Covidioten-Party

Impfverweigerer: Das Leben der Anderen ist doch egal!

Am vergangenen Sonntag standen die demonstrierenden Kritiker einer „Corona-Diktatur“ und der Ankläger einer Nicht-Geimpften –„Tyrannei“ im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Der Ankläger in der Person des Weltärzteverbands- Präsidenten Ulrich Montgomery. Das ist schon sehr verwirrend. Hinzu kam am Sonntag: ein offenkundig verwirrter sächsischer Ministerpräsident Michael Kretschmer im ZDF. Er beklagte, dass im von ihm regierten Land 1,2 Millionen Menschen nicht geimpft seien, davon 300 000 über sechzig-Jährige. Sachsen hat vier Millionen Einwohner.

Man könne ja nicht zulassen, meinte Kretschmer, dass „alle in die Krankenhäuser kämen“, das halte auch das „beste Gesundheitssystem der Welt“ nicht aus. Die Ampel in „Berlin Mitte“ tue nichts das sei „verantwortungslos“, lenkte er von sich und seinen Regierungskünsten in Sachsen ab. Wo nötig müsse die 2 G-Regel gelten, am Arbeitsplatz am besten die 3 G-Regel. Und wenn das nicht ausreiche, komme wohl ein neuer Lock down. Es müsse also nun „zügig“ gehandelt werden, die Gesellschaft müsse „gemeinsam das Verhalten ändern“. Sein Hamburger Kollege Tschentscher ist da überschaubarer: Der 1. Bürgermeister der Stadt forderte die 2 G-Regel überall. Und in Nordrhein-Westfalen hat die CDU-geführte Landesregierung  Kommunen freigestellt, wie sie was gegen steigende Infektionszahlen anwenden. Ob Impfzentren wieder geöffnet werden, ob überhaupt, in der früheren Größenordnung oder verkleinert, ist ungeklärt. Wie gesagt: Das alles ist verwirrend.

2 G-Regel bedeutet: Zutritt zu Veranstaltungen öffentlicher wie privater Art haben nur noch diejenigen, die sich als  zwei Mal geimpft oder genesen ausweisen können. Bei der 3 G-Regel kommt der nachgewiesene, negative  Test hinzu. G steht hier für „getestet“. In Bayern ist ein PCR- Test erforderlich, Der PCR-Test ist ein Labortest, er ist sehr zuverlässig, was den Nachweis von Viren und Infektion betrifft, während der Schleimhäute –Laufkundschaft-Test diese Zuverlässigkeit nicht aufweist. 

Vor 20 Monaten hat unsere Gesellschaft „ungebetene Gäste“ bekommen: Viren, die unseren Körpern nicht bekannt sind, an die wir uns auf absehbare Zeit auch nicht anpassen können. Diese „ungebetenen Gäste“ attackieren Körperfunktionen. Sie bleiben sich dabei nicht gleich, sondern sie verändern sich. Sie können töten. Das tun sie auch, beziehungsweise führen sie zu akuten oder langfristigen schweren Erkrankungen. Viren haben nämlich ein „Problem“: Sie pflanzen sich aus sich heraus nicht fort wie Bakterien. Sie benötigen dazu einen Wirt. Je mehr Wirte, umso besser.  Wo wir Menschen zusammenrücken, in Räumen, in denen sich unser Atem, unsere „Abluft“ zusammenballt, funktioniert das  am besten.

Zu Beginn der durch diese Viren ausgelösten massenhaften Infektionen mit ihren Folgen lautete die Grundregel: Setzt die Zahl eurer täglichen Kontakte herab; begrenzt eure Kontakte so weit wie möglich. Auf dem  Weg vom März 2020 bis heute, bis November 2021 ging diese Grundregel verloren. Nun ist sie wieder da.

Anfangs ging es darum, die Kontakte unter mehr als 82 Millionen Menschen und von durchschnittlich über 20 pro Tag und Person so weit wie möglich zu senken. Nun geht es darum, die Kontakte

  • zwischen 70 v.H. der 82 Millionen und den restlichen 30 v.H. – das sind die 16 bis 17 Millionen Nichtgeimpften sowie
  • unter den Nichtgeimpften zu verringern.

Denn unter diesen 16 bis 17 Millionen nicht geimpften Menschen steigt die Infektionsrate und dementsprechend die Zahl der Erkrankten steil an. Sie sind es, die zu drei Viertel die Intensiv-Stationen der Krankenhäuser füllen. Das restliche Viertel entfällt Geimpfte, vor allem auf ältere Menschen mit Vorerkrankungen und Risiken wie beispielsweise Diabetes.

Ja, es ist auch richtig, dass die Zahl der Betten mit der Möglichkeit der Intensivbehandlung und –pflege abgenommen hat. Das ist überwiegend der Tatsache zu verdanken, dass es zu geringe Zahlen Fachpersonal gibt und manche Fachkraft nach den 20 Monaten zu erschöpft ist, als dass sie voller Kraft weiter arbeiten könnte. Krankenhäuser mit vielen speziellen und mit hochentwickelten Heilungsmöglichkeiten brauchen   so etwas wie gute Pflege und Reha- Möglichkeiten für sich selber, nicht nur für Patienten.

