Deutscher Reisepass

Deutscher Pass macht Kinder klug

In den letzten Wochen des alten Jahres hat Nancy Faeser ein stattliches Arbeitspensum absolviert. Demokratie-Fördergesetz, Razzien gegen Reichsbürger, Kampfansage an Geldwäsche, Drogen- und Menschenhandel der Organisierten Kriminalität, Ende der unmenschlichen Kettenduldungen, Erleichterung der Einbürgerung: Als Bundesinnenministerin leitet die Sozialdemokratin ein Ressort, das ein breites Aufgabenspektrum umfasst, eine Schlüsselstellung für das gesellschaftliche Zusammenleben einnimmt und mit einem drängenden Erneuerungsbedarf konfrontiert ist.

Nach den lähmend langen Jahren, in denen Faesers Amtsvorgänger Horst Seehofer (CSU) sich jeder Modernisierung verweigerte, zukunftsweisende Reformen verschleppte und die wachsende Gefahr des Rechtsextremismus herunterspielte, gibt es viel zu tun. Den Reformstau aufzulösen, liegt nun an der SPD-Politikerin aus Hessen. Nancy Faeser braucht ein ausgeprägtes Durchsetzungsvermögen, wenn sie dem Anspruch des Koalitionsvertrags, mehr Fortschritt zu wagen, Geltung verschaffen will.

Für ihr Vorhaben, den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft zu erleichtern, erhält die Ministerin Rückenwind aus der Wissenschaft. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) weist in aktuellen Analysen darauf hin, dass ein frühzeitiger Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit die Bildungserwartungen und Bildungschancen erhöht. Kurz gesagt: der deutsche Pass macht Kinder klüger. Je früher sie ihn bekommen, desto besser sind ihre schulischen Erfolge.

Das BiB hat die Wirkungen der Staatsangehörigkeitsreform von 1999 untersucht und Hinweise darauf gefunden, dass die Einführung des Geburtsortsprinzips beim Erwerb der Staatsangehörigkeit die Bildungschancen der davon betroffenen Kinder begünstigt hat. Auch von der aktuell diskutierten Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes würden Kinder in Deutschland dem Institut zufolge profitieren.

30 Prozent der in Deutschland lebenden Kinder haben mindestens ein Elternteil mit eigener Migrationserfahrung. Mit dem Erlangen der deutschen Staatsangehörigkeit bei Geburt können sich sowohl Bildungserwartungen als auch schulische Leistungen von Kindern ausländischer Eltern erhöhen. Denn mit dem deutschen Pass steigen die Erwartungen von Kindern und Eltern hinsichtlich zukünftiger Schulabschlüsse der Kinder, und diese Erwartungen gelten als wichtiger Indikator für den Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen.

1999 wurde das Geburtsortprinzip ergänzend in das Staatsangehörigkeitsgesetz eingeführt. Danach erlangen Kinder ausländischer Eltern, die ab dem 1. Januar 2000 in Deutschland geboren wurden und von denen mindestens ein Elternteil bereits mindestens acht Jahre lang rechtmäßig in Deutschland gelebt hat und ein unbefristetes Aufenthaltsrecht besitzt, automatisch bei Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit. Das BiB stellte Vergleiche zwischen Kindern an, die im Jahr vor der Reform bzw. im Jahr nach der Reform geboren wurden. Zusätzlich verglich es Kinder, deren Eltern die vorgeschriebene achtjährige Aufenthaltsbedingung erfüllen, mit Kindern, deren Eltern diese Bedingung nicht erfüllen.

Die Ergebnisse belegen laut BiB, dass sich der Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit von Kindern bei Geburt positiv auf die Wahrscheinlichkeit auswirkt, wonach das Abitur der gewünschte und als realistisch angesehene Schulabschluss des Kindes und der Eltern ist. BiB-Bildungsforscherin Elena Ziege beziffert die Steigerung der Erwartung auf 14 bis 16 Prozent. Zugleich nehme auch die Wahrscheinlichkeit zu, dass das Kind nach der vierten Klasse tatsächlich ein Gymnasium besucht, und zwar um 16 Prozent. Der Effekt, dass eher ein Gymnasium besucht wird, lasse sich über die gesamte Schulzeit beobachten.

Weitere positive Effekte auf den Kitabesuch, die Deutschkenntnisse, das sozioemotionale Verhalten und die Schulleistungen führt das BiB aus anderen wissenschaftlichen Untersuchungen an. Daraus gehe auch hervor, dass sich durch den frühen Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit der Kinder die soziale Interaktion der Eltern mit Deutschen erhöht. Darüber hinaus verbesserten die Eltern ihre Deutschfähigkeiten und lesen häufiger deutsche Zeitungen, was sich wiederum positiv auf die Kinder auswirken kann.

„In der empirischen Forschung gibt es zahlreiche Hinweise darauf, welche positiven Auswirkungen ein früherer Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit auf die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland haben könnte – auch das sollte bei der gegenwärtigen Diskussion nicht außer Acht gelassen werden“, so BiB-Direktorin C. Katharina Spieß.

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Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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