Protestmarsch gegen den Hunger in Biafra

Biafra – Eine (bei uns) fast vergessene Tragödie

„Biafra? Nie gehört.“ So werden sie meisten Jüngeren unter uns auf die Frage reagieren, ob sie mit dem Wort „Biafra“ etwas anfangen könnten. Andere werden sagen: „Ja, irgendwo hab ich mal was über Biafra gehört, aber….“. Und wenn man dann entgegnet, das war mal ein Land, ein Staat in Afrika, werden die Schlauen in einem digitalen Atlas „blättern“, um anschließend zu sagen: „Gibt es nicht, Alter.“

Biafra hat es aber gegeben – drei Jahre lang. Am 15. Januar 1966 – vor 55 Jahren erhoben sich aufständische Offiziere gegen die Zentralgewalt Nigerias. Es waren überwiegend Militärs des Volks der Igbo. Im Mai 1967 gründeten sie den Staat Biafra, benannt nach alten Seekarten, die eine weite Bucht von Biafra vor dem Delta des Niger aufwiesen (mittlerweile ist die Biafra-Bucht in Bucht von Bonny umfirmiert, damit nur ja nichts mehr an den 1967 gegründeten Staat erinnere).

Zuvor hatte die Zentralregierung innerhalb Nigerias neue Länder- beziehungsweise Provinzgrenzen gezogen, die die Igbo vom erwarteten Ölreichtum abschnitten und die ökonomische Nachteile zementieren würden. Der darauf folgende Krieg, der am 15. Januar 1970 mit der Kapitulation der Igbo endete, war entsetzlich: 1969 waren die Truppen der Zentralregierung in Biafra eingerückt. Die dort Lebenden wurden zu tausenden ermordet, Hunderttausende verhungerten. Die Öffentlichkeit war schockiert, so muss ich schreiben, denn die Bilder von völlig abgemagerten Kindern mit aufgeblähten Leibern und aufgerissenen Augen wanderten rund um die Welt. Vier Jahre dauerten die Auseinandersetzungen an, mehr als eine Million Menschen sind sicher umgekommen, verhungert, ermordet, es gibt auch Aussagen, wonach die Zahl der Opfer bis zu vier Millionen Menschen betragen hat.

Nigeria war 1960 von der Kolonialmacht Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen worden war. Nigeria war und ist das, was man landläufig einen „Vielvölkerstaat“ nennt, also mit einer Reihe Ethnien, die eigene Sprachen, eigene Traditionen, oft auch unterschiedlichen Religionen aufweisen. In Nigeria war und ist das so – die ethnische Zugehörigkeit ist immer noch vielfach entscheidend für Aufstiegschancen und gesellschaftliche Bedeutung, für arm oder weniger arm.
Die britische Regierung, die frühere Ordnungsmacht und auch die Sowjetunion waren auf der Seite der Zentralregierung, rüstete deren Truppen aus, mit Schnellfeuerwaffen, Bomben und Flugzeugen. Die USA hielten sich offiziell raus. Frankreich hielt zu Biafra und den Igbo, der Vatikan ebenfalls, denn diese Ethnie war insbesondere durch irische Geistliche christlich- katholisch geprägt. Auf der Seite der Aufständischen waren zudem Israel und viele Menschenrechts- Aktivisten. Die heutige Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) ging aus der Biafra-Hilfe in Hamburg hervor.

Es war eine merkwürdige Situation. Der Konflikt um Öl und Chancen, Religion und Unabhängigkeit entzündete auf der etablierten Linken wenig Engagement. Ulrich Delius, später einer der Wortführer und Vorsitzenden der GfbV: “Bei vielen der orthodoxen Bewegungen passte das nicht so richtig ins Weltbild rein, eine ethnische Gruppe, die für einen unabhängigen Staat kämpft und Kolonialismus anprangert, gleichzeitig aber die Sowjetunion die Gegenseite direkt mit Waffen und auch politisch unterstützt. Und das war das Problem, dass man sehr schnell auf Granit biss, wenn man das kritisierte und ausgegrenzt wurde als Revisionist oder Ewiggestriger, weil man nicht die Führungsrolle der Sowjetunion anerkennen wollte.“

So bildete sich eine Art Allianz, die es später nicht mehr gab: Public Relations- Profis, von den Biafra-Regierenden und europäischen Sponsoren angeheuert, namhafte Journalisten wie der Erfolgsautor Frederick Forsyth („Der Schakal“, „Akte Odessa“ oder der durch den Krieg um Biafra inspirierte Roman „Hundes des Krieges“), der Weltkirchenrat, katholische Bistümer, ungebundene Leute wie der Erfolgsautor Andrew Vachss, der sich später in den USA dem Kampf gegen die sexualisierte Gewalt verschrieben hat, die gegen Kinder ausgeübt wird.

Ich möchte Akinwande Oluwole Soyinka, den aus Nigeria stammenden Literaturnobelpreisträger von 1986 nicht unerwähnt lassen. Er wurde 1967 von der Zentralregierung für zwei Jahre in Einzelhaft genommen, weil er sich um Frieden zwischen den verfeindeten Gruppen bemüht hatte.
Ganz und gar vergessen ist Biafra nicht. 2018 erschien im Verlag das Wunderhorn Chinelo Okparantas Roman „Unter den Udala Bäumen“ über diesen Krieg und dessen Tragödien. Es ist anrührende und zugleich sozial präzise Literatur. Die Autorin lebt heute in den USA, sie lehrt Literatur.
Es sind einzelne Erinnerungs- Teile. Das schreckliche, blutige „Puzzle“ dieses Krieges ist aber aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden.

Bildquelle: Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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