der baltischen Republik Estland, dem hält Matthes das Beispiel Indien vor Augen: Digitale Staatsinfrastruktur funktioniere auch im bevölkerungsreichsten Land der Welt mit 1,4 Milliarden Menschen, 28 Bundesstaaten und 22 Amtssprachen.
Wirtschaftswunder 2.0
Man müsste nun nur noch fordern: Ärmel hoch und ran. Es geht, es ging ja auch früher, als Deutschland das Auto erfand, das Aspirin, das Röntgenbild, wie Matthes Hoffnungen macht auf ein besseres Deutschland, das die Zukunft vor sich hat. Es gebe Orte, wo die Zukunft schon begonnen habe, aber er mahnt auch, dass der Wohlstand von gestern das größte Hindernis für den Wohlstand von morgen sei. Aber das „Wirtschaftswunder 2.0 kann gelingen.“
Ich kann das Buch nur empfehlen. Lassen Sie sich bei der Lektüre nicht von Fachbegriffen aufhalten oder irritieren, der Autor schreibt sehr verständlich im Grunde fast wie ein Reporter, der seine Erkenntnisse bei seiner Weltreise über die Zukunft unseres Landes zusammenfasst. Wenn Sie einmal angefangen haben zu lesen, werden Sie das Buch so schnell nicht wieder zur Seite legen.














