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Die Mauer- ein Monstrum, Symbol einer Diktatur

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
13. August 2026
Hetzplakat der Adenauer CDU gegen Willy Brandt zur Bundestagswahl 1961

In der Sprache der SED war die Mauer ein „antifaschistischer Schutzwall“, für viele Deutsche war es „die tiefste Zäsur seit der doppelten Staatsgründung“, die „deutsche Teilung im Wortsinn zementiert“(Winkler). Aus Sicht des Ministerrats der DDR war die Schließung der Grenze zwischen Ost und West die Antwort auf die „systematische Abwerbung von Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik, ja regelrechten Menschenhandel“. Tatsächlich, so der Historiker Heinrich August Winkler, war der Bau der Berliner Mauer „der Offenbarungseid eines Systems, das auf Zwang beruhte und seinen Zusammenbruch nur dadurch abwenden konnte, dass es seine Bewohner gewaltsam am Verlassen des Staatsgebiets hinderte.“ Der Bau der Mauer mitten durch Berlin begann am 13. August 1961- vor 65 Jahren. Es sollte bis zum 9. November 1989 dauern, ehe die Mauer fiel. Über Nacht.

Erinnerungskultur nennt man es, wenn man wichtige geschichtliche Ereignisse, mögen sie schön oder hässlich sein, wach hält, wenn die Medien daran erinnern, was geschehen war, wenn in den Schulen darüber gesprochen wird, was einst war. Nur kurz zu den Medien: Der Bonner „Generalanzeiger“ hat die ganze Seite 3 dem Thema „Geteilte Geschichte“ gewidmet mit Bildern vom Bau der Mauer, von der Gedenkstätte an der Bernauer Straße, dem einstigen Stasi-Gefängnis, was heute Gedenkstätte Hohenschönhausen heißt, von den Mauerteilen an der East Side Gallery, dazu veröffentlichte das Blatt eine Reportage der Deutschen Presse Agentur(dpa) mit dem Titel „Geteilte Geschichte“. Leider fand ich in meiner „Süddeutschen Zeitung“ an diesem Tag keine einzige Zeile zu diesem Thema.

Teil des Warschauer Pakts

Dabei sollten wir alle Bescheid wissen, was die DDR damals war und was sie gemacht hat, gerade heute muss daran erinnert werden, da die Zeitzeugen aussterben und unsere Kinder und Enkel davon nur erfahren durch Erzählungen, durch Bücher, Zeitungen, durch Lehrerinnen und Lehrer. Gerade heute, da einige Kräfte dabei sind, diese nun wirklich hässliche und unmenschliche Geschichte schönschreiben zu wollen, so zu tun, als sei die DDR ein normaler Staat gewesen, wie die Bundesrepublik. Das war sie nicht, sie war Teil des Systems des „Sozialismus sowjetischer Prägung“, Teil des Warschauer Paktes, keine Demokratie, sie kannte keine Pressefreiheit, auch keine Meinungsfreiheit, wer das versuchte, riskierte, im Knast zu landen. Es gab auch nicht die Freiheit einer allgemeinen und geheimen Wahl, es gab nur die SED, alle anderen Parteien waren Blockflöten, sie hatten nichts zu melden, die SED ließ sie im Rahmen der von ihr selbst gestellten Maßnahmen leben. Wahlen wurden manipuliert, gefälscht also, was deutlich wurde in der Endzeit der  SED-Diktatur, als die Bürgerinnen und Bürger gegen den Schwindel protestierten. Mich hat gewundert, dass wir vor Jahren eine Debatte darüber hatten, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Natürlich war sie das, man frage all die, die der Willkür der SED und der Stasi ausgesetzt waren. Es gab nicht die Stärke des Rechts, sondern das Recht des Stärkeren.

Rückblick: In der Nacht zum Sonntag, dem 13. August 1961, erteilte SED-Chef Walter Ulbricht den Befehl zur Abriegelung der Sektorengrenze, die Einsatzleitung lag in den Händen von Politbüro-Mitglied Erich Honecker. Die Berlinerinnen und Berliner, darauf setzte das kommunistische Regime, seien abgelenkt durch das Wochenende, also schlug man zu, mitten in der Millionenstadt: mehr als 10000 Volks- und Grenzpolizisten, unterstützt von einigen tausend Mitgliedern der Betriebs-Kampfgruppen rissen am frühen Morgen das Straßenpflaster auf und errichteten aus Asphaltstücken, Pflasterteilen und Betonblöcken Barrikaden, sie rammten Betonpfähle ein und zogen Zäune aus Stacheldraht, der Anfang der am Ende 155 Kilometer langen Mauer. Aus diesem Absperrsystem wurde über die Jahre eine kaum zu überwindende Mauer mit Wachtürmen, Hundestaffeln, Selbstschussanlagen. Allein im Berliner Gebiet sollen nach Angaben der Stiftung Berliner Mauer 140 Menschen ums Leben gekommen sein, erschossen, ertrunken. Alle Fluchtversuche zusammen sollen, so die Stiftung, 915 Menschen das Leben gekostet haben.

