70 Jahre Israel: Für die Juden ein Ort der Flucht im Fall der Not

Er hat das wohl beeindruckendste Porträtfoto von David Ben Gurion, dem Staatsgründer, gemacht, den im Hubschrauber schlafenden Teddy Kollek, der war mal ein bekannter Bürgermeister von Jerusalem, fotografiert und den Moment festgehalten, als Menachem Begin, Ministerpräsident des Landes, auf dem Flug in die USA seiner Frau in die Schuhe half. Doch sein bekanntestes Foto zeigt die drei israelischen Fallschirmjäger 1967 im Sechs – Tage – Krieg an der Klagemauer. Dieses Foto „ist zu einem Merkmal der gesamten Nation geworden“. David Rubinger ist 1948 bei der Staatsgründung Israels 24 Jahre alt und hat in den folgenden mehr als sechs Jahrzehnten wie kein anderer Fotograf die Geschichte seines Landes in Bildern festgehalten.  Shimon Perez bezeichnete ihn als „den Fotografen der Nation im Werden“. Den 70. Geburtstag Israels hat er nicht mehr erlebt. Im März 2017 ist er im Alter von 92 Jahren in Jerusalem verstorben.

Tom Segev wird 1945 in Jerusalem geboren, ist bei der Staatsgründung drei Jahre alt, wächst in den folgenden drei Jahrzehnten in einem Land ohne Frieden auf. „Ben Gurion nahm in Kauf, dass das Leben in dem zu gründenden Staat eines ohne Frieden sein würde,“ sagte Segev kürzlich und ergänzte: „Und er hat damit auch die palästinensische Tragödie in Kauf genommen. 1947/48 ist genau das mit dem Unabhängigkeitskrieg und der Staatsgründung zum Tragen gekommen.“ Eingehend beschreibt Segev das in seinem gerade erschienen Buch „DAVID BEN GURION – Ein Staat um jeden Preis“.

Rubinger, 1938 als 15jähriger vor den Nationalsozialisten aus Wien über das Mittelmeer nach Palästina geflohen, tritt 1942 in den Dienst der britischen Brigade kämpft im zweiten Weltkrieg und im Unabhängigkeitskrieg in Jerusalem. In seinem in Deutschland 2010 erschienenen Buch „Israel durch mein Objektiv: Sechzig Jahre als Fotojournalist“ gibt es ein Foto, das ihn als Haganah – Angehörigen mit einem Gewehr in einem Unterstand zeigt: „Israel hat diesen Krieg entgegen allen Annahmen und gegen eine große Übermacht gewonnen,“ schreibt er unter anderem. Es ist ein spannendes Kapitel in diesem großartigen Band.

Ben Gurion- ein integrer Staatsmann

Mit seinem Werk – es gibt eine Dauerausstellung in der Knesseth – gehört er zu den wichtigen Zeitzeugen der Geschichte Israels, zu der er ein ambivalentes Verhältnis hatte. Er vermisste mehr und mehr den idealistischen Geist der Zeit der Staatsgründung, die er als sinnvoll, ja notwenig erachtete: „Der jüdische Staat muss bestehen, damit die Juden einen Ort haben, in den sie flüchten können, wenn sie müssen.“  Allerdings: Die Gebietsannexionen nach dem Sechs – Tage – Krieg betrachtete er sehr kritisch. Die Politik seines Landes auch. In einem Gespräch bei seinem letzten Besuch in Berlin im November 2015 spottete er über den Premier Benjamin Netanjahu: „Er verdient einen Oscar dafür, wie gut und überzeugend er den Premierminister spielt.“

Ähnlich kritisch äußert sich Tom Segev anlässlich der Vorstellung seines Buches: „David Ben Gurion war ein integrer Staatsmann – was ihn vom heutigen Premier Benjamin Netanjahu unterscheidet“. Der ist zwar auch durchaus beliebt, gilt jedoch nicht unbedingt als ehrenhaft. Und wie David Rubinger betrachtet der Autor Israel als eine „unfassbare, dramatische Erfolgsgeschichte“, mit einer recht ordentlich funktionierenden Demokratie. Für gefährlich hält Segev im 70. Jahr seines Bestehens für Israel die fortwährenden Angriffe von innen auf eben jene Demokratie, der gesellschaftliche Zusammenhalt stehe auf dem Spiel, es breite sich Rassismus aus, was die Palästinenser einschließe. David Rubinger formulierte das vor drei Jahren so: „Es muss ärger werden, ehe es besser wird.“

Eine Lösung des Konfliktes in Palästina hat David Rubinger ebenso wenig gesehen, wie es Tom Segev heute tut. Schon Ben Gurion habe in Kauf genommen, dass Israel ein Staat ohne Frieden sein würde. Und das ist ja auch eingetroffen. An eine Zweistaatenlösung würden weder die meisten Israelis noch die Palästinenser glauben. Vielleicht könne man den Konflikt managen, vielleicht gäbe es aber auch wieder einen großen Krieg mit den Palästinensern.

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Der Fernseh- und Radiojournalist arbeitete als Kulturredakteur und später als ARD Korrespondent in Washington und Mexiko. Seit 2002 ist Hafkemeyer Professor an der Berliner Universität der Künste.


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