Kind aus Afghanistan, UNHCR-Bild zur Kampagne #WITHREFUGEES

Afghanistan steht vor der schlimmsten humanitären Krise

Die Taliban höhlen in Afghanistan sukzessive die Menschenrechte aus und verschließen Frauen und Mädchen die Teilhabe am öffentlichen Leben. Nahezu beispiellos ist der aktuelle Erlass, wonach die Islamisten Frauen verbieten, in Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) zu arbeiten sowie Universitäten zu besuchen. UNHCR-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi forderte die sofortige Aufhebung des Erlasses: „Frauen an der humanitären Arbeit zu hindern, ist eine schwere Verweigerung ihrer Menschlichkeit. Es wird nur zu weiterem Leid und Not für alle Afghanen führen, insbesondere für Frauen und Kinder. Dieses Verbot muss aufgehoben werden“, sagte Grandi.

Die uneingeschränkte Beteiligung von Frauen im gesamten Spektrum der humanitären Hilfe ist nicht nur eine grundsätzliche Forderung, sondern vielmehr ein Gebot der operativen Effizienz. Die Mitarbeiterinnen leisten nicht nur wichtige humanitäre Hilfe, sondern stehen auch an vorderster Front, wenn es darum geht, Lösungen für die Afghanen zu finden, die von vier Jahrzehnten Konflikt und Verfolgung betroffen sind, darunter Millionen von Flüchtlingen und Binnenvertriebenen. In allen 34 Provinzen Afghanistans haben Frauen die humanitäre Hilfe aktiv angeführt und mitgestaltet, so dass das UNHCR seit August 2021 über sechs Millionen Afghanen erreichen konnte. Mit so vielen anderen Einschränkungen für Frauen wird dieses neue Dekret verheerende Auswirkungen auf die Bevölkerung Afghanistans haben, die schätzungsweise 40 Millionen Menschen umfasst.

Die Vereinten Nationen und ihre Partner werden daher ohne weibliche Mitarbeiter in der humanitären Hilfe nicht in der Lage sein, die Frauen und Kinder zu erreichen, die die lebensrettende Hilfe am dringendsten benötigen. Ein solcher Ausschluss bedeutet, dass Millionen von Frauen und Mädchen auf sich allein gestellt sind.

Es scheint – letzten Gesprächen zufolge – nun Ausnahmen im Erlass der Taliban zu geben, wonach weibliche Angestellte der Vereinten Nationen und ausländische Angestellte von NGOs von dem Arbeitsverbot ausgenommen seien, sowie alle Frauen, die im Gesundheitsbereich arbeiteten. Der UNHCR beobachtet gemeinsam mit anderen UN-Organisationen sowie Partnern die Situation im Land sehr genau.

Frauen systematisch ausgeschlossen
Viele erinnern sich an die dramatischen Bilder vom Kabuler Flughafen im August 2021, als Tausende Afghaninnen und Afghanen verzweifelt versuchten, dem Terror der Taliban zu entkommen. Nach deren Machtübernahme verschwand Afghanistan mehr und mehr aus den Schlagzeilen. Der aktuelle Erlass ist da ein weiterer Schritt in einer Kette von Entscheidungen der Taliban, die die Lage der Frauen und Mädchen im Land kontinuierlich verschlechtert. Restriktive Maßnahmen schließen sie systematisch vom gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben aus. Bewegungsfreiheit und Berufswahl wurden ebenso eingeschränkt wie der Besuch von weiterführenden Schulen für Mädchen.

Mädchen dürfen nicht in die Schule
Eine gemeinsame Studie von UNHCR, UN Women und Women Count („Afghanistan crisis update: Women and girls in displacement“) bestätigt diese besorgniserregende Entwicklung: Gegenwärtig seien mehr als zwei Millionen Mädchen im Alter zwischen 10 und 14 und 1,8 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren von der Schließung weiterführender Schulen betroffen.

Der UNHCR ist trotz der schwierigen politischen Situation weiterhin in Afghanistan im Einsatz, unterstützt Frauen und Mädchen auf allen möglichen Wegen, etwa durch Bildungseinrichtungen mit Computerklassen und beruflichen Schulungen. Daneben bietet das Flüchtlingshilfswerk landesweit Existenzgründungsprojekte für Frauen an, zum Beispiel für mobile Bäckereien oder Schneidereien, um frauengeführten Haushalten ein eigenes Einkommen zu verschaffen.

24 Millionen Menschen brauchen Hilfe
Der Unterstützungsbedarf in Afghanistan ist immens. Derzeit brauchen dort mehr als 24 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Und der Bedarf wächst: Steigende Temperaturen und Dürreperioden haben die Auswirkungen von über 40 Jahren Konflikten noch verschärft und die Nahrungsmittelknappheit in einem Land mit über 3,5 Millionen Vertriebenen verschlimmert. Erst vor wenigen Monaten verwüstete ein Erdbeben große Teile der südöstlichen Provinzen Paktika und Khost, bei dem Tausende Menschen Besitz und Unterkünfte verloren.

Ausharren bei 15 Grad minus

Auch für die afghanischen Familien ist der Winter, in dem in einigen Landesteilen die Temperaturen auf minus 15 Grad sinken können, eine zusätzliche extreme Herausforderung. Die Unterkünfte vieler Geflüchteter können den harschen Bedingungen nicht standhalten. In den Hochebenen Afghanistans sind vertriebene Familien schon seit Oktober Kälte und Schnee ausgesetzt, viele haben gerade erst bei dem verheerenden Erdbeben alles verloren.

Damit die Menschen sich mit dem Lebensnotwenigen versorgen können, organisierte der UNHCR etwa 56.000 afghanischen Haushalten (fast 400.000 Personen) und 22.000 Familien (154.000 Personen) Bargeldzuschüsse. Die UNO-Flüchtlingshilfe, der nationale Partner des UNHCR, unterstützt dessen existenzielle Nothilfe – in Afghanistan und anderen Ländern.

Mehr Informationen unter: www.uno-fluechtlingshilfe.de

Zum Autor: Peter Ruhenstroth-Bauer ist Nationaler Direktor der UNO-Flüchtlingshilfe, dem deutschen Partner des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR)

Titelbild: Ein Mädchen in einer Siedlung für Vertriebene nördlich von Kandahar in Afghanistan, wo sie mit ihrer Familie Zuflucht und Schutz gefunden hat. Über 3,5 Millionen Menschen sind innerhalb Afghanistans auf der Flucht
© UNHCR/Oxygen Film Studio (AFG)

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....ist Rechtsanwalt und Geschäftsführer der UNO-Flüchtlingshilfe (www.uno-fluechtlingshilfe.de), dem deutschen Partner des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR). Zuvor war er u.a. Stellvertretender Chef des Bundespresseamtes und als Staatssekretär im Bundesfamilienministerium. Er ist Lehrbeauftragter für Politische Kommunikation/Regierungskommunikation an der Universität Potsdam und der Hochschule Magdeburg.


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