Coronavirus

Notlage in Deutschland-Und wir diskutieren über Freiheit

RKI-Chef Thomas Wieler ist um seinen Job nicht zu beneiden. Seit Monaten warnt er- übrigens auch viele seiner Kollegen- davor, Corona ja nicht zu leicht zu nehmen., Seit langem hat er die Öffentlichkeit verbal darauf eingestellt, dass wir einen harten Winter bekommen- weil die Pandemie nicht besiegt sei, sondern die Zahlen explodieren könnten. Jetzt fliegen uns die Zahlen um die Ohren, täglich erschrecken wir, weil sich erneut  50000 Menschen infiziert haben und Wieler dazu erklärend ergänzt, die wirklichen Corona-Zahlen seien viel höher. Und was machen wir, unsere Politiker und alle jene, die sich gern präsentieren, oftmals reden, ohne etwas zu sagen zu haben? Sie tingeln durch die Talkshows und reden über Freiheiten, die es zu verteidigen gelte. Nein, bloß keine Impfpflicht, dagegen könnte ja jemand klagen, überhaupt der Druck, der da auf Ungeimpfte ausgeübt werde- einfach furchrbar. Ich will Ihnen was sagen, was ich davon halte: Feige sind diese Sorte Politiker, sie drücken sich vor einer Entscheidung. Dass sie damit die weitaus größte Mehrheit der Deutschen-56 Millionen sind geimpft- vor den Kopf stoßen, scheint sie nicht zu interessieren. Die Lage ist katastrophal, warnt Wielers Kollege, Prof. Thorsten Lehr von der Uni Saarland. Er fordert sogar einen Lockdown für alle, bis auf die Schulschließungen und die Grundversorgung, private Kontakte müssten reduziert werden. Also alles auf Anfang? Haben wir nichts gelernt?

Wegducken heißt die Parole. Und wenn ich mir die Debatte über Corona der letzten Tage vor Augen halte, werde ich ziemlich wütend. Die Unions-Seite, die ja auf der ungeliebten Oppositionsbank gelandet ist, weil sie-Pech gehabt- die Wahl verloren hat und seither ablehnt, was die anderen, die Ampel-Vertreter vorschlagen, droht mit Blockade im Bundesrat. Was soll das bringen?  Herr Wüst, der neue MP aus NRW, will sich anscheinend profilieren. Breitbeinig. Womit ich nicht behaupten will, dass SPD, FDP und Grüne grundsätzlich Recht haben. Aber klar muss doch sein: die Pandemie ist weder eine regionale Angelegenheit noch eine, die Parteiengezänk verträgt. Sie ist ein weltweites Problem, das wir gemeinschaftlich lösen müssen. 100000 Tote stehen jetzt schon auf der Liste der Opfer, Wieler hat vor Tagen davor gewarnt, wenn wir nicht handelten, schnell und entschlossen, würden in diesem Winter weitere 100000 Tote dazu kommen. Täglich bis zu 400. Reicht das nicht, um den Ungeimpften zu sagen: Schluß mit der Debatte, wir brauchen eine Impfpflicht, auf jeden Fall weniger Kontakte, Abstand, die bekannten Hygieneregeln, das ganze Programm. Und Impfpflicht selbstverständlich auch für das medizinische und Pflegepersonal, das in Alters- und Pflegeheimen Dienst tut wie in Krankenhäusern. Nur Impfen hilft, nicht das Reden gegen Impfen.Wir brauchen eine nationale Kraftanstrengung, das Virus kann jeden treffen, egal, welcher Partei er angehört. Die Ministerpräsidenten mögen sich bitte verständigen mit der neuen Mehrheit im Bundestag. Alles andere wäre ein Armutszeugnis. Und Herr Söder, so zu tun und zu reden, als hätten die Wissenschaftler es auch nicht besser und früher gewusst, ist eine bewusste Täuschung. Damit will er nur von eigenem Fehlverhalten ablenken. Kanzler wird er zumindest jetzt nicht.

Ausland lacht über uns

Das Ausland lacht inzwischen über Deutschland. Bei uns wurde der Impfstoff gegen Corona  erfunden. Eine tolle Leistung der Wissenschaftler, der Forscher. Aber in der praktischen Umsetzung erweisen wir uns als Anfänger. Gerade die Deutschen, früher als Weltmeister in der Effektivität gelobt, als die, die Ordnung schaffen, damit geregelt wird, was geregelt werden muss, stehen sich im Weg, kriegen nichts auf die Reihe. Bedenkenträger haben längst die Oberhoheit über Stammtischen und in Talkshows übernommen. Dass einer wie Wieler Alarm schlägt, von einer Notlage spricht, wird mit einem verquasteten Geschwurbel abgetan, das philosophisch klingen soll, aber inhaltlich einer Nulldiät entspricht. Die Corona-Zahlen explodieren. Und dennoch bleiben die Reaktionen vage. Wieler warnt, wir liefen in ein schlimmes Weihnachtsfest. Wahrscheinlich wird das so, weil die Querdenker und die anderen Freunde des Nicht-Impfens und sogenannte Liberale diesen ehrbaren Virologen und all seine Kolleginnen und Kollegen nicht Ernst nehmen, weil sie nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass sie auf dem falschen Dampfer sind und eine Last für diese Gesellschaft. Wie kann ein Ungeimpfter guten Gewissens in einem Alten- und Pflegeheim arbeiten? Er kann das Virus von außen hereintragen, mit tödlichen Folgen gerade für die Alten und Kranken. Und dafür soll man Verständnis haben?

