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Home Politik

Nach 78 Jahren erstmals eine Frau als Staatsoberhaupt – Ilse Aigner wird Bundespräsidentin

Alfons Pieper Von Alfons Pieper
8. November 2026
Schloss Bellevue

Bundeskanzler, CDU-Chef Friedrich Merz hat beim Abendessen mit dem CDU-Präsidium gesagt, er werde Ilse Aigner als Kandidatin der CDU für das Amt des Bundespräsidenten vorschlagen.

In Deutschland leben mehr Frauen als Männer, knapp 42.3 Millionen Frauen und 41.1 Millionen Männer, anders formuliert: auf 1027 Frauen kommen 1000 Männer. Wir haben also einen Frauen-Überschuss. Gemessen daran klingt es wie ein Witz, dass es zwischen 1949 und heute keine einzige Frau als Staatsoberhaupt( und nur eine Kanzlerin)gab. Theodor Heuss, Heinrich Lübke, Gustav Heinemann, Walter Scheel, Karl Carstens, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog, Johannes Rau, Horst Köhler, Christian Wulff, Joachim Gauck, Frank-Walter Steinmeier. 12 Männer. Lichtgestalten? Lassen wir das und bleiben sachlich: Denn jetzt, nach bald 78 Jahren, heißt es, sei die Zeit reif für eine Frau im höchsten Amt, das diese Republik zu vergeben hat. Ilse Aigner(61) soll es werden, CSU-Mitglied, Präsidentin des Freistaats Bayern. Der Kanzler und CDU-Chef Friedrich Merz habe sich festgelegt (oder durchgerungen?), ohnehin hatten sich mehr und mehr Granden der CDU für Aigner ausgesprochen, SPD und Grüne hatten längst grünes Licht gegeben, dass AfD und Linke dagegen sind, spricht für Ilse Aigner. Sonntag und Montag werden das Präsidium und der Bundesvorstand der CDU Ilse Aigner als Kandidatin für die Wahl des Bundespräsidenten am 30. Januar 2027 vorschlagen. Es ist also entschieden.

Beliebt wie Klopp

„Beliebt wie Jürgen Klopp“, überschreibt die „Süddeutsche Zeitung“ ihren Kommentar zum beliebtesten Thema der deutschen Politik der letzten Monate. Allein die Disziplin ist eine andere, beim Bundestrainer geht es nur(pardon) um Fußball, Ilse Aigner soll dem ein wenig zerrissenen, jammernden und an sich zweifelnden Land mehr Sympathie geben, wenn man so will. Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, auch etwas mehr Fröhlichkeit wäre durchaus am Platz. Das Glas darf ruhig mal halbvoll und muss nicht immer nur halbleer sein. Ilse Aigner wird- wie einst der Fußballmann- von einer breiten Zustimmung getragen, den Ministerpräsidenten im Osten des Landes, vom grünen MP in Baden-Württemberg, vom SPD-Chef Lars Klingbeil und dem SPD-Fraktionschef Miersch, der saarländischen Regierungschefin Anke Rehlinger(SPD), von Kommunalpolitikern vieler Parteien. Und. Und. Und. So viel Zustimmung, so viele Rufe erhielt nur der frühere Fußballer aus Mainz, der Meistertrainer von Dortmund und Liverpool.  so die SZ. Es bleibt das Rätsel des CDU-Vorsitzenden und Bundeskanzlers Friedrich Merz, warum er so lange gezögert hat. Warum so viele andere Namen genannt wurden, warum es plötzlich ein Jurist sein müsste, weil juristische Fragen in der nahen Zukunft eine wichtige Rolle gerade im Schloss Bellevue spielen könnten. Als wäre das je eine Bedingung gewesen für das Amt. Johannes Rau war Buchhändler, Joachim Gauck Pfarrer. Und: im Präsidialamt wimmelt es von lauter Juristen. Was also sollte diese Debatte? Die Lücke schließen, die der entscheidungslose Kanzler wieder mal hinterließ?

Eine Frau soll es also richten. Weil die Männer es nicht hinkriegen? Das mit der miesen Stimmung, der zumeist schlechten Laune vieler Bürgerinnen und Bürger. Soviel kann ich Ilse Aigner absprechen: Sie ist kein Conférencier, pardon es muss natürlich Conférencière heißen, keine Ansagerin oder Moderatorin, die auf die Bühne kommt und ein paar Witze reißt, damit der Saal in Stimmung kommt, die Menschen jubeln. Wir brauchen nicht einfach, wie sich das manche Herren vorstellen, weil sie selber niemanden haben, eine Nette im Präsidialamt. Da würde man Ilse Aigner unterschätzen. Wer sie erlebt hat im Landtag, wie sie die vor allem Herren der AfD gelegentlich zur Rede gestellt hat, weil die immer dazwischen pöbelten. Das hatte was und sie hat sich Respekt verschafft. Schon vergessen, wie Ilse Aigner vor Jahr und Tag Hubert Aiwanger, den Freie-Wähler-Chef in Bayern und Wirtschaftsminister, nach dessen Auftreten in Erding klar machte, dass sich sein Benehmen und seine Wortwahl nicht vertrügen mit dem Amt des stellvertretenden Ministerpräsidenten in Bayern? Aiwanger hatte den Tausenden von Zuschauern zugerufen, man werde sich die „Demokratie zurückholen“ und die in Berlin hätten wohl den „Arsch offen“. Ilse Aigner stellte öffentlich klar, dass diese Demokratie nicht weg sei, nicht von irgendjemand geraubt sei, diese Demokratie sei da, auch wenn das dem einen oder anderen nicht passe.

