Olympia

Olympia im Revier- ein Traum

Armin Laschet will die Spiele, IOC-Präsident Thomas Bach wohl auch, 2032 -wer weiß, wer dann von uns noch lebt, wer hier regiert-soll der Traum Wirklichkeit werden: Olympia an Rhein und Ruhr, besser an Ruhr und Rhein, damit nicht alles an den Rhein nach Düsseldorf und Köln fließt, was das Ruhrgebiet schmücken und dringend gebrauchen könnte. Könnte, wir reden, wie man im Traum redet. Das Konzept dafür trägt den passenden Namen „Dreams 2032“, eine treffliche Bezeichnung eines Themas, das wir schon kennen aus anderen gescheiterten Bewerbungen. Berlin hatte eine Kandidatur für 2000 im Auge, Leipzig für 2012, München für 2018 und 2022, Hamburg dachte an 2024. Gescheitert auch an der Ablehnung der Bürger, die man dieses Mal aber wohl gar nicht befragen will, hört man. Hat man Angst vor einer basisdemokratischen Entscheidung?

Holt Olympia an die Ruhr, lautete der hoffnungsvolle Titel einer Kolumne in der „Süddeutschen Zeitung“ vom Wochenende. Als ich den Titel las, musste ich schmunzeln. Darüber hat man im Revier, an Rhein und Ruhr schon früher geredet. Sport und das Ruhrgebiet, das passt. Die Menschen sind sportbegeistert, sie lieben nicht nur den Fußball, sind nicht nur Anhänger des BVB oder von Schalke 04. Und die Dachzeile sagte noch etwas mehr aus, was mich dazu bewog, den Text bis zum Ende zu lesen: Strukturwandel. Das in der Tat ist das große Problem vor allem im Ruhrgebiet seit vielen Jahren, seit dem Zechensterben, seit dem Abbau von Arbeitsplätzen in der Stahlindustrie. Viele Stellen sind weggebrochen mit der Industrie, es wuchs nur wenig nach, zu wenig.

Man hinkt hinterher

Ja, es gibt Forschungseinrichtungen im Ruhrgebiet, der Dienstleistungssektor macht Fortschritte, Universitäten sind entstanden wie die Ruhr-Uni in Bochum, Dortmund wurde ausgebaut, die Gesamthochschule Essen-Duisburg trägt den wichtigen Beinamen Universität, die Fern-Uni Hagen nicht vergessen, Fachhochschulen gehören dazu. Alles wichtig, aber zu wenig. Ein Beispiel: Allein im Bergbau wurden über die Jahrzehnte Hunderttausende von Arbeitsplätzen gestrichen. Ersatz: Mangelware. Der Strukturwandel fegt wie ein Tornado über eine Region,  gemessen daran kommt der Umbruch wie eine Schnecke daher.

Im Revier hinkt man hinterher, man fahre mal durch die Städte und schaue sich das Elend an. Ich meine den Norden des Reviers, nicht den feinen Süden, wo die Reichen wohnen. Wenn jetzt noch die Kohlekraftwerke dicht gemacht werden-ich weiß, das dauert noch, aber es wird passieren- bleiben wieder nach den Abbrucharbeiten einstige Grundstücke der Industrie zurück.  Und wer baut da drauf? Wer liefert die Ersatz-Jobs?