Peter Fechter verblutete vor aller Augen

Gedenkkreuz für Chris GoeffroyDas bekannteste Opfer war Peter Fechter. Der 18jährige Maurer wurde am 17. August 1962 beim Fluchtversuch niedergeschossen und verblutete im Todesstreifen der Berliner Mauer quasi vor den Augen der Weltöffentlichkeit unweit des Checkpoint Charlie. Niemand wagte ihm zu helfen aus Angst, weder die Amerikaner noch die Westberliner Polizei. Es hätte ja erneut geschossen werden können. Erst nach einer Stunde bargen ihn die DDR-Grenzer, kurze Zeit später starb er. Der Fall löste eine grenzüberschreitende Wut aus und zeigte das ganze Ausmaß der Brutalität des SED-Regimes. Das letzte Mauer-Opfer war Chris Gueoffroy, der in der Nacht auf den 6. Februar 1989 im Alter von 20 Jahren erschossen wurde.

Ja, es gab einen Schießbefehl, auch wenn das offiziell bestritten wurde, Grenzsoldaten erhielten Prämien, wenn sie gewaltsam einen Flüchtling am unrechtmäßigen Verlassen des Arbeiter- und Bauernstaates gehindert hatten. So war das. Und nicht anders. Wie kann es da Zweifel an einem Unrechtsstaat geben?

„Die Mauer war für die Bürgerinnen und Bürger der DDR ein Gefängnis aus Beton“, so hat es Bundestagspräsidentin Julia Klöckner formuliert. Recht hat sie. Und diese Mauer bauten Ulbricht und Co, um einen Exodus zu stoppen. Zwischen der Staatsgründung 1949 und 1961 verließen rund vier Millionen Menschen die DDR, vor allem über die Übergänge an den Sektorengrenzen war die Flucht ziemlich einfach, man wechselte die Straßenseite, um Freiheit und/oder Wohlstand wegen. Dass Ostberlin an irgendeine Abriegelung dachte, dafür gab es Vorzeichen, aber kaum jemand hatte den irrwitzigen Plan eines Mauerbaus mitten durch Berlin im Sinn. Walter Ulbricht verneinte wenige Wochen vor dem 13. August die Frage des Korrespondenten der „Frankfurter Rundschau“ mit den Worten: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.“ Später, 1990, als die Mauer gefallen war, räumte Horst Sindermann, ZK-Mitglied der SED, ein: „Wir wollten nicht ausbluten, wir wollten die antifaschistisch-demokratische Ordnung, die es in der DDR gab, erhalten.“ Sie taten es gewiss auch deshalb, um ihre eigene Vormachtstellung nicht zu riskieren, mit allen Vorteilen, die Führungskräfte der SED genossen, einschließlich der Waren aus dem Westen, die sie bekamen, das normale Volk kannte Bananen nur aus dem Fernsehen.

Adenauer: Willy Brandt alias Herbert Frahm

Es soll nicht unterschlagen werden, dass der 13. August 1961 parteipolitisch im Westen von der CDU unter Konrad Adenauer missbraucht wurde. Der Gründungskanzler der Republik scheute sich nicht, den Kanzlerkandidaten der SPD, Willy Brandt, im Bundestagswahlkampf wegen seiner unehelichen Abstammung zu diffamieren. Willy Brandt alias Herbert Frahm, so sprach Konrad Adenauer. Und auf einem CDU-Wahlplakat warnte der Alte vor den Sozialdemokraten mit den Worten: „Alles, was seit dem 13. August in Berlin geschehen ist, ist eine beabsichtigte Hilfe Chruschtschows im Wahlkampf für die SPD und ihren Kandidaten Willy Brandt alias Herbert Frahm. Darum deine Stimme, CDU“. Wolfgang Schäuble, langjähriger CDU-Minister und Bundestagspräsident, hat dieses Verhalten Adenauers in seinen Erinnerungen als „unanständig“ bezeichnet.

Natürlich waren die DDR wie die Bundesrepublik die Folge des von den Nazis angezettelten Weltkrieges, des Überfalls auf Polen, des Krieges gegen Frankreich, des Vernichtungskrieges gegen die UdSSR, natürlich hatte alles 1933 begonnen, mit der Machtübergabe durch den greisen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg an Adolf Hitler, durch das Ermächtigungsgesetz, das alle Macht den Nazis übertrug. Allein die SPD lehnte das Gesetz ab, die Kommunisten waren schon verboten oder teils im Gefängnis, die anderen Parteien stimmten zu in der aberwitzigen Hoffnung, Hitler einhegen, also zähmen zu können. Das Ergebnis des Dritten Reiches ist bekannt, sechs Millionen Juden wurden ermordet, bis zu 60 Millionen Tote gab es im Krieg, weite Teile Europas waren zerstört, glichen einem Gräberfeld. Die Alliierten, also Amerika, Großbritannien, UdSSR, Frankreich, die Sieger über die Nazis, die Deutschland von der Diktatur befreiten, teilten das Deutsche Reich in vier Zonen auf, die Ostgebiete waren verloren, an Polen, die Sowjets. Im Westen entstand die Bundesrepublik, der Marshall-Plan half beim Wirtschaftswunder. Es war unser Vorteil, im Westen aufgewachsen zu sein, in einer Demokratie, die uns die Sieger gelehrt hatten, mit einer sozialen Marktwirtschaft, die den Wohlstand besorgte. Die DDR dagegen stand unter dem Joch der Sowjets.