Geschichte kann sich wiederholen

Oh ja, diese Ilse Aigner hat mehrfach ihre Klasse gezeigt, die manche ihr nicht zugetraut hatten, weil sie ja so bodenständig ist, aber letzteres schließt ja das Politische nicht aus. Bei einer Gedenkveranstaltung für Opfer des Nationalsozialismus  warnte sie vor einer Wiederholung der Geschichte. „Extremisten von rechts und links, radikale Muslime und Feinde der Freiheit aller Art tanzen uns auf der Nase herum“, sagte sie in Nürnberg. „Viel zu lang waren wir sprachlos. Tatenlos“. Deutschland müsse Antworten auf Fragen geben, wie: „Was läuft falsch, wenn jüdische Menschen wieder anfangen, sich zu verstecken? “ Denn Geschichte könne sich wiederholen, warnte sie, „wenn wir sie nicht aufhalten“. Sie forderte ein härteres Vorgehen des Rechtsstaats gegen Antisemitismus. „Die Meinungsfreiheit darf kein Freifahrtschein sein für Antisemiten.“ Wer Juden „den Tod wünscht, wer Israel als jüdischen Staat das Existenzrecht abspricht, muss empfindlich bestraft werden.“

Regelmäßig hat Ilse Aigner die historische Verantwortung der Deutschen für die Verbrechen des Nationalsozialismus betont und gewarnt vor der Geschichtsvergessenheit und der Verharmlosung der NS-Diktatur. Der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel warf sie vor, durch falsche Behauptungen gezielt die deutsche Geschichte umdeuten zu wollen. So sei die Aussage, der NS-Diktator Adolf Hitler sei ein Kommunist gewesen, eine perfide Verhöhnung der Opfer, sagte Aigner bei einer Veranstaltung im einstigen KZ Dachau. Schließlich waren in den KZs  nicht nur Juden, sondern auch Sozialdemokraten und Kommunisten interniert. Mit Blick auf die Befreiung der KZs und das Kriegsende sagte die CSU-Politikerin: „Wer die Erinnerung als irgendwie lästig empfindet, der verkennt bewusst, dass unser Grundgesetz, dass unsere freie und offene Gesellschaft die Antwort war und ist auf Millionen Tote, auf Krieg und den Nationalsozialismus. Es ist der Gegenentwurf.“ Aigner räumte ein: „Wir haben das Versprechen „Nie wieder“ gebrochen.“

Bescheiden und selbstbewusst

Die große CDU wählt also eine Kandidatin der kleineren CSU. Das tut sie nicht, weil endlich mal jemand von der CSU ins höchste Amt müsste. Und auch das Argument, die Zeit sei reif für eine Frau im Schloss, verkennt die Qualitäten der Ilse Aigner. Sie ist keine Kompromisskandidatin. Sie ist in ihrem bescheidenen Auftreten auch auf positive Art selbstbewusst, nicht rücksichtlos. Dass ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sie vorschlug, kann man als ein Stück ausgleichende Gerechtigkeit werten. Söder und Aigner starteten in der Politik gleichzeitig, sie mit 29, er mit 27 Jahren. Söder galt immer- und war es auch- als der ehrgeizigere, robustere Politiker, der mit aller Kraft nach oben drängte. Und als es um das Endspiel ging, wer Ministerpräsident in Bayern werden soll, sie oder Söder, setzte sich der Franke gegen Seehofer, der ihn verhindern wollte, und Aigner durch. Um jeden Preis, mit aller Macht, das wollte sie nicht, also ließ sie den Markus vor. Der war mehr wie Franz-Josef Strauß. Und dem eiferte Söder ja auch nach. Bis heute.

