Fragezeichen Türkei

GEFÄHRLICHE KRISE AM BOSPORUS

Niemand hat ein Interesse an einer wirtschaftlichen Destabilisierung der Türkei, so hat es gerade Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt. Doch die Fahrt ins Krisental ist seit langem im Gange und hat sich in den letzten Wochen dramatisch beschleunigt. Nur der Präsident der Türkei, Recep Erdogan, will dies einfach noch nicht wahrhaben. Vielmehr versucht er mit lauten Reden seinen Landsleuten zu verkünden, dass es eine heimtückische Verschwörung gegen die Türkei gebe und die Patrioten gegen diese Feinde von außen Front machen müssten.

Lira im freien Fall

Die Stärke einer Währung spiegelt wohl am besten auch die Stärke eines Landes und seiner Regierung wider. Seit Beginn diesen Jahres hat die türkische Lira mehr als 40 % ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar und dem Euro verloren. Alle, die es können, flüchten aus der Lira; in den letzten Tagen wurde gar eine Panik registriert. Dies ist das höchste Maß an Misstrauen gegen die Politik Erdogans, der nun im „Wirtschaftskrieg“ auf Allahs Hilfe setzt.

Grassierende Inflation

Allerdings dürfte es keine Wende zum Besseren und wohl auch keine himmlischen Wunder geben, die die gravierenden Fehler des Türkenherrschers einfach beheben. Denn diese gefährliche Krise ist weitestgehend hausgemacht. So bewegte sich die Inflationsrate seit langem um die 12, 15 und gar 20 %. Mit einer hohen privaten Verschuldung und staatlichen Ankurbelungsprogrammen war die türkische Wirtschaft kräftig gepusht worden; mit niedrigen Zinsen wollte Erdogan sein Wirtschaftswunder veranstalten. Nicht zuletzt deshalb bremste er seine Notenbank, die schon längst die Leitzinsen kräftig erhöhen und so die Inflation sowie die Neuverschuldung verringern wollte, einfach aus. Erdogan verkündete wie ein Sultan ex cathedra seine geldpolitische Weisheit, dass er mit niedrigen Zinsen die Inflation bekämpfen wolle. Mit dieser neuen Theorie scheiterte er krachend. Dass der Herrscher im Weißen Haus in Washington schließlich auch noch Sanktionen und Zölle gegen Importe aus der Türkei erließ, war für die Misere letztlich kaum entscheidend. Erdogan und Trump sind inzwischen ziemlich beste Feinde, obwohl die USA und die Türkei Partner der NATO sind; im Syrien-Krieg waren sie wegen der Kurden in einen Konflikt geraten. Erdogans Gegensanktionen werden in den USA kaum Eindruck machen.

Stabiler NATO-Partner

Lange Zeit galt die Türkei in der Tat als wichtiges NATO-Mitglied, das mit seinem guten Militär an der Grenze zum Mittleren Osten eine sicherheitspolitische Schlüsselrolle spielte. Diese Zuverlässigkeit könnte jetzt von Erdogan infrage gestellt werden. Seine Hinwendung in Richtung Russland und Iran ist nicht zu übersehen und gewiss mehr als ein taktisches politisches Manöver. Große finanzielle und wirtschaftliche Hilfe kann er indessen weder aus Moskau noch aus Teheran erwarten.

Hohe Devisen-Verschuldung

Immerhin sind türkische Banken derzeit mit über 230 Mrd. US-Dollar verschuldet. Hinzu kommen Devisenkredite der privaten Wirtschaft in Höhe von mehr als 300 Mrd. US-Dollar. Denn es war für Staat und Private aus der Türkei außerordentlich günstig, Anleihen und Kredite in Dollar, Euro oder Schweizer Franken zu niedrigen Zinsen aufzunehmen. Nun muss jedoch in diesen Fremdwährungen, für die Türken 40 bis 50 % mehr Lira aufzubringen haben, getilgt werden. Eine solche Schuldenlast wird durchweg nur schwer zu tragen sein. Davon sind französische und italienische, aber auch deutsche Banken als Kreditgeber betroffen, so dass einige Experten bereits eine Ansteckungsgefahr durch die Türkei-Krise befürchten. Nicht auszuschließen ist, dass die türkische Regierung bereits in Kürze Kapitalverkehrskontrollen einführen wird.  

Über 4 Mio. deutsche Touristen

Davon betroffen sind auch die deutschen Unternehmen – zum einen als Exporteure, zum anderen als Investoren. Im Jahre 2017 wurden Waren im Wert von gut 20 Mrd. € aus Deutschland auf türkischen Märkten verkauft; mit 1,5 % der gesamten Exporte ist das nicht viel. Rund 6.500 deutsche Firmen haben eigene Niederlassungen in der Türkei errichtet und beschäftigen dort etwa 120.000 Menschen. Viele Unternehmer überdenken allerdings ihr Engagement.

Für deutsche Touristen nimmt die Türkei als Reiseziel Platz 3 ein. Rund 4 Millionen Deutsche werden im laufenden Jahr ihren Urlaub dort verbringen; 2015 waren es 5,6 Millionen. Sie profitieren vom Währungsverfall der Lira vor allem bei Ausgaben im Land: Einst erhielten sie gerade einmal 4 Lira für 1 Euro, nun sind es etwa 8 Lira. Die Einnahmen aus dem Reiseverkehr sind für die Türkei von großer Bedeutung; in den letzten politisch turbulenten Jahren waren sie um rund 30 % eingebrochen.

 

 

Türkei-Hilfen von der EU?

 

Die Wirtschaftskrise in der Türkei ist ein weiterer Belastungsfaktor für die weltwirtschaftliche Entwicklung. Die Lösung der Probleme kann jedoch nur durch Präsident Erdogan in Gang gesetzt werden. Das setzt voraus, dass er die Dimensionen der Krise in seinem Land klar erkennt und nicht weiterhin mit verbalem Getöse zu vertuschen versucht. Zudem müsste Erdogan bereit sein, beim Internationalen Währungsfonds (IWF) um ein Hilfsprogramm zu bitten. Da er weiß, wie groß der Einfluss der USA auf den IWF ist und wie hart die Bedingungen eines solchen IWF-Programms sein werden, ist damit zu rechnen, dass die türkische Regierung zunächst einmal nach anderen Wegen suchen wird. Möglich wäre dabei auch die Bitte an europäische Staaten, der Türkei mit einem Euro-Darlehen in vielfacher Milliarden-Höhe zu helfen. Da Erdogan der EU bei der Lösung der Migrantenprobleme entgegengekommen ist, wird er dies bei möglichen Verhandlungen wohl auch ins Spiel bringen. Zudem könnte die EU mit finanziellen Nothilfen zu einer Neugestaltung der Beziehungen zur Türkei gelangen. Denn richtig ist: Die Türkei ist wichtig für Europa. Und die Türkei ist mehr als Erdogan. Ende September wird der türkische Präsident zu einem Staatsbesuch nach Berlin kommen. Hier könnte ein neues Kapitel der Beziehungen zwischen Europa und der Türkei aufgeschlagen werden.

Bildquelle: pixabay, user geralt, CC0 Creative Commons

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Friedhelm Ost

leitete die ZDF Wirtschaftsredaktion, bevor er unter Helmut Kohl Regierungssprecher und schließlich CDU-Abgeordneter im Bundestag wurde. Heute ist Ost weiter als Journalist und in der Politik- und Wirtschaftsberatung tätig.


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