Die Mauer ist Geschichte. Ich habe das Monstrum als Jugendlicher gesehen, vor dem Brandenburger Tor. Ein schreckliches Bild. Es machte einem  Angst, wenn man nach Ostberlin fuhr. Später, im Studium in den 60er Jahren, habe ich die DDR kennengelernt, die Mauer, die Grenzpolizisten, die Vopos, die Besucher aus dem Westen gern drangsalierten und schikanierten. Grau sah Ostberlin aus, abgewirtschaftet, nicht anders Bilder aus Weimar oder Gera, Rostock, Dresden und Leipzig. Ob die DDR 1989 pleite war, als die Mauer fiel, weil KP-Generalsekretär Gorbatschow dem kleinen Bruder nicht mehr helfen wollte? Gegen die friedliche Revolution von Teilen des Volkes, der Kirche? In Diskussionen mit DDR-Bürgern hörte ich immer mal wieder raus, auch sie hätten gearbeitet, etwas geschaffen. Ich habe das nie bestritten, sondern immer wieder darauf hingewiesen, dass es glücklicher Zufall für mich und andere war, im Westen aufzuwachsen. Man spürte und hörte die Distanz zwischen Ost und West, kein Wunder angesichts der vielen Jahre, die wir vor und hinter der Mauer getrennt gelebt haben.

Zu sehen sind die Pflastersteine

Man sieht nur noch die Pflastersteine, eingelassen in die Straßen, die den Verlauf der Mauer kennzeichnen. Auch wenn Parlament und Regierung ihren Sitz von Bonn nach Berlin verlegten, genauer ins einstige Ostberlin, wirkt die Teilung nach. Der Besucher der Hauptstadt erkennt die Unterschiede, die heute noch erkennbar sind zwischen West und Ost. Anderes kommt hinzu, was sie uns, den Wessis, vorhalten:  geringere Einkommen, kaum Erbschaften, keine Betriebsrenten, aber niedrigere Alterseinkünfte, die Arbeitslosigkeit höher. Es ist eine andere Zivilgesellschaft im Osten, weniger Wohlfahrtsverbände, Unternehmen oft ohne große Ausstrahlung, Auswirkungen der Teilung, die nicht überwunden seien, hat es die Ostbeauftragte, Elisabeth Kaiser, geboren in Gera ausgedrückt. Das ist wohl so, andererseits ist viel geschehen, gebaut, saniert, Milliarden DM sind in den Osten gepumpt worden. Ja ich weiß, mancher Wessi hat sich drüben eine goldene Nase verdient, wenn er gleich nach der Wende die schnelle Mark machte, ein Haus erwarb, das der Stasi gehörte und das er anschließend weiter verkaufen konnte. Einzelfälle. Führungskräfte aus dem Westen gingen rüber und verdrängten mögliche Kandidaten aus Dresden und Leipzig. Alles möglich, die Einheit war nicht nur schön, sie hatte auch viele Verlierer im Osten.

Was nicht geht, ist die politische Verklärung der DDR, ist, was der sogenannte Kabarettist Uwe Steimle kürzlich bei einer AfD-Veranstaltung betrieb und die DDR-Hymne anstimmte. Und dass Chatgruppen der Linksjugend Solid Elogen auf Erich Honecker anstimmten, den Ex-Staatschef. Und was wirklich erbärmlich ist, wenn BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht in ihren Wahlkampfreden darauf verweist, dass sie sich in der Gegenwart an die Endzeit der DDR erinnert fühle. Hat sie alles vergessen? Sie könnte mal mit ihrem Mann über diese Zeit reden, Oskar Lafontaine war Kanzlerkandidat der SPD. Die Wahrheit ist doch eher die, Frau Wagenknecht, wie es die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke gesagt hat: „Nostalgie im Privaten kann verständlich sein. Politische Verklärung einer Diktatur aber ist gefährlich.“ Und die Direktorin der Stiftung zur Aufklärung der SED-Diktatur, Anna Kaminsky, erinnerte anlässlich des Jahrestages des Mauerbaus an die „verheerenden Folgen dieser Diktatur für die Wirtschaft, Gesellschaft und politische Kultur, mit denen das vereinte Deutschland bis heute zu kämpfen hat.“

Mario Röllig, der einst in Stasi-Haft saß, weil er beim Fluchtversuch erwischt wurde, mahnt: „Wenn man heute hört, wir haben schon die DDR 2.0, das ist eine Verhöhnung der ehemals Verfolgten.“ Und es ist eine Verhöhnung der wirklichen Freiheitskämpfer damals in der DDR, 1989, zum Beispiel in Leipzig, wenn heute die Anhänger der AfD für sich reklamieren: Wir sind das Volk. Das sind sie sicher nicht. Sie waren gar nicht dabei.

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