Schon jetzt ist die Arbeitslosigkeit an der Ruhr überdimensional hoch. Entsprechend das Bild der Städte und Gemeinden. Oft genug sieht es trostlos aus. Die Städte sind hoch verschuldet durch die Soziallasten, sie können nichts stemmen, um aus der Talsohle herauszukommen. Ihnen die Schulden zu erlassen, die eine Folge des Zechen- und Hüttensterbens und der daraus resultierenden Massenarbeitslosigkeit sind, ist eine Forderung an den Staat seit vielen Jahren. Geschehen ist nichts. In Berlin trägt man lieber die schwarze Null wie eine Monstranz vor sich her. Die Schulen in vielen Revierstädten schauen erbärmlich aus, die Straßen sind nicht besser, ebenso die Brücken, hier mangelt es an jeder Ecke. Und es wird sich auf lange Sicht nichts tun, da die Städte überfordert sind. Man frage den Oberbürgermeister von Gelsenkirchen oder schaue sich die Strukturen in Herne, Wanne-Eickel, manche Viertel in Bochum, Essen und Duisburg an. Es wäre viel zu tun. Seit langem. Aber es geschieht zu wenig. Versprechungen helfen nicht, die Menschen glauben ohnehin nicht daran. Deshalb sollte man mit Hoffnungen vorsichtig sein. Der Ruhri ist nicht doof.

Schwache Infrastruktur

Der SZ-Autor verweist darauf, dass viele Sportstätten im Revier schon vorhanden seien. Ja. Die Stadien in Dortmund und Gelsenkirchen sind sehr gut, entsprechen modernen Anforderungen. Auch die Fußballarenen in Köln und Düsselorf würden eine Prüfung bestehen. Aber wie sieht es mit der Anbindung aus? U-Bahnen gibt es nur als Teilstrecken, z. B. in Essen, Köln, Bochum und Bonn. Die S-Bahnen verkehren wie im letzten Jahrhundert. Wer von Ost nach West oder umgekehrt durchs Revier fahren will, muss umsteigen und ziemlich viel Zeit investieren. Es gibt keinen geschlossenen Kreislauf, was den Verkehr im Ruhrgebiet angeht. Stückwerk, überall Stückwerk. Dazu sehr teuer. Vergleich: Eine Tageskarte für die S-U-Bahn in Berlin kostet etwas über sieben Euro. Fahren Sie mal für das Geld mit der Straßenbahn in Bonn oder Köln. Sie kommen nicht weit. Berlin und das Ruhrgebiet sind von der Größe her vergleichbar.

Olympia als Chance. Aber für wen? In der SZ lese ich den Vorschlag des Autors: das olympische Dorf könnte in Düsseldorf oder Köln entstehen, also dort, wo ohnehin vieles in Ordnung ist und aufgeräumt wirkt. Und das Olympiastadion würde dann wohl auch an die Rheinschiene gehen, in die Landeshauptstadt. Glaubt wirklich jemand, dass die Revierstädte-sie sind in der Mehrheit- einem solchen Konzept zustimmen würden? Sie müssten befürchten, wieder mal leer auszugehen. Und ob Köln, die einzige Millionenstadt in NRW,  Düsseldorf den Vortritt lässt, wage ich zu bezweifeln.

Dazu kommt die fehlende Geschlossenheit der Region.  Es ist doch bekannt, dass nicht nur Düsseldorf und Köln sich nicht mögen.  Nehmen wir das Ruhrgebiet. Der SZ-Autor scnlägt vor, Fußball könne in Dortmund ausgetragen werden. Was glaubt er, wird Gelsenkirchen dazu sagen? Dort kickt der FC Schalke, in Dortmund ist der BVB zu Hause. Sie sind mehr als Konkurrenten, sie können sich nicht leiden, um es höflich zu formulieren, der eine gönnt dem anderen lieber den Abstieg als die Meisterschaft. Aber bleiben wir bei den Vorschlägen des Münchner Blattes: die Ruder-Regatta könnte in Duisburg ausgetragen werden. Ok, das könnte so werden, aber der Essener Baldeneysee wird sich melden, wenn es Ernst wird. Basketball in Bonn, meinetwegen, Reiten in Aachen, ja das ist wohl unumstritten.

