Taliban

Afghanistan – Wenig Wissen und viel Wahlkampf

Was ist heute sicher in der Berichterstattung über das Erobern eines Landes durch die Taliban? Sicher ist, dass sich Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer nicht anständig verhält. Laut ntv sagte sie: „Unsere Lageeinschätzung war falsch, unsere Annahmen über die Fähigkeiten und die Bereitschaft zum afghanischen Widerstand gegen die Taliban zu optimistisch.“ Was haben denn die vielen professionellen Auswerter des deutschen Staates während der vergangenen 20 Jahre getan? Kramp-Karrenbauer schrieb dies, wie der Sender mitteilte „in einem Brief an Abgeordnete des Bundestages“. Dem Vernehmen nach nur an Abgeordnete der CDU/CSU, jedenfalls nicht an alle. Das wäre sehr ungehörig.

Da hätte ich ein deutliches Wort der führenden Leute im Bundestag erwartet. Denn die Bundeswehr ist Parlamentsarmee. Deren Belange gehen das ganze deutsche Parlament an. Und nicht nur einen Teil.

Ferner sagte sie am 20. August laut ntv: „Auch im Namen dieser Soldaten lasst uns rausgehen, lasst uns diesen Wahlkampf jetzt endlich richtig führen.“ Anderenfalls drohe das Land bald von Parteien geführt zu werden, bei denen die Soldaten noch nie Rückhalt gehabt hätten, übermittelte ntv als „Einschätzung“ der Ministerin.

Das ist noch ungehöriger. So werden die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr in einer unzulässigen, geradezu dramatisch dreisten Art und Weise für Parteipolitik der Union instrumentalisiert. Das geht gar nicht.   

Andererseits versuche ich seit Tagen, mir ein Bild zu machen, wie Bewohnerinnen und Bewohner Afghanistans sich, die Vergangenheit ihres Landes und die Gegenwart sehen. Ich habe mit Deutschen telefoniert, die früher afghanische Bürger waren, habe mit Deutschen gesprochen, die eine Zeit lang in Afghanistan lebten, ich lese Zeitungen, gucke in die Glotze. Mein deutlichster Eindruck, in den „Medien“ reden und belehren oft Leute, die von und über Afghanistan wenig wissen. Ich übrigens auch nicht.

Über die öffentlich einhellig abgelehnten Taliban wissen wir genau genommen fast nichts. Was wir sehen, wenn wir diese Taliban sehen, sind Männer. Das Taliban- Gesellschaftsmodell ist eine reine Männerwelt. Frauen mit einer Wollmütze auf dem Kopf und einem Schnellfeuergewehr in den Händen, auf Motorrad oder Pickup sind nicht zu sehen. Es gibt Berichte darüber, dass Taliban-Kämpfer anderen Kämpfern Frauen ausliefern, wie das bereits der sogenannte IS in Syrien getan hat. Das ist bestialisch. Die afghanischen Frauen haben von den Taliban, den „Schülern“ auf Arabisch, die den Koran erlernen, nichts, aber auch gar nichts zu erwarten. Sie sind für diese Leute „Gebärmaschinen“, so nehme ich an, die das Haus sauber zu halten haben, das Essen zubereiten und denen gegebenenfalls ein bestimmtes, abgemessenes Maß an Bildung zugestanden wird.

Ich lese und höre, man dürfe die Taliban nicht über einen Kamm scheren, denn die einen wären „moderat“, andere hingegen „radikal“. Aber so richtig Genaues weiß man da nicht. Warum sollten die mit dem Westen ernsthaft verhandeln? Und über was? Es läuft doch sowieso für sie!

Es gibt offenkundig ein sehr starkes Land-Stadt- Gefälle in Afghanistan. Das ist uns fremd geworden. Ich las, dass viele Kinder tagtäglich hart arbeiten müssten, damit die Familie überleben könne. Auf dem Land in den tausenden Dörfern, die – wie man mir erzählte – in hunderten Fällen zerstört wurden, leben arme Leute, die entsetzlich große Mühen aufwenden, damit die Familie abends nicht hungrig einschlafen muss. Ich erfahre, dass heute bereits Millionen Menschen in Afghanistan hungern und vielleicht eine große Hungersnot ausbrechen werde.

