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Ein Jubiläum mit Unbehagen – 70 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland

70 Jahre besteht der Zentralrat der Juden in Deutschland. Sicher, gerade hier bei uns, wäre das ein Grund zu feiern, wenn da nicht die Geschichte wäre, die braune Seite der Medaille, die der Nazis, die die Juden-Verfolgung und -vernichtung zur Staatsräson ihres sogenannten Dritten Reiches erklärt hatten. Dass es überhaupt wieder jüdische Organisationen in Deutschland gibt, das ist ein Grund zu feiern und denen zu danken, die den Mut hatten, sich hier im Land der Täter wieder anzusiedeln, hier zu leben, wo ihre Großeltern, Väter und Mütter, Brüder, Kinder, Verwandte einst diskriminiert, drangsaliert, entrechtet, verprügelt, verfolgt und ermordet wurden. Jüdisches Leben gehört längst wieder zum Alltag in Deutschland, Gott sei Dank, aber ein Unbehagen beschleicht jüdische Mitbürger auch an solchen Feiertagen, wie der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, einräumte. Ein Unbehagen, das sich auf Zahlen stützt: im Jahre 2019 gab es allein in Berlin, Brandenburg, Bayern und Schleswig-Holstein 1253 antisemitische Vorfälle.

Juden fühlen sich in Deutschland nicht mehr sicher. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel schämt sich, dass es so etwas wieder gibt, sie schämt sich ob des Anschlags von Halle, wo nur durch Glück ein Massaker in einer Synagoge vermieden wurde. „Es ist eine Schande und es beschämt mich zutiefst,“ so die Kanzlerin bei der Feier. Mit der Scham steht sie nicht allein, es geht manchem Deutschen so, wenn er mit der Geschichte konfrontiert wird, wenn er liest oder hört, dass Juden heutzutage wieder beleidigt werden, diffamiert. Und es ist eine Schande, wenn offizielle Vertreter der AfD wie Björn Höcke das Holocaust-.Mahnmal, das an die sechs Millionen ermordeten Juden durch die Nazis erinnert mitten in Berlin, unweit von Reichstag und dem Brandenburger Tor, als Mahnmal der Schande bezeichnen. Und diese AfD ist in allen deutschen Parlamenten vertreten, die Bürgerinnen und Bürger wählen sie, obwohl(oder weil) sie rechtsextremes Gedankengut vertreten, sie wählen einen wie Höcke, andere Namen erspare ich mir.

Rassismus und Antisemitismus

Juden in Deutschland, das ist eine Geschichte der schmerzhaften Erinnerungen, aber sicher auch ein kleiner Erfolg der Integration. Wer hätte denn gedacht, nach dem 8. Mai 1945, dass jemals wieder Juden freiwillig und gern in Deutschland leben, hier arbeiten, Freunde haben. Trotz des Rassismus und Antisemitismus, der einem gelegentlich schon Angst machen kann. So ergeht es ja Juden in Deutschland, ich müsste eigentlich genauer sagen: Deutsche jüdischen Glaubens, so hat es Ignaz Bubis einst formuliert, als er Präsident des Zentralrats der Juden war. Viele Juden, das haben wir in den letzten Jahren mehrfach gehört nach Anschlägen gegen jüdische Einrichtungen, trauten sich kaum, sich öffentlich als Juden zu erkennen zu geben. Dabei sind sie deutsche Bürger mit Pass und allem drum und dran. Aber Schuster weiß eben auch von Vorfällen zu berichten, die erschreckend sind. Nicht nur er bekommt Briefe und Emails mit eindeutig antisemitischem Inhalt. So hat ein Rabbiner mit einer Kippa richtige Feindschaft erfahren. Der Mann fuhr in der U-Bahn in Berlin, als ein gehbehinderter älterer Mann die U-Bahn betrat, der Rabbiner stand auf, um ihm Platz zu machen. Statt sich zu bedanken, sagte der Mann: „Das wird am Hass gegen euch nichts ändern.“ Ein Einzelfall? In Hannover wurde einem älteren Ehepaar der Fußabstreifer vor dem Haus angezündet und das Haus mit dem Wort „Jude“ beschmiert. Man schämt sich.

