Judas und Jesus

Judas und die Union

Worum geht es in der Politik? Die Antwort: „Es geht nicht um persönliche Sympathie, Vertrauen oder Charaktereigenschaften. Es hilft nichts, wenn jemand nach allgemeiner Überzeugung absolut kanzlerfähig ist, aber dieses Amt nicht erreicht, weil die Wählerinnen und Wähler ihn nicht lassen.“

So begründet der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) seine Abkehr von Armin Laschet als Kanzlerkandidat und seine Volte hin zu Markus Söder. Vor ein paar Tagen noch hat  Haseloff als Mitglied des CDU-Präsidiums für Laschet gestimmt, mit ihm ohne Gegenstimme auf der gleichen Linie das komplette Parteigremium wie alle Landesverbände und CDU-Vereinigungen.

Haselhoff ist sicher als Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken die Geschichte vom Verrat Jesu durch Judas in Erinnerung, die vor einer guten Woche noch in den österlichen Gottesdiensten thematisiert wurde. Mit seiner beschämenden Kehrtwende versucht dieser sich christlich nennende Politiker wohl seine „Silberlinge „zu retten. Am 6. Juni dieses Jahres will er offenbar bei den Landtagswahlen mit einem Söder-bonus sein Ministerpräsidentenamt retten.

Ins gleiche Horn bläst auch der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans in einem Interview mit der “Welt”. Er sieht ebenfalls Meinungsumfragen als “wichtigen Hinweis” für eine Kandidatenaufstellung. Ja, er will den Präsidiumsbeschluss nicht als Votum für Laschet sondern auch als Vorschlag für Söder gesehen haben.  Erkenntnisse, die erst jetzt bewusst werden, wenn der Wind der Meinungsumfragen zu einem Orkan mutiert ist, der nun die Bastion Laschet wegfegt?

Eine Bewegung scheint sich in der CDU breit zu machen: Das Wort von gestern gilt nicht mehr, der Treueschwur der christlichen Eidgenossen eine Floskel nur, Verantwortung gegenüber den Wählern, Treu und Glauben in öffentlich beschworene Absprachen, alles nur Mumpitz, der Verrat hat Hochkonjunktur, der Wähler wird`s wohl vergessen.

Selten demaskiert sich so offen eine moralische Doppelbödigkeit in der politischen Klasse, wie im Kampf der beiden Unionsschwestern. Man muss Armin Laschet nicht mögen, ich halte ihn auch nicht für besonders führungsstark in der Pandemiebewältigung, aber das trifft auch auf andere Ministerpräsidenten zu, insbesondere auf den in Bayern, der allerdings in seiner politischen Charakteristika eine außergewöhnliche Wetterwendigkeit aufweist.

 Doch was jetzt in dieser schwierigsten Krise der deutschen Nachkriegsgeschichte in der Union sichtbar wird, ist nicht nur die Skrupellosigkeit im Umgang mit ihm und miteinander, sondern vor allem eine Verantwortungslosigkeit gegenüber den historischen Problemen dieser Zeit. Selbstzerfleischung der größten Regierungspartei mit Maskendeals und Korruptionsvorwürfen, ein Tragödien-stadel mit einem fränkischen Strippenzieher, dem gleichwohl alles bei den Bundestagswahlen auf die Füße fallen kann. Dem stehen Klimawandel, Staatsverschuldung, Pandemiebekämpfung, USA-China Konflikt, Ukrainekrise, oder das aggressive Russland um nur einige Themen zu nehmen, gegenüber.

 Sozialdemokraten, geübt im Abschuss ihrer Vorsitzenden, sollten sich überlegen, wie lange sie dieses unwürdige Spiel noch mitmachen, ob sie nicht noch weiter in die in die Abwärtsspirale gezogen werden. Die Kanzlerin schweigt ohnehin, als ob sich diese Tragödie in einer anderen Welt und nicht in ihrer Partei, deren Vorsitzende sie noch bis vor einem Jahr war, abspiele. Aber, für wen und wie sollte sie

Sie in diesem Diadochenkampf auch Partei ergreifen?

Die lachenden Dritten, die Grünen, präsentieren nächste Woche ihren Kandidaten. Wohl so politisch gesittet, wie es die einstigen Volksparteien vormachten. 

Bildquelle: Pixabay, Bild von Antonio López, Pixabay License

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Martin Schmuck

Als Journalist arbeitete Schmuck für die DPA und den WDR und leitete das ZDF-Landesstudio NRW in Düsseldorf bevor er Sprecher des Bundesfinanzministers unter Peer Steinbrück wurde. Heute ist der Autor Kommunikationsberater.


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