Die Taliban können erwarten, dass der Westen  mit Nahrungsmitteln, Gerät und Geld hilft. Weil in Europa immer noch anständige Leute wie beispielsweise Merkel, Macron, Draghi oder Sanches  regieren, die Hungersnöte abwenden wollen. Außerdem stehen ja bereits Chinas Regierende mit Angeboten vor der Tür und Putins Mitarbeiter finden bereits interessante Aspekte an der Herrschaft der Taliban.

Ja, ernsthaft: Warum sollten die Taliban sich zu Kompromissen und Übereinkommen bequemen?

Mit großem Interesse las ich, was Monika Hauser berichtete, die Gründerin von medica mondiale, die um Leben und Freiheit vieler Frauenrechtlerinnen fürchtet, die nun der Willkür der Taliban ausgesetzt sind. Medica mondiale spielte in den Jahren bis jetzt heute ein Schattendasein in Deutschland, ähnlich wie solwodi, die Organisation Solidarity with Women in Distress der großartigen Gründerin Sr. Dr. Lea Ackermann. Warum haben wir nicht auf sie gehört?

Mir prägen sich noch einige Dinge ein: Wie passt das, was während der letzten beiden Monate in Afghanistan passierte, mit den vielen Milliarden Dollar und Euro  zusammen, die Jahr für Jahr dorthin geflossen sind? Der Professor an der Bundeswehr-Universität, Carlo Masala sagte: „Wir haben in Afghanistan eine korrupte Klasse gefüttert.“ Ist das die Erklärung? Wo ist das Geld geblieben? Diesen Milliarden stehen in Afghanistan keine materiellen Angebote gegenüber. 

Dann prägt sich ein, dass diese Taliban ja die Sprachen sprechen, die die Leute auf dem Land und in den Städten sprechen, dass die Taliban deren Gewohnheiten und Schwächen kennen. Es herrscht eine schreckliche Angst vor den bärtigen Fundamentalisten und gleichzeitig  vertrauen viele denen mehr als den Fremden aus aller Herren Länder, die sich sicher viele Mühe gegeben haben, aber fremd bleiben.

Mir fiel ein, dass während meiner Kindheit belgische und britische Soldaten in meinen Heimatort campierten. Wir Jungs lungerten um die herum, folgten mit Argusaugen jeder Armbewegung, jedem Lachen, fanden die irgendwie toll; aber fremd und auch geradezu unheimlich waren die trotzdem. Das war nach einem Krieg und nicht während eines Krieges und manche aus meinem Dorf sprachen die Sprache der Besatzungssoldaten; die freilich auch mehr als unheimlich sein konnten, wenn sie nach dem Manöver in der Gegend um die Nazi-Burg Vogelsang abrückten, sich tierisch betranken und auch randalierten.

Dann sagte man mir, dass es den fundamentalistischen  Taliban gestattet sei, die Andersgläubigen zu belügen und zu betrügen, wenn es um den Islam gehe und es ihnen in den Kram passe. Das sei Teil derer Ideologie. Ich kann das mit letzter Sicherheit nicht beurteilen; aber wenn das so wäre, wären Versprechungen und Abmachungen mit Vorsicht zu behandeln. Abmachungen könnten lediglich von denen beurteilt werden, die sich grundlegend gut auskennen in der Taliban-Kultur.

Jedenfalls müsste zwischen miteinander über alles Mögliche reden, Lösungen von gegenwärtigen Problemen besprechen und Verabredungen für die Zukunft vereinbaren ganz genau unterschieden werden; zumal es keine Möglichkeit gäbe, die Taliban zu bestrafen, wenn sie ihre glaubensbedingten Betrügereien versuchten. Strafen würden die treffen, die hart arbeiten müssen, um ihr Leben fristen zu können. Es gibt offenkundig Situationen in unserer gemeinsamen Geschichte, während derer nicht oder fast nicht auf Erfahrungen zurückzugreifen ist. Ich habe übrigens nichts gegen Gespräche mit Vertretern der Taliban (hier gibt es nichts zu gendern). Aber bitte nicht naiv sondern auf der Grundlage von Wissen und gegebenenfalls erforderlicher Härte.

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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