Wir haben an dieser Stelle vor Monaten schon mal vor der Triage gewarnt, die passieren kann. Wer wählt eigentlich aus, wenn es darum geht, zwischen Patienten zu entscheiden, die als erste behandelt werden und andere eben nicht? Werden die Chancen eines 86jährigen, der durchgeimpft ist und nunmehr einen Schlaganfall erleidet, geringer eingeschätzt als die eines 40jährigen, der ungeimpft ist und schwer an Corona erkrankt? Wird dann der Ältere behandelt oder erst der Jüngere? Wer bekommt die Chance, länger zu leben, indem er operiert wird? Ob der Impfverweigerer freiwillig auf einen Platz in der Intensivstation verzichtet? Diese Art der Debatte sei böse, habe ich gehört. Mag sein, dass der eine oder andere diese Argumentation nicht hören will, weil sie die Impfgegner als die entlarvt, die sie sind: Egoisten und Ignoranten, Besserwisser. Um das klar zu sagen: Die Ärzte müssen jeden Patienten behandeln, gleich ob geimpft oder ungeimpft. Die Frage der Schuld wird kein Mediziner stellen. Schön ist das nicht.

Ärzte und Pfleger am Limit

Ärzte und Pflegekräfte arbeiten am Limit, lese und höre ich, sie sind nicht zu beneiden, weil sie nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, weil sie am Ende ihrer Kräfte sind. Und diese Ärzte und Pflegekräfte müssen sich dann noch am Abend im Fernsehen Debatten anhören über Freiheit. Die Freiheit der Impfgegner, sich nicht impfen zu lassen. Und ein Jeder, der so argumentiert, hat natürlich das Grundgesetz für sich gepachtet und zitiert. „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt.“ Aber das tut er, weil er als Ungeimpfter seine Nachbarn in der Siedlung, seine Kolleginnen und Kollegen am Arbeitsplatz, Fahrgäste in Bussen, Bahnen und Flugzeugen anstecken kann. Auch die anderen Gäste in Kneipen und Hotels, in Stadien und Opernhäusern sind durch Ungeimpfte gefährdet. Das gilt auch beim Einkaufen beim Metzger wie beim Bäcker. Das gilt für Schülerinnen und Schüler. Freiheit? Welche Freiheit meinen diese Zeitgenossen? Sie geht zu Lasten der Geimpften, die ja auch trotz Impfung angesteckt werden können. Von den Ungeimpften. Wer gibt ihnen das Recht, auf diese Freiheit zu pochen, die Tragödien auslösen kann, Todesfälle. Das Risiko durch Covid ist um vieles größer, die Ansteckung von Millionen die Folge. Auf den Intensivstationen liegen zu 90 Prozent Ungeimpfte. Zählt das nicht?

Noch einmal: Es war ein Fehler der Bundeskanzlerin Angela Merkel(CDU) und ihres Bundesgesundheitsministers Jens Spahn(CDU), bei Beginn der Pandemie auf eine Impfpflicht verzichtet zu haben. Auch der Mit-Regent der Groko, die SPD, hätte hier gleich am Anfang Alarm schlagen müssen. Man hat Covid halt unterschätzt. Fehler können passieren, aber sie müssen dann auch korrigiert werden, wenn sie als solche erkannt worden sind. Wir brauchen die Impfpflicht. Andere sprechen von einem Lockdown für Ungeimpfte. Das wäre dann die Impfpflicht durch die Hintertür. Sei es wie es sei. Für die Ungeimpften wird das Leben ungemütlicher. Weil sie vor verschlossenen Türen stehen werden. Und es darf auch nicht sein, dass sie sich freitesten,(hat Wieler gefordert) das hilft gegen Corona auch nicht. Und auch wenn sie dann von Spaltung der Gesellschaft schwafeln. Die haben sie selber gewählt. Durch einen Piks könnten sie ganz schnell am Leben der anderen wieder teilnehmen. Die solidarische Gesellschaft verlangt das von ihnen. Mit Recht. 

Bildquelle: Pixabay, Bild von Alexandra_Koch, Pixabay License

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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