Feuerwerk

Ausdruck reiner Lebensfreude oder gefährlicher Unfug: Streit um die Silvester-Böller

Um das Silvesterfeuerwerk ist ein regelrechter Glaubenskrieg entbrannt. Schluss mit der sinnlosen Ballerei, fordern die einen; Spaßverderber, empören sich die anderen. Alle Jahre wieder, könnte man sagen. Doch der Streit verschärft sich.

Tierschützer appellieren seit langem, mehr Rücksicht auf die Vierbeiner zu nehmen. Verbraucherschützer warnen vor gefährlichen Importböllern, Sicherheitskräfte vor der erhöhten Brandgefahr, Ärzte vor entstellenden Verletzungen, und das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt wirbt seit 30 Jahren mit dem Slogan „Brot statt Böller“ um Spenden für den Kampf gegen den Hunger in der Welt.

Dieses Jahr rückt das Feinstaub-Problem in den Vordergrund – naheliegend, nachdem das Thema mit Dieselskandal und Fahrverboten in den zurückliegenden Monaten reichlich Schlagzeilen produziert hat. Während des Silvesterfeuerwerks vervielfacht sich die Feinstaubbelastung explosionsartig. Von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, die das Umweltbundesamt als normal einstuft, auf bis zu 4000. Asthmatikern bleibt die Luft weg, insbesondere in Ballungsräumen und Knaller-Hochburgen. Kinder und alte Menschen sowie chronisch Kranke sind besonders gefährdet. Dennoch steht ein flächendeckendes Verbot nicht ernsthaft zur Debatte.

Mit Rücksicht auf die traumatisierten Menschen, die aus Kriegsgebieten nach Deutschland flüchteten, untersagten viele Kommunen Feuerwerke in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften. Im Einzugsbereich von Kliniken und Seniorenheimen darf generell nicht geballert werden. Einzelne Städte wie Düsseldorf und Tübingen verbieten Böller und Raketen darüber hinaus in ihren Altstädten, Dortmund und Hannover in der Fußgängerzone und am Bahnhof. Grund ist auch, dass sich im Vorjahr Männer mit Böllern gezielt beschossen haben sollen. Ausdruck reiner Lebensfreude sind die Feuerwerkskörper offenbar nicht.

Das zeigt sich am ersten von drei offiziellen Verkaufstagen für die explosiven Güter. Stunden vor Ladenöffnung stehen Kunden Schlange – Szenen wie aus der Mangelwirtschaft. Immer lauter, greller, raffinierter werden die Produkte, um die sich die Fans einen regelrechten Wettlauf liefern. Mehr als 130 Millionen Euro gaben sie im vorigen Jahr für Batterien, Verbundfeuerwerke und Raketen aus – drei Viertel vom Sortiment sind Importware.

Früher ging es darum, mit Lärm und Licht die bösen Geister zu vertreiben. Heute geht es darum, es einmal richtig krachen zu lassen, sich besonders hervorzutun, die Nachbarn zu übertrumpfen – vordergründig betrachtet. Dahinter stecken womöglich die alten Motive, nur dass die bösen Geister in neuem Gewand erscheinen und Angst vor der Zukunft, Sorge ums Auskommen, vielfältige Befürchtungen und Ungewissheiten verbreiten.

In Krisenzeiten haben abergläubische Bräuche Konjunktur, und weil es als Ventil für Frust und Unzufriedenheit wirkt, mag manchen Politikern das Geknalle ganz recht sein. Sie stemmen sich mannhaft gegen die „Bevormundung“, die ein Verbot bedeuten würde, und suchen im Streit ums Böllern den Beifall der Massen.

Ganz anders bei einem anderen Silvesterbrauch: Bleigießen ist ungesund und neuerdings verboten. Zumindest dürfen die Figuren, die einen Bleigehalt von um die 70 Prozent haben, nicht mehr gehandelt werden. Das regelt die Chemikalienverordnung der EU. Die giftigen Dämpfe und die Anhaftungen des Bleis an den Händen stellen ernste Gesundheitsgefahren dar. Seit diesem Jahr ist Schluss damit. Es gibt unbedenkliche Alternativen wie flüssiges Kerzenwachs oder Kaffeesatz.

Auch für das Feuerwerk schlagen Kritiker Ersatz vor, etwa zentrale Veranstaltungen, die von Profis durchgeführt werden und sicherer, sauberer und mindestens genauso bestaunbar wären. Doch der Vorwurf der Spaßbremsen hält sich hartnäckig, selbst Brot für die Welt musste sich für die Aktion Brot statt Böller schon Lustfeindlichkeit unterstellen lassen. So kommt es wohl nicht von ungefähr, dass der traditionelle Spendenaufruf zum Jahreswechsel dieses Mal besonders viel von der Freude des Teilens spricht.

„Der Spaß, den ein Feuerwerk macht, ist nur kurz. Die Freude, die durch Teilen entsteht, ist von Dauer“, sagt die Präsidentin des Hilfswerks, Cornelia Füllkrug-Weitzel. Silvester mit Familie und Freunden feiern – das gehe auch, wenn man auf Böller, Raketen und Knallfrösche verzichtet. Die Stimmung einer Silvesterparty richte sich schließlich nicht nach der Zahl der abgefeuerten Knaller, und noch einmal: „Teilen macht Freude.“

Bildquelle:  Thomas Wolf, www.foto-tw.de / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

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Petra Kappe
Über  

Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


'Ausdruck reiner Lebensfreude oder gefährlicher Unfug: Streit um die Silvester-Böller' hat einen Kommentar

  1. 27. Februar 2019 @ 16:00 Katharina

    Ich denke, beim Feuerwerk kommt es sehr stark auf die Vernunft an. Ich freue mich jedes Jahr auf die Raketen und das Farbenspiel am Himmel, genauso freue ich mich aber jedes Jahr nicht auf die Vollidioten, die einfach nicht wissen, was sich gehört und wo der Spass vorbei ist.

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