Kardinal Wölki als Karnevalsfigur

Hirten im Glashaus

Es soll eine Woche der Wahrheit werden. Endlich – an diesem Donnerstag will Kölns Erzbischof Rainer Maria Woelki ein Gutachten veröffentlichen lassen, das die sexualisierte Gewalt in seiner Diözese aufdeckt, die Qualen der Opfer beschreibt, die Namen der Täter offenlegt und die Vergehen der Vertuscher in der Bistumsleitung schonungslos benennt. Schon fünf Tage später, am 23. März, will er dann mit Konsequenzen, auch und vor allem personellen, an die Öffentlichkeit gehen.

Mal wieder schlüpft er in die Rolle des schonungslosen Aufklärers, in der er schon vor zwei Jahren aufgetreten war, als er als einer der ersten deutschen Oberhirten ein Gutachten in Auftrag gab, das Tabula rasa machen sollte, alle Missbrauchsfälle der letzten Jahrzehnte aufdecken und vor der Veröffentlichung der Täter und Vertuscher nicht Halt machen sollte. Aber als sich der erste mögliche Vertuscher oder Verdränger, Stefan Heße, heute Erzbischof  von Hamburg und damals Personalchef  des Kölner Bistums unter dem verstorbenen Kardinal Meisner, mit juristischen Mitteln wehrte, dass sein Name im Zusammenhang mit verweigerter Aufklärung von Sexualdelikten genannt würde, stockte die Aufklärungsbereitschaft Woelkis. Er untersagte die Veröffentlichung des Gutachtens der Münchner Kanzlei Westphal Spilker Wastl.

Obwohl er vorgab, das Gutachten niemals gelesen zu haben, berief er sich darauf, die Veröffentlichung aufgrund juristischer Bedenken stoppen zu müssen.  Eine Begründung, die ihm in der Öffentlichkeit kaum jemand abnahm. Eher erweckte er den Eindruck, selbst zum Vertuschen beizutragen. Tausende Kirchenaustritte in Köln waren die Folge, Proteste von Laienverbänden und Priestern seiner Diözese ohne Ende. Seine Kollegen in der Bischofskonferenz blickten entsetzt nach Köln.

„Verheerend“, urteilte der Münchner Kardinal Rainer Marx über Woelkis Desaster. Nicht nur für die Opfer, nicht nur für die empörten Gläubigen. Sondern verheerend für die katholische Kirche in Deutschland. Denn die Schlagzeilen über die Aufklärungskatastrophe in Köln warfen ein Schlaglicht darauf, dass es auch in den meisten anderen Diözesen mit der Aufklärung nicht gut bestellt war. Mögen sie zunächst geglaubt haben, sich hinter dem Kölner Trauerspiel verstecken und alles auf den Buhmann Woelki abladen zu können, so wandten sich die Blicke in den letzten Wochen mehr und mehr darauf, dass es mit der Aufarbeitung andernorts auch nicht weit her ist. Der renommierte Hannoveraner Kriminologe Christian Pfeiffer, dem 2013 ein Aufarbeitungsvertrag zur Klärung sexueller Gewalt in deutschen Bistümern von der Bischofskonferenz unter deren damaligem Vorsitzenden Kardinal Marx entzogen worden war, nannte den Umgang mit Woelki „verlogen“ und griff dabei insbesondere den Münchner Kardinal an: „Wenn jetzt Marx über Woelki herfällt, dann ist das im Glashaus sitzen und mit Steinen werfen… .“

Auch wenn Woelkis Ablehnung des Wastl-Gutachtens für eine tiefe Krise in seinem Bistum gesorgt hat, könnte das jetzt von der Kölner Kanzlei Gehrke erstellte Gutachten, das am Donnerstag präsentiert werden soll, Maßstäbe setzen. Da jedenfalls ist die Zeitschrift „Christ und Welt“ sicher, wenn sie schreibt: „Was der Kardinal … veröffentlichen will, hat bis jetzt noch kein deutscher Erzbischof geschafft.“

Fragt sich nur, welche Konsequenzen Woelki daraus zieht, ziehen kann. Die Namen derjenigen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten an der Vertuschung in Köln beteiligt waren, sind bekannt. Die einen sind gestorben, andere im Ruhestand. Und auf die, die noch als  Weihbischöfe oder Bischöfe in Köln oder anderswo im Amt sind, hat Woelki kaum Disziplinarmöglichkeiten. Da ist der Vatikan gefragt. Wie lasch Rom mit solchen Vorwürfen umgeht, erfährt der Kölner Kardinal persönlich. Ihm wird vorgeworfen, die sexuelle Gewalt eines ihm  befreundeten, hochbetagten Priesters, der sich in den siebziger Jahren  an einem Kindergartenkind vergangen haben soll, nicht nach Rom gemeldet zu haben. Für Kirchenrechtler eine eindeutige Pflichtverletzung. Für den Vatikan jedoch, so beruft sich der „Kölner Stadtanzeiger“ auf unbestätigte Berichte aus Rom, lediglich Anlass, Woelkis Verstoß als unklug zu klassifizieren. Insofern könnte es sein, dass die „Kölner Tage der Wahrheit“ am Ende nicht auch Tage der Klarheit mit eindeutigen Konsequenzen für die Vertuscher im Bistum werden.

Teilen Sie diesen Artikel:
Keine wichtigen Nachrichten mehr verpassen!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und werden Sie einer unserer 5 131 Abonnenten.



Norbert Bicher

Als Parlamentskorrespondent der „Westfälischen Rundschau“ arbeitete Bicher als Journalist, bevor er 1998 Pressesprecher der SPD-Bundestagsfraktion wurde. Er war Sprecher des SPD-Fraktionsvorsitzenden wie auch des Bundesverteidigungsministers Dr. Peter Struck.


'Hirten im Glashaus' hat keine Kommentare

Als erste/r kommentieren

Möchten Sie Ihre Gedanken teilen?

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht