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WOCHENMARKT: Von fehlender Nähe zwischen Kanzler und seiner Partei und vom Ende der Zählkandidatinnen

Norbert Bicher Von Norbert Bicher
7. November 2026
Wochenmarkt, Zeichnung: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)   

Der Auftritt hatte absurde Züge und belegte, wie sehr Friedrich Merz der Findungsprozess für das höchste Amt im Staate entglitten ist. Der Kanzler war am Freitagabend zu einem Redaktionsbesuch bei der Westfalenpost in Hagen. Seit dem Nachmittag hatten alle Medien berichtet, dass die Entscheidung für die CSU-Kandidatin Ilse Aigner gefallen war. „CDU-Kreise“ hieß es in den Berichten, hätten das bestätigt. Der Kanzler saß im Pressehaus seiner Heimatzeitung und behauptete trotzig: er halte sich an das Verfahren, dass die Personalie erst zu Wochenbeginn im CDU-Präsidium entschieden werde. Der große Rest von CDU und CSU aber nicht!

Diese Aussage spricht für den Autoritätsverlust des Kanzlers und Parteivorsitzenden in den eigenen Reihen. Herr des Verfahrens in der Präsidentinnen-Frage war er seit Wochen nicht mehr. Auf der Zielgeraden haben ihn das einige Parteifreunde noch einmal eindrucksvoll durch Indiskretionen spüren lassen. Sie wollten ihm offenbar nicht den Erfolg gönnen, Aigner als Kandidatin seiner Wahl zu präsentieren, sondern seine Rolle als Getriebenem unterstreichen. „Echte Nähe“ stand als Logo über der Veranstaltung der Westfalenpost beim Kanzlerbesuch. Eine Nähe, der sich Merz in der Partei nicht mehr sicher sein kann.

*

Der Weg ist geebnet für die erste Frau im Bundespräsidialamt. Nach 78 Jahren mit zwölf Präsidenten ein überfälliges Signal. Endlich! Erstmals müssen Kandidatinnen nicht als bloße Zählkandidatinnen in der Bundesversammlung antreten. So war die Rollenverteilung, wenn Frauen in aussichtslose Rennen geschickt wurden. Erstmals 1979 Annemarie Renger für die SPD. Die Sozialdemokratin, die 1972 nach dem grandiosen Wahlsieg von Willy Brandt erste Bundestagspräsidentin wurde, hatte bei der Wahl gegen den CDU-Kandidaten Karl Carstens keine Chance, ließ sich aber in die Pflicht nehmen. Renger war die erste, aber längst nicht die letzte Frau, die in der Bundesversammlung mit einer Niederlage rechnen musste. Neun Frauen mussten diese bittere Rolle übernehmen. So Hildegard Hamm-Brücher (FDP), die 1994 gegen den CDU-Mann Roman Herzog antrat. 1999 schickte die CDU Dagmar Schipanski aussichtslos gegen Johannes Rau ins Rennen. Gleich zweimal, 2004 und 2009, trat Gesine Schwan für die SPD vergeblich gegen Horst Köhler an.

Ein Schicksal, dass Ilse Aigner erspart bleibt. Sowohl die SPD als auch die Grünen haben signalisiert, dass sie sehr einverstanden sind mit der CSU-Frau als Chefin in Schloss Bellevue. Friedrich Merz wird am 30. Januar 2027 bei der Bundesversammlung gute Miene machen müssen zu einer Präsidentin, bei deren Benennung er sich mit Ruhm nicht bekleckert hat.

*

Seit einem Jahr ist Torsten Burmester Oberbürgermeister von Köln, der größten Stadt Nordrhein-Westfalens. Der SPD-Mann gilt als zupackend, bodenständig und volksnah. Ihm trauen viele Genossen zu, dass er die Partei in der Millionenstadt zu einer „sozialdemokratischen Herzkammer“ formen kann. Burmester selbst scheint offensichtlich Gefallen daran zu finden, seine Stimme über die Kommunalpolitik hinaus hörbar zu machen. Vor Wochen zählte er zu einer Reihe prominenter Sozialdemokraten, die ihre Partei in Berlin vor einem Bündnis mit der dortigen Linken warnte. Jetzt, eine Woche nach den Jugendprotesten, die in Köln von einigen hundert gewaltbereiten Chaoten gekapert wurden, meldet er sich mit der Forderung zu Wort, Jugendlichen ab 16 Jahren Stimmrecht bei den Bundestagswahlen zu erlauben.

In einem Gastbeitrag des Kölner Stadt-Anzeiger wirbt er dafür, diejenigen,  die friedlich für ihre Interessen demonstrieren, nicht gleichzusetzen mit denen, die Proteste für Gewalt missbrauchen. Und er ist der Meinung, dass es nicht reicht, Jugendlichen noch intensiver die Entscheidungsgrundlagen der Politik zu erklären. Vielmehr müsse ihnen mehr Möglichkeiten gegeben werden, „an diesen Entscheidungen mitzuwirken“. Die Senkung des Wahlrechts für alle auf 16 Jahren sieht er dabei als ein wichtiges Instrument an. Mal sehen, ob Burmester das Gewicht und die Akzeptanz hat, mit diesem Vorschlag in Partei und Gesellschaft durchzudringen.

Bildquelle: Zeichnung vom Niehler Wochenmarkt: Wolfgang Schieffer (Waldmaler.de)

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Tags: BundespräsidentenwahlBundespräsidentinCDUFriedrich MerzIlse Aigner
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