Mädchenklasse in einer Schule in Afghanistan

Frauen und Afghanistan

„Holt sie da raus“! lautet ein aktuelle Schlazeile. Gemeint sind die Frauen in Afghanistan, die verzweifelt versuchen, den Flughafen von Kabul zu erreichen, und schon bei dem Versuch, ihr Leben aufs Spiel setzen. So sehr ich verstehe, was den Leitartikler dieser Überschrift einer deutschen Zeitung umtreibt, wäre es doch anmaßend, so zu tun, als ob von einem sicheren Schreibtisch in Berlin etwa, ein solcher Aufruf zu verantworten ist. Die Taliban jedenfalls drohen bereits, ihre Waffen gegen jede und jeden zu richten, die oder der noch nach dem Ultimatum versuchen, das Land zu verlassen. Wer über das Augustende hinaus den zivilen Flughafen in Kabul erreichen will, um aus Afghanistan zu fliehen, wird kaum eine Chance haben.

Selbstverständlich muss alles versucht werden, möglichst viele Menschen zu retten, deren Verbleiben und Überleben im Land nicht möglich ist. Frauen, Kinder, Väter rechtzeitig außer Landes zu bringen, die ansonsten den religiösen Fanatikern der Taliban oder ihrer Glaubensbrüder des Islamischen Staates (IS) ausgeliefert wären.

Aber statt vom sicheren Schreibtisch aus in Befehlsform „Holt sie da raus“ zu schreiben, wäre es gut, daran zu erinnern, wie  es zur Stationierung der US-Truppen und ihrer Verbündeten in Afghanistan kam, die sich nun wieder aus Afghanistan zurückziehen. Die Geschichte der vom al-Qaida in die Wolkenkratzer in New York gelenkten Flugzeuge und der unter den Trümmern begrabenen Opfer vor gut 20 Jahren hatte den Krieg und das Abenteuer Afghanistan für die USA und ihre NATO-Verbündeten ausgelöst. Weit weg von jeder Kenntnis und Erkenntnis der USA und ihrer Verbündeten hätten sie besser die Erfahrung der Sowjetunion eingeholt, die von 1979 an zehn Jahre lang Afghanistan besetzt hatte und 1989 aus Afghanistan den Rückzug antrat. Die USA halfen damals den Taliban mit Waffenlieferungen. Danach kam das Terrorregime und die Gründung des Islamischen Kalifats.

Ablesbar war es auch an der Rechtlosigkeit und gesellschaftlichen Rolle der Frauen im Islam und im Islamistischen Staat. Mädchen durften weder Lesen noch Schreiben lernen. Schulen für Mädchen gab es erst, als die USA  mit ihren Soldaten und schweren Waffen vor 20 Jahren die Taliban zum Rückzug aus Afghanistan treiben konnte, und auch Frauen ihr Recht auf Bildung und Ausbildung möglich wurde.

Und jetzt? Es sind vor allem die Frauen, die schon durch die Kleidung unsichtbar gemacht werden, wenn der ganze Körper von der Burka verschleiert und auch das Gesicht und die Augen hinter einer halbwegs von innen nach außen durchsichtigen Maske verborgen sind.

Vor allem sind Frauen im Widerstand gegen archaische männliche Überlegenheitsphantasien. Es wäre notwendig, nicht nur in der Innenpolitik Gleichberechtigung von Frau und Mann durchzusetzen, sondern auch in der Außenpolitik eine männerdominierte Rolle zu überwinden.

Die Einsicht des Außenministers, die Lage in Afghanistan falsch eingeschätzt zu haben, wird sich wiederholen, wenn Frauenrechte nur als Teil der Entwicklungshilfe, nicht aber als gewichtiger Teil der Außenpolitik insgesamt betrachtet werden.

Daran fehlt es. Wer die Antworten des Auswärtigen Amtes an hilfesuchende afghanische Mitarbeiter liest, in denen sie um Hilfe bei der Ausreise bitten, kann sich nur schütteln, wenn er  die kalten und ohne Verständnis geleiteten Antworten des Auswärtigen Amtes dazu zur Kenntnis zu nehmen. Die Frauen in Afghanistan trugen dazu bei, den gesellschaftlichen Veränderungsprozess durchzusetzen und Bildung und Berufsausbildung auch für Frauen als selbstverständlich anzusehen und  den militärischen Einsatz des Westens in Afghanistan positiv  zu begleiten.  Die Unglückswahl Donald Trumps begann die politische Führungsrolle der USA in der Welt aufzukündigen, mit der Folge des Rückzugs  aus Afghanistan in Geheimverhandlungen mit den Taliban.  Trumps Nachfolger Joe Biden verlängerte den Termin des Truppen-Abzugs bis Ende August. Die Hoffnung ist nicht groß, alle Helfer der westlichen Truppen in Sicherheit zu bringen, auch Journalistinnen und Richterinnen und alle, die um die Gleichberechtigung von Frauen in Afghanistan gekämpft und manches durchgesetzt haben.

Ob das Ende des Afghanistanabenteuers für den Westen wenigstens nicht blamabel wird,  kann  bis zum 31. August 2021 auf dem Flughafen von Kabul besichtigt werden.

Bildrechte: Pixabay, Bild von David Mark, Pixabay License

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Uwe-Karsten Heye

Der Print- und Fernsehjournalist arbeitete unter Gerhard Schröder als Regierungssprecher bevor er als Generalkonsul nach New York ging. Heye ist Autor mehrerer Bücher und bloggt vor allem zu den Themen Rassismus und Antisemitismus.


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