Die breite Unterstützung in der Gesellschaft ist da, 80 Prozent der Deutschen haben keine Vorurteile gegen Juden, aber 20 Prozent haben sie. Antisemitismus unter Muslimen gab es schon immer. In Berlin kam es bei einer Demonstration zu Parolen wie „Kindermörder Israel“ oder „Juden ins Gas“. Daraufhin kam es zu einer Kundgebung „Nie wieder Judenhass.“ Dass Synagogen überall in Deutschland bewacht werden, dass Polizeifahrzeuge dort stehen, gehört zum Alltag, gleichwohl empfinde ich ein komisches Gefühl dabei. Haben denn diese Juden-Gegner oder wie man sie bezeichnen will, nichts gelernt aus der schlimmen Geschichte?

Heute leben wieder rund 100000 Juden in über 105 Gemeinden in Deutschland. Bis 1933, so eine Volkszählung, wurden im deutschen Reich 502797 Juden gezählt, davon 144000 allein in Berlin. Es gab 65 Millionen Deutsche im Reich, 1939, nach dem sogenannten Anschluß Österreichs wurde die Völkszählung erneuert, jetzt zählten auch „Mischlinge“ und „jüdische Versippte“ dazu. Die neue Datei diente wenig später als Todesliste. In ganz Europa gab es bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 11 Millionen Juden, so hatte das die Wannseekonferenz unter Leitung vom SS-Obergruppenführer, Chef der Sicherheitspolizei  Reinhard Heydrich und  des SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann statistisch aufgeschrieben. Sechs Millionen ließen sie in den Vernichtungslagern umbringen, erschießen, vergasen, verhungern.

Und die Elite wirkte mit

Spätestens seit der berühmten Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker wissen wir von der Mitwirkung vieler Deutscher an den Verbrechen, wissen wir, dass sich viele weggeduckt haben, aber auch mitverdient haben an der Todes-Maschinerie. Nachzulesen bei Heinrich-August Winkler in seinem Band „Werte und Mächte“: „Um Millionen Juden zu ermorden, bedurfte es nicht nur eines Heeres subalterner Befehlsempfänger“. Erforderlich sei auch die Mitwirkung der Eliten gewesen, der hohen Beamten, der Richter, des Militärs, der Industriellen, die sich an der Vernichtung durch Arbeit beteiligt und daran verdient hätten, der Banken, die die Eheringe und das Zahngold ermordeter Juden in Devisen für das Reich verwandelten. Winkler zählt dann die weiteren Mitwisser und Mittäter auf wie Naturwissenschaftler und Techniker, die Ärzte, die an Juden schreckliche Experimente vornahmen. Er erwähnt die Juristen, die Unrecht in Nazi-Recht verwandelten, er erwähnt die Historiker, die der Lösung der Judenfrage vorgearbeitet hätten, indem sie dem Regime ihr Wissen angedient hätten. So erklärt sich vielleicht, warum es so wenig Widerstand gab gegen das Projekt des extremen Antisemitismus durch Hitler.

Bis Ende 1945 waren insgesamt 51 jüdische Gemeinden in Deutschland wiedergegründet worden. Welch ein Mut! Damals lebten noch 15000 Juden in Deutschland. Eine der ersten Gemeinden, die wiedergegründet wurden, war die Israelische Kultusgemeinde in München, ausgerechnet in der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“, wo die Nazis ihre Parteizentrale errichtet hatten- am Königsplatz. Jahrzehnte später, erst vor wenigen Jahren, wurde dort das NS-Dokumentationszentrum gebaut, aus einem brauen wurde ein weißes Haus. (Der Blog-der-Republik hat darüber berichtet.) 70 oder 75 Jahre Zentralrat, die jüdische Geschichte in Deutschland ist viel älter. 2021 steuert die jüdische Gemeinschaft in Deutschland auf ein noch größeres Jubiläum zu: Es geht um 1700 Jahre jüdisches Leben hier bei uns. 

Ja, es gibt jüdisches Leben in Deutschland. Zum Glück. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte die Rolle des Zentralrats aus Anlass des Jubiläums: Er sei eine „bedeutsame Stimme, die gebraucht und gehört wird“. Jüdisches Leben, das ist wahr, hat sich im Land in seiner ganzen Vielfalt entwickelt, aber die Bedrohung bleibt, betonte Steinmeier.

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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