Biene

Für den Artenschutz die Wirtschaft in die Pflicht nehmen

Die nächste große Weltkonferenz, in der es um die Zukunft unseres Planeten geht, hat begonnen. Die Artenvielfalt ist für das Leben und Überleben auf der Erde mindestens ebenso wichtig wie der Klimaschutz; strenggenommen gehört beides zusammen. Nach dem enttäuschenden Ausgang des Weltklimagipfels im ägyptischen Scharm El Scheich, fällt es allerdings schwer, von der Weltbiodiversitätskonferenz in Montréal wirklich Großes zu erwarten.

Ja, die Umstände sind schwierig. Die COVID-Pandemie hat die 15. Konferenz der 196 Vertragsstaaten beeinträchtigt, sie findet geteilt und verspätet in Kanada statt in China statt, und die Vorbereitungen haben gelitten. Doch auch bei günstigeren Rahmenbedingungen blieben die Erwartungen gedämpft. Nach Jahrzehnten zäher Verhandlungen, magerer Ergebnisse und mangelnder Entschlossenheit ist mit einem großen Wurf, einem verantwortungsvollen Durchbruch für den weltweiten Artenschutz nicht zu rechnen.

Selbst wenn sich der Gipfel auf ein globales Abkommen einigt, das 30 Prozent der Flächen an Land und im Meer bis 2030 unter Schutz stellt, und auch wenn es dafür messbare und verbindliche Ziele gibt, selbst dann bleibt die Frage der Finanzierung ein Knackpunkt, an dem die wohlklingendsten Vorhaben scheitern. Ohne die weltweite Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen, die die Natur ebenso rücksichtslos wie profitgierig ausbeutet, wird es nicht zu einem wirksamen Schutz unserer Ökosysteme kommen.

Hier geht es darum, die Kosten des dramatischen Artenverlusts einzupreisen und nicht länger der Allgemeinheit aufzubürden; auch Kompensationszahlungen für den Verzicht auf die Nutzung natürlicher Ressourcen sind nötig. Zumindest müssten Umweltschäden, die durch jedes Wirtschaften und den Konsum verursacht werden, aus den Gewinnen beseitigt werden. Pestizide, Plastikmüll, Stickstoff und Phosphor, zum Beispiel, belasten die Natur in einem unerträglichen Maß. Auf ihren Verzicht jedoch ist angesichts der massiven wirtschaftlichen Interessen nicht zu hoffen.

Vor nunmehr 30 Jahren haben die Staaten der Welt auf dem Gipfel von Rio de Janeiro das Übereinkommen über die biologische Vielfalt verabschiedeten. Damals begann die Karriere des Wortes Nachhaltigkeit. Das Abkommen von Rio ist das erste internationale Regelwerk, das alles Lebendige in unserer Umwelt schützt und eine nachhaltige Nutzung der biologischen Ressourcen fordert. Danach ist die Vielfalt von Tierarten, Pflanzenarten, Lebensräumen und aller Gene zu schützen. Wälder, Flüsse und Pflanzen sind so zu nutzen, dass sie für kommende Generationen erhalten bleiben. Und Gewinne aus der Nutzung der Ressourcen sind gerecht aufzuteilen.

Das war tatsächlich eine historische Einigung, ein Meilenstein, aber leider nur auf dem Papier. Seither hat sich das Artensterben beschleunigt. Weltweit sind eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, und das Massensterben vollzieht sich in einem rasant wachsenden Tempo. Gelingt es nun in Montréal, einen Weltnaturvertrag zu unterzeichnen, wird sein Wert an der Verbindlichkeit, den Kontrollmöglichkeiten und einem fairen Ausgleich zwischen Nord und Süd zu messen sein. Um den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen, muss dem Wirtschaften gegen die Natur ein Ende gesetzt werden. Selbst unverbesserliche Optimisten zweifeln daran, dass die Staatengemeinschaft dazu die Kraft und das nötige Verantwortungsbewusstsein aufbringt.

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Die promovierte Medienwissenschaftlerin arbeitete mehr als 20 Jahre in der Politikredaktion der Westfälischen Rundschau. Recherchereisen führten sie u. a. nach Ghana, Benin, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, China, Ukraine, Belarus, Israel und in das Westjordanland. Sie berichtete über Gipfeltreffen des Europäischen Rates, Parteitage, EKD-Synoden, Kirchentage und Kongresse. Parallel nahm sie Lehraufträge am Institut für Journalistik der TU Dortmund sowie am Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus in Dortmund wahr. Derzeit arbeitet sie als freie Journalistin.


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