Nein, ein erwachsenes Land sind wir noch nicht, gemeint Deutschland, aber wir müssen es endlich werden. Fordert der Journalist und Autor Holger Stark in seinem Buch „Das erwachsene Land“. Denn die Zeiten sind endgültig vorbei, da wir uns am Rockschoß der Amerikaner festkrallten, weil sie im Notfall für unsere Sicherheit gesorgt hätten. „Ohne Amerika kein Europa, ohne US-Soldaten keine Sicherheit-das war die Formel, die seit dem 2. Weltkrieg galt“, schreibt Stark im Klappentext des Buches. Donald Trump hat diese Zeiten endgültig für beendet erklärt, „die Amerikaner sind keine Freunde mehr“, so Stark weiter.
Und so nüchtern muss man es sehen und sagen, damit alle endgültig begreifen: Deutschland, Europa müssen allein für ihre Sicherheit sorgen. Und sie können das auch, wenn sie nur endlich aufhören mit der ewigen Jammerei. Wir müssen unsere Kräfte bündeln, die Ärmel hochkrempeln und in der EU das Einstimmigkeitsprinzip ins Archiv befördern, damit ein Kerneuropa mit Deutschland, Frankreich, Italien(Großbritannien wäre -obwohl nicht EU-Mitglied- dabei), Polen, Skandinavien würde sich anschließen, Ungarn wäre außen vor. 450 Millionen Menschen brauchen die Hilfe von 320 Millionen gegen einen Aggressor von 150 Millionen? Das war einmal.
Nach dem Abi nach New York
Holger Stark(Jahrgang 1970) hat Amerika kennengelernt, er berichtet seit 30 Jahren über die USA, er hat schon nach dem Abitur das Land der vielen Möglichkeiten bereist, etwas, um das ich ihn wirklich beneide, denn zu meiner Kindheit haben wir doch alle(oder fast alle) davon geträumt, mal die Freiheitsstatue aus der Nähe zu sehen, die Wolkenkratzer von Chicago, das Weiße Haus in Washington, einmal Kalifornien zu sehen oder in New York zu bummeln. Amerika, das war für mich, Jahrgang 1941, das erste Kaugummi von einem farbigen US-Soldaten, ein Stück Schokolade. Die Sieger über Hitler-Deutschland, unsere Befreier, wie ich später aus dem Mund des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker hörte, waren freundlich zu uns Kindern.
Später war ich des Öfteren in Washington, New York, in Boston, in Key West, El Paso, San Franzisco, hatte John F. Kennedys Berlin-Schwur im Ohr- Ich bin ein Berliner-, sah die Präsidenten Nixon, Reagan, Bush Senior und Junior, Obama, Biden, jetzt Trump. Amerika, da überwog stets das Positive, trotz des Vietnam-Krieges, der Napalm-Bomben. Da war Dankbarkeit gegenüber der Weltmacht, die uns, wie ich als Schüler lernte, Demokratie beigebracht und die mit dem Marshall-Plan Deutschlands Wirtschaftswunder mit ermöglicht hatten. Und George Bush Senior war ja der US-Präsident, der die Wiedervereinigung Deutschlands, auf westlicher Seite befördert hatte, anders als Margaret Thatcher. Sein Sohn war anderen Schlages, eher ein Cowboy-Politiker, der den Irak-Krieg vom Zaun brach, ihn mit einer Lüge begründete, ein Krieg, zu dem der SPD-Kanzler Gerhard Schröder sein Nein gesagt hatte. Ein Verdienst, das man nicht hoch genug einschätzen kann.
Von Liefer- und Menschenketten
Genug der mehr romantischen Betrachtung der Weltmacht USA, vor allem, seit Trump ihr Chef ist, der uns anders betrachtet, der Deals machen will, Geschäfte, dem Lieferketten wichtiger sind als Menschenketten, die für Demokratie und Freiheit demonstrieren. Trump wirft Deutschland vor, die USA über Jahrzehnte „beschissen“ zu haben. Weil wir angeblich viel zu wenig für unsere Sicherheit bezahlt hätten, das hätten die Amerikaner getan. Weil wir unsere Waren allzu billig in Amerika verkauft hätten, zu Lasten von US-Produkten. Also rauf mit den Zöllen auf deutsche Autos, Maschinen. Das Amerika Trumps ist mir fremd, es stößt mich ab, weil er ein nackter Kapitalist ist. Aber darüber sollen wir uns nicht täuschen, erfahre ich aus den Zeilen von Holger Stark: Dass die meisten Amerikaner ihr Land als einzigartig ansehen, es in Superlativen preisen, als einmalig, als herausgehoben, als Weltmacht, die überall für Frieden sorgt.