Ilse Aigner ist keine Karrieristin, obwohl sie Karriere gemacht hat. Sie ist keine Akademikerin, nach ihrem Realschulabschluss machte sie eine Ausbildung als Radio-und Fernsehtechnikerin und später eine Fortbildung zur staatlich geprüften Elektrotechnikerin. Sie arbeitete in der Hubschrauber-Entwicklung. Früh wurde sie Mitglied der Jungen Union, dann der CSU, zog in den Landtag ein. Wurde Bundestagsabgeordnete, Bundesagrarministerin im Kabinett von Angela Merkel, dann ging es zurück nach München in die Regierung von Horst Seehofer als Wirtschaftsministerin. Seit 2018 ist sie Präsidentin des bayerischen Landtags. Und seit 15 Jahren führt sie den größten Bezirksverband Oberbayern. Wer also behauptet, Ilse Aigner sei anders als Söder und Merz und wie sie alle heißen, kein politisches Alpha-Tier, muss sich das gut überlegen. Ilse Aigner ist auf allen politischen Ebenen zu Hause, sie kennt, da sie in der Kommunalpolitik angefangen hat, die Politik in- und auswendig. Nur eins kann sie nicht und will sie nicht: den Machtkampf mit Ellenbogen und anderen unschönen Begleiterscheinungen.

Zweimal schwer krank

Wer sie erlebt hat, wird ihre Gelassenheit gespürt haben, was daher rühren mag, dass Ilse Aigner  zweimal schwer krank war. Schon vor ihrem 18. Geburtstag musste ein Tumor in ihrem Rücken entfernt werden. Eine Querschnittslähmung drohte, sie bewahrheitete sich zum Glück nicht, aber ihre Sicht auf das Leben änderte sich. Einige Jahre später, da war sie Ministerin in Berlin, wurde ein Tumor in der Schilddrüse entdeckt, ein bösartiges Karzinom mit der Folge: Operation, Strahlen-Therapie, Isolation. Aber sie erfuhr schnell, dass es eine sehr gute Heilungschance gab.

Und jetzt ist sie auf dem Weg nach ganz oben. Es spielt keine Rolle mehr, aus welchen Motiven heraus Markus Söder sie vorgeschlagen hat, ob er sie loswerden wollte als mögliche Konkurrentin um das Amt des Ministerpräsidenten, oder weil Söder selbst in arge Not geriet durch die schlechten Kommunalwahlergebnisse seiner CSU, die ihn dazu bewogen, der in der CSU sehr beliebten Ilse Aigner etwas Gutes zu tun. Kann sein, möglich. Aber egal. Sicher, dass sie keine Kandidatin des Herzens für Markus Söder ist, wie es die Politik-Wissenschaftlerin Ursula Münch ausdrückte, die der Kandidatin jedoch große Qualitäten bescheinigte.  Ob mit der Wahl von Ilse Aigner sich Söders Ambitionen auf die Nachfolge von Merz erschöpft haben, gilt als wahrscheinlich. Sei es drum. Interessant noch, was die CSU-Kennerin Ursula Münch noch über den Bundeskanzler äußerte, dem sie Schwierigkeiten in der Personalpolitik zuordnete: Die Art und Weise, wie Merz diesen Prozess gestaltete, wird von Münch als „wenig glücklich“ bewertet. „Das Hinauszögern der Entscheidung“ scheine ein „wiederkehrendes Muster in seinem Führungsstil“ zu sein.

Ilse Aigner geht mit der Politik und ihrer Karriere natürlich um, ohne Machtgier. Die hatte der Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier auch nicht, aber er war Akademiker, promovierter Jurist, aber auch kein abgehobener Zeitgenosse. Ein Mitarbeiter von Gerhard Schröder, stieg mit ihm auf, half bei dessen Weg zum Kanzler. Mit ihrer verbindenden Art, die angenehm auf einen wirkt, kann Ilse Aigner die Menschen wieder zusammenbringen. Einen Vorteil hat sie längst bewiesen: Sie kann zuhören, redet nicht von oben herab auf die Leute ein, sondern erweckt den Eindruck, dass sie wissen will, wo der Schuh drückt, was zu tun sei zum Wohle der Menschen. Ob sich durch sie etwas verändert, das Klima in der Gesellschaft, zwischen den Menschen, ob sich für die Parteien der Mitte, die Demokraten wieder die Tür öffnen zu den Wählerinnen und Wählern, die sich abgewandt haben zur AfD?

Sie ist irgendwie normal

Die 61jährige lebt immer noch in ihrem Geburtsort Feldkirchen-Westerham, was rund 30 Kilometer vom Tegernsee entfernt liegt, wo die Familie Merz ein Haus hat. Ihre eigene Familie ist nah. Ilse Aigner gilt als daheim verwurzelt, was ihr helfen kann im nervigen, lauten Berlin.  Sie ist Single. Irgendwie normal, beschreibt sie jemand, der sie gut kennt, man könnte hinzufügen, geblieben.  Sie kann Bierzelt und Landtag, Markt und Seminar. Nicht wie Söder, nicht so laut, was einen auch erschrecken kann. Sie ist im besten Sinne eine Konservative, was werterhaltend bedeutet. Gerade in der heutigen Zeit, wo diese Werte attackiert werden von Gegnern, keine schlechte Eigenschaft. Sie ist bürgernah, weil sie mit den Leuten kann. Im Grunde eine von uns.

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