Niemand verbietet übrigens dem erwähnten Drittel, sich impfen zu lassen. Es will sich nicht impfen lassen, weil es irgendwelchen Vorstellungen und Behauptungen und auch Verschwörungsideen folgt. Einer Forsa- Umfrage aus der vergangenen Woche zufolge wollen sich etwa 90 Prozent der nicht Geimpften auch dann nicht impfen lassen, wenn sie deswegen eine Covid 19- Infektion riskieren und erkranken. Da ist eine Verhaltensänderung, wie sie Sachsens MP vorschwebt sehr schwierig. 

Um die Vorteile einer Impfung zu begreifen. bedarf es keines Doktortitels, keiner Professur und keines Mandats durch Wahl. Die kann jeder und jede begreifen. Seit Jahrhundertern werden in winzigen Dosen abgeschwächte Viren geimpft, um den Körper zu einer Reaktion und zur Bildung von Antikörpern zu bewegen. Neuartige Impfstoffe auf der Grundlage von Ribonukleinsäure liefern dem Geimpften eine Art Anweisung, wie sein Körper sich gegen ein neues Virus zur Wehr setzen kann. Die DNA im Zellkern bleibt unberührt, der Botenstoff  mRNA wird aufgelöst.

In jedem Biologie-Leistungskursus wird dieser Vorgang richtig dargestellt. Meist finden sich in den sogenannten „sozialen Netzwerken“ Leute, die keinen Leistungskursus dieser Art erfolgreich absolvieren  würden, die aber dennoch wie Experten auftreten, gelesen werden und denen man glaubt. Man beruft sich auf halbe Promis wie einen Neffen von John F. Kennedy, Robert F. Kennedy, als habe ein solcher Nachname Beweiskraft („…. three month later their brain is gone. This is a holocaust…“)

Das Problem entsteht nicht allein auf der Ebene des Verstehens. Es entsteht auch da, wo jeder und jede entscheiden muss, was für ihn oder sie wichtig ist. Oder weniger wichtig. Auf dieser Ebene ist unsere Gesellschaft eben nicht mit einer strapazierfähigen „moralischen Haut“ ausgestattet, sondern sehr dünnhäutig.

Eine der klassischen „was ist wichtiger als…“- Debatten in der Nachkriegsgeschichte unseres Landes war die über die Pflicht sich im Auto anzugurten oder sich die Freiheit zu nehmen und sich nicht anzugurten. Auf der Ebene des Verstehens und der Fakten gab es nichts zu deuteln. Der Gurt schützte vor Tod und Leid und körperlichem Schaden.

Die Gegenseite sagte: Der Staat greift in meine, mir verbriefte Freiheit ein, um mir eine Pflicht aufzuzwingen. Warum überlässt der Staat die Entscheidung darüber nicht mündigen Bürgerinnen und Bürgern? Die wissen es doch besser. 1976 wurde das Anschnallen im Auto Pflicht. Und jetzt? Verletzt wird diese Pflicht immer noch. Wahrscheinlich massenhaft. Man darf sich eben nicht erwischen lassen.

Der ADAC hat vor Jahren untersucht, wie viele der im Auto und durch Unfall zu Tode gekommenen Menschen nicht angeschnallt waren: 17 Prozent. Fachleute meinen, unter diesen 17 Prozent befänden sich zwei Prozent, die als „Gurtmuffel“ bezeichnet werden könnten, die sich grundsätzlich nicht anschnallten. 40 Millionen Menschen fahren in Deutschland Autos. Ob es nur zwei Prozent oder 800 000 sind, weiß niemand genau.

Das Mobilitätsmagazin von Bußgeldkatalog.org hat in diesem Jahr nachgefragt: Danach hielten 53 Prozent der Befragten Bußgelder auf Verstöße gegen die Anschnallpflicht nicht für zu niedrig. Fakt ist: Wer mehrere Kinder  nicht angeschnallt mitnimmt, zahlt 35 € Bußgeld. Mehr nicht. Wer „mehrere Kinder ohne jegliche Sicherung im Auto mitgenommen (z. B. kein Gurt + kein Kindersitz)“, zahlt 70 €, wenn er erwischt wird und kriegt einen Minuspunkt  auf seinem Flensburger Punktekonto.  Das soll nicht zu niedrig sein? Daraus zu schließen, die Deutschen wären sich  der Risiken und der Gefahren ihrer Entscheidungen durchaus bewusst, ist sehr gewagt. Das gilt mit Sicherheit auch für die Frage des Impfens. Ohne Zwang werden sich hier zu wenige aus dem Lager der Impfgegner in das der Geimpften bewegen.

Bildquelle: Pixabay, Gerd Altmann (geralt), Pixabay License

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Klaus Vater
Über  

Redakteur 1972 und bis 89 in wechselnden Redakteursaufgaben. 90 bis 99 wiss. Mitarbeiter der SPD-Bundestagsfraktion, Büroleiter Dreßler, 2000 Sprecher Bundesarbeitsministerium, dann des Bundesgesundheitsministeriums, stellv. Regierungssprecher; heute: Publizist, Krimiautor, Lese-Pate.


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