Und dennoch: Trump, das ist ein Wendepunkt in den Beziehungen zwischen USA und Deutschland, schreibt Holger Stark, der Amerika kennt, weil er drüben über Jahre als Korrespondent des „Spiegel“ gearbeitet hat. Stark analysiert die Entwicklung in den USA nicht nur aus tagesaktueller Sicht, er holt weit aus, blickt zurück in die amerikanische Geschichte, die ja ohne europäisches Zutun undenkbar ist, ohne die der Engländer, Iren, der Italiener, der Deutschen. Stark erklärt, warum viele Amerikaner nationalen Parolen wie „Make-America-great-again“ nachlaufen. Ihre kriegslastige Außenpolitik war und ist teuer, Amerika als Weltpolizist, das muss bezahlt werden, der normale Bürger leidet darunter.
Der leitende Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Stark ist stellvertretender Chefredakteur) stellt im Verhältnis Deutschland zu den USA die besondere Rolle Deutschlands für die USA als „unsinkbarer Flugzeugträger“ der Amerikaner heraus. Das sei ein Faustpfand, wenn es um Verhandlungen mit der Trump-Administration und um Kompromisse gehe. Von Rheinland-Pfalz aus fliegen die Amerikaner ihre Stützpunkte im Nahen und Mittleren Osten an, hier werden ihre bei Einsätzen in Afrika verletzten Soldaten in Krankenhäusern gepflegt, hier haben sie ihre Truppenübungsplätze, auf denen sie machen können, was sie wollen. Hier sind ihre Atombomben gelagert, die für die nukleare Sicherheit nicht nur Deutschlands sorgen.
Ohne Satelliten sind wir blind
Die Sache mit der Sicherheit hat also zwei Seiten, schreibt Stark, wobei die US-Überlegenheit klar sei in militärischer Technologie, in Satelliten, die ihnen und uns den Blick in ferne Krisenräume ermöglichen, die uns sonst verborgen blieben. Die USA wären zum Beispiel in der Lage, mit einem Knopfdruck einen Großteil der in den Händen der Bundeswehr befindlichen Waffensysteme auszuschalten. Stark zufolge bräuchte Europa eine vereinheitliche Rüstungsindustrie.
Die Stärke des Buches fußt auch auf den beinahe unzähligen Gesprächen, die der Autor mit Partnern auf höchster Ebene, mit Politikern, Kanzlern, Ministern, Diplomaten geführt hat. So kann er ziemlich genau die Probleme beschreiben, vor denen eine Angela Merkel stand, als Trump das erste Mal ins Weiße Haus einzog. Die Kanzlerin erkennt die Schwachstelle der deutsch-amerikanischen Beziehung und betont, dass Deutschland sich künftig auf sich selbst verlassen müsse, Konsequenzen aber zieht sie nicht. Vielleicht, weil sie nicht an eine gemeinsame deutsch-französische Alternative glaubt. Ihr Nachfolger von der SPD, Olaf Scholz, ist noch enger als Merkel an Amerika gebunden, er fliegt mehrfach zu Biden, um sich Rat zu holen oder sich auszutauschen. Auch Scholz kommt mit dem französischen Präsidenten nicht klar. Und Friedrich Merz, der Atlantiker, sucht die Nähe zu Macron und zu Italiens Meloni, weil er spürt, dass auf Trump kein Verlass ist, Europa muss sich zusammentun, lernen, eine Großmacht zu werden, die sich behauptet gegen China, Russland, die ihre Abhängigkeit von Amerika mehr und mehr löst, um eigenständig zu werden.
Die USA, das macht die Rede von Außenminister Rubio bei der Münchner Sicherheitskonferenz deutlich, wollen mit dem alten Westen und den Werten nichts mehr zu tun haben. Der Rechtsstaat, in dem die Stärke des Rechts ein hohes Gut ist, ist in Amerika nur noch was für Sonntagsreden, in der realen Politik Washingtons gilt das Recht des Stärkeren, also Putin gegen die Ukraine, Trump, der Grönland will und Kanada, auch wenn er sich das nicht so ohne weiteres einverleiben kann. Europa steht plötzlich dagegen.
Die Welt, in der wir leben, ist komplex. Das meint Holger Stark. Und er sieht in der Abwendung Trumps von Europa und Deutschland die Chance, auf eigenen Beinen zu stehen, erwachsen, eine richtige Nation zu werden. Europa muss neu denken, ohne den US-Schutz. Und das wird viel Geld kosten. Es ist ein Epochenbruch, mit dem etwas Neues beginnt, meint der Autor. Es ist ein klasse Buch, man nimmt es in die Hand und liest und liest und ist gebannt von den Erkenntnissen des Schreibers, der nicht umsonst ein preisgekrönter Journalist und Bestseller-Autor ist. Gerade in dieser Zeit sollte man das Buch lesen.