Vergleich mit München hinkt

Der Vergleich mit München hinkt. Er passt überhaupt nicht. München war damals, in den 60er Jahren, schon eine beliebte Millionen-Stadt-(Hauptstadt mit Herz), die ins Rennen ging, und die bayerische Metropole hatte in ihrem Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel einen überragenden Streiter für ihre Sache. Das Ruhrgebiet ist dagegen zerstückelt, eine Stadt reiht sich an die andere. Geschlossenheit? Fehlanzeige. Gemeinsames Auftreten? Gab es nie. Und weil das so ist, kann man den Vergleich nicht hernehmen. München konnte sein U- und S-Bahnnetz von Grund auf erneuern. Die damaligen Verkehrsprobleme der Millionenstadt wurden gelöst. Daran ist im Revier nicht zu denken. Ich weiß gar nicht, wieviele unabhängige Verkehrs-Gesellschaften es gibt.

München, das war vor rund 50 Jahren, als man den Zuschlag erhielt. Lange her. Seitdem ist die Idee Olympische Spieler mehr und mehr zu einer Frage des Geldes und des Gigantismus verkommen. Nicht nur höher, weiter, schneller, mehr, mehr, mehr muss alles sein, größer, toller, glanzvoller. München, das war damals ziemlich einmalig, der Olympiapark, das kühne Stadion-Projekt des Architekten Behnisch mit dem Zeltdach, was danach zur Spielstätte des FC Bayern wurde und den sportlichen wie finanziellen Ruhm der Roten begründete.Ein olympisches Dorf mit Wohnungen, die nachher bezahlbar sein müssen und auch von Otto Normalverbraucher gemietet oder gekauft werden könnten, Olympiahallen, die danach zu nationalen Sportstätten würden, zu Arenen von Eventcharakter für Sport und Kultur.

Olympia an der Ruhr und am Rhein, ich wähle bewusst die Reihenfolge, weil ich als Kind des Reviers möchte, dass das Ruhrgebiet nicht am Katzentisch sitzt, sondern in den Mttelpunkt von Spielen der Welt gerückt wird. Der Pott, wie es der SZ-Autor zu oft sagt- der Bürger des Reviers ist da sparsamer- würde davon profitieren, die Spiele würden helfen, das Gesicht des alten Kohlenpotts nachhaltig zu verändern. Gerade vor dem Hintergrund von Studien, die dem Revier schwache Zukunftschancen einräumen, die besagen, dass die Städte des Ruhrgebiets im Vergleich zu Städten wie Hamburg, Berlin und München weiter zurückfallen, dass es Handlungsbedarf gebe für Gelsenkirchen, Hattingen, Mülheim, Duisburg, Essen, Bochum, Herne, Recklinghausen, Dortmund-ich kann nicht alle aufzählen-, gerade weil die Lage so bescheiden ist, dass man von gleichwertigen Lebensverhältnissen, wie es das Grundgesetz verlangt, schon lange nicht mehr reden kann, wäre Olympia die Chance für das Ruhrgebiet. Käme es so, es wäre gerecht. Eine Region, der die Bundesrepublik ihr Wirtschaftswunder verdankt, bekäme nach Jahrzehnten etwas zurück.

Ein Großprojekt wie die Olympischen Spiele wäre die Chance, das Revier fit für die Zukunft zu machen, der Welt zu zeigen, dass Strukturwandel funktioniert, dass mit dem Ende von Kohle nicht der Abstieg einer Region verbunden sein muss, sondern eine innovative und umweltfreundliche Wirtschaft stehen kann. Dieses Zitat habe ich auch der SZ entnommen. Es drückt ja die Hoffnung aus, die man hat, wenn man aus dieser Ecke Deutschlands kommt. Die Menschen dort hätten es verdient.

Bildquelle: Pixabay, Bild von Gerd Altmann  (geralt), Pixabay  License

 

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Alfons Pieper

arbeitete als stellvertretender Chefredakteur und Berliner Chefkorrespondent für die WAZ. 2009 gründete Pieper den Blog "Wir in NRW". Heute ist er Chefredakteur des Blogs